"Die Realität ist ein viel größeres Ding"

Interview mit dem theoretischen Physiker David Deutsch, einem der bekanntesten Vertreter der Multiversum-Theorie, nach der unendlich viele Welten existieren, die wir nicht sehen können.

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Von
  • Michael Fuhs
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David Deutsch, 53, ist einer der bekanntesten Vertreter der Multiversum-Theorie, nach der unendlich viele Welten existieren, die wir nicht sehen können. Bereits Ende der 70er-Jahre schlug er ein Experiment vor, das seine Theorie eines Tages vielleicht belegen könnte. Er entwarf das Konzept eines Quantencomputers und legte damit die Grundlagen für das Forschungsgebiet der Quanteninformatik. Für seine Leistungen bekam er etliche Auszeichnungen, darunter den angesehenen Paul-Dirac-Preis des Institute of Physics. Er forscht derzeit am Centre for Quantum Computation am Clarendon Laboratory der Universität Oxford, das er mit gegründet hat.

Technology Review: Herr Deutsch, Sie sagen, dass es ein Universum gibt, in der die Erde anders als in unserem Universum vor 60 Millionen Jahren nicht von einem Kometen getroffen wurde. Sind sie sich sicher?

David Deutsch: Ja, ganz sicher.

TR: Gibt es dann auch Universen, in denen die Dinosaurier überlebt und sich zu intelligenten Lebewesen weiterentwickelt haben?

David Deutsch: Das folgt aus der Quantentheorie, einer der fundamentalsten Theorien der Physik. Diese Folgerung, dass es viele verschiedene Universen gibt, ist übrigens nicht meine Idee. Sie ist seit 50 Jahren bekannt und wurde von Hugh Everett als Erstes publiziert.

TR: Wo sind denn die ganzen anderen Universen?

David Deutsch: Wir müssen berücksichtigen, dass die Frage nach dem Wo sich immer schon auf ein bestimmtes Universum bezieht. Zum Beispiel, ich wohne in Oxford, Sie nicht. Wir beziehen uns auf verschiedene Orte im gleichen Universum. Wenn Sie fragen, wo das Universum ist, geraten Sie in Gefahr, ihre Vorstellung irrezuführen, indem sie versuchen, sich das andere Universum irgendwo in unserem Universum vorzustellen, so wie einen anderen Ort.

TR: Wie kann man sich das dann besser vorstellen?

David Deutsch: Es ist besser, am anderen Ende zu beginnen. Nach der Quantentheorie besteht die physikalische Realität aus einem viel größeren Ding als der Gesamtsumme der Dinge, die wir sehen, der Sterne, der Galaxien. Die Realität ist ein viel größeres Ding, und das nennen wir Multiversum. Es hat Regionen, die sich fast autonom von den anderen Regionen verhalten. Und das sind eben die verschiedenen Universen.

TR: Sie sagen, wir alle würden in vielen dieser Universen existieren. In wie vielen dieser Universen würden wir Sie treffen?

David Deutsch: Wir sprechen hier über exponentiell große Zahlen. Es gibt unter den Universen solche, die sich deutlich voneinander unterscheiden, und solche, die vollkommen identisch sind. Welche wollen sie zählen?

TR: Nur die verschiedenen, in denen es trotzdem David Deutsch gibt.

David Deutsch: Das wäre immer noch eine extrem große Zahl. Wenn wir alle, also auch die identischen Universen zählen, wäre die Antwort sogar unendlich.

TR: Wann beginnen Universen denn, sich unterschiedlich zu entwickeln?

David Deutsch: Wenn Sie eine Münze werfen, werfen Sie die in unendlich vielen Universen, die identisch sind, dazu noch in ein paar anderen. Konzentrieren wir uns für dieses Beispiel auf die identischen: Sie teilen sich in zwei Gruppen auf, die sich unterschiedlich entwickeln, entsprechend den zwei möglichen Ergebnissen Kopf oder Zahl. Jede Gruppe enthält immer noch unendlich viele Universen.

TR: Für Sie sind alle Möglichkeiten, die nach der Quantentheorie eintreffen, Realität, wenn auch in verschiedenen Universen. Nach der von den meisten Physikern vertretenen Kopenhagener Interpretation kann aber nur eine Möglichkeit real sein. Welche, Kopf oder Zahl, entscheidet sich bei der Messung. Wann haben Sie begonnen, daran zu zweifeln?