Gesund gemachtes Essen

Sie sollen nicht mehr nur schmecken, sondern auch gegen verbreitete Zivilisations-Krankheiten helfen – und sie sind für die Hersteller höchst lukrativ. Doch die Wirkung muss jetzt wissenschaftlich nachgewiesen werden.

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Von
  • Veronika Szentpetery

Das Versprechen von mehr Gesundheit zieht in einer Zeit, in der uns immer mehr Fernsehköche natürliche, gesunde Zutaten ans Herz legen – in der wir aber zu viel Stress, zu wenig Bewegung und kaum noch Zeit zum Frühstücken, Einkaufen oder zum Kochen von ausgewogenen Mahlzeiten mit frischen Zutaten haben.

Bereits auf dem Markt ist etwa die Margarine Becel pro-activ von Unilever, die mit Hilfe von Pflanzenstoffen den Spiegel des ungünstigen LDL-Cholesterins im Körper senkt. Ein weiteres Beispiel sind Brotsorten, Eier und Joghurts, die die eigentlich nur in Fischen und Pflanzenölen vorkommenden Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren enthalten. Diese mehrfach ungesättigten Fettsäuren senken das Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen. Der Schweizer Hersteller Emmi bewirbt seinen Joghurtdrink Evolus damit, dass dieser mit Hilfe von Milcheiweißen leicht erhöhte Blutdruckwerte senken kann. Künftig soll Schokolade aus dem Hause Mars, angereichert mit pflanzlichen Flavanolen, den Blutdruck günstig beeinflussen und Thrombosen verhindern. Greenpeace will gar erfahren haben, dass Barry Callebaut, einer der weltweit größten Hersteller von Kakao und Schokolade, im kommenden Jahr einen Schokoriegel auf den Markt bringen will, der die Potenz steigert.

Und die Branche hat Erfolg: Das Marktforschungsunternehmen Leatherhead Food International beziffert das kombinierte Marktvolumen in den fünf größten europäischen Märkten sowie den USA und Japan für 2005 auf knapp 16 Milliarden Dollar. Und diese Zahl bezieht sich nur auf Produkte, die auf der Verpackung oder in der Werbung gesundheitsbezogene Aussagen treffen. Der Anteil von Japan, mit Produkten wie dem probiotischen Yakult-Drink quasi das Mutterland von Functional Food, liegt mit 5,7 Milliarden Dollar bei gut einem Drittel des Gesamtmarktes. Sortiert nach Produktgruppen, liegen Milchprodukte mit weltweit 43 Prozent klar vorn, gefolgt von Müslis und Frühstücksflocken (19,4 Prozent) und Getränken (14,4 Prozent). Fasst man die Definition weiter und nimmt auch Produkte hinzu, die nicht als funktionelle Lebensmittel beworben, aber so wahrgenommen werden, wurden 2005 in den betrachteten Märkten sogar Funktions-Lebensmittel im Wert von etwa 37,7 Milliarden Dollar verkauft.

In Deutschland durften Lebensmittel – anders als Medikamente – laut dem Gesetz zur Neuordnung des Lebensmittel- und Futtermittelrechts (LFGB) bislang nicht mit krankheitsbezogenen Aussagen werben oder irreführende Angaben zum gesundheitlichen Nutzen machen. Das führte bei den Herstellern zu einer wahren Wortakrobatik, um das Verbot mit unverfänglichen, aber dennoch kauffördernden Aussagen zu umgehen. So aktiviert der Actimel- Joghurt laut Werbung recht unspezifisch die Abwehrkräfte, ebenso wie LC1 nur sehr allgemein die Abwehr stärkt. Verschwiegen wird dabei selbstverständlich, dass auch ganz gewöhnlicher Joghurt Bakterien enthält, die für eine gesunde Darmflora als nützlich gelten.

Seit Beginn dieses Jahres gelten allerdings einheitlich für die Europäische Union neue Regeln für gesundheitsbezogene Aussagen, sogenannte „health claims“, in der Werbung: Nach der Verordnung dürfen Lebensmittelhersteller zwar eine positive gesundheitliche Wirkung ihrer Produkte bewerben – aber eben nur dann, wenn diese Wirkung mit wissenschaftlich anerkannten Methoden untermauert ist. Im einfachsten Fall kann das durch bereits existierende wissenschaftliche Literatur geschehen, im anspruchsvollsten müssen eigene klinische Studien her – ohne Nachweis darf eine Wirkung nicht einmal mehr angedeutet werden. Ähnlich wie schon die Kosmetik-Industrie (siehe TR 8/06) werden sich also die Lebensmittelhersteller stärker an ihren Versprechen messen lassen müssen.

Doch auch dieses Rezept hat eine unerwartete Nebenwirkung: Die großen Lebensmittelkonzerne werden gegenüber kleineren Konkurrenten gestärkt, weil diese sich die aufwendigen Studien nicht oder nur selten leisten können. Je nach Anforderung sieht der Analytik-Spezialist BioTeSys Kosten zwischen 60.000 und 170. 000 Euro pro Studie. Die Startchancen für einen der wachstumsstärksten Bereiche der Lebensmittelindustrie erscheinen vor diesem Hintergrund ungerecht verteilt. (wst)