Poet der Medizin ist tot
Anlässlich des Todes von Oliver Sacks bringen wir nochmal die Rezension seiner bewegenden und spannenden Autobiografie "On the move: Mein Leben", die Ende Mai erschienen ist.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Anlässlich des Todes von Oliver Sacks bringen wir nochmal die Rezension seiner bewegenden und spannenden Autobiografie "On the move: Mein Leben", die Ende Mai erschienen ist.
Der britische Neurologe und gefeierte Buchautor Oliver Sacks ist am Sonntag in New York an Krebs gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. In seinen Büchern beschrieb er verständlich und mitfühlend Fallbeispiele für neurologische Krankheiten. Patienten waren für ihm nie bloße Diagnosen, sondern Lehrer, die die Medizin voranbrachten."Es ist kein Zufall, dass viele der Eigenschaften, die Oliver Sacks zu einem brillanten Schriftsteller gemacht haben, ihn auch zu einem hervorragenden Arzt machten: seine scharfsinnige Beobachtungsgabe und Hingabe für Details, ein tiefes Mitgefühl und intuitives Verständnis für die endlosen Rätsel des menschlichen Gehirns und für die vertrackten Verbindungen zwischen Körper und Geist“, schreibt die New York Times. Die Süddeutsche Zeitung sekundiert: „Mit den Fallgeschichten, die witzig und einfach geschrieben sind, stellt Sacks die eigene Normalität immer wieder infrage. ‚Eine winzige Hirnverletzung, und wir geraten in eine andere Welt', erklärte er einst."
"Sie sind eine Gefahr für das Labor. Warum kümmern Sie sich nicht um Patienten – da werden Sie weniger Schaden anrichten." Das Urteil seiner Vorgesetzten klingt zynisch, sollte sich für den Jung-Neurologen Oliver Sacks aber als goldrichtig erweisen. Gerade hat der schusselige Forscher sein Notizbuch auf der Stadtautobahn verloren, weil er es nicht ordentlich auf dem Motorradgepäckträger befestigt hatte. Darüber hinaus sind ihm auch Proben des Nervenbaustoffs Myelin im Labor abhandengekommen.
So "wenig rühmlich" die Forscherkarriere des leidenschaftlichen Motorradfahrers 1966 endete, so erfolgreich wird die klinische. Sacks beginnt in New York eine Gruppe von in sich gekehrten Patienten zu behandeln, die an den Spätfolgen der Europäischen Schlafkrankheit litten. Er benutzt ein neues Parkinson-Medikament namens L-Dopa. Die Fachwelt ist konsterniert. Sie sehen in dem Leiden keine Parkinson-ähnlichen Symptome. Doch der Zustand der Patienten verbessert sich rasant. Ihr Schicksal wird später durch Sacks’ Buch "Zeit des Erwachens" (und den gleichnamigen Film) bekannt. Viele weitere neurologische Steckenpferde werden folgen: Seh- und andere neurologische Störungen, Musikalität, Autismus. Und mit ihnen zahlreiche weitere Bücher. In ihnen berichtet er von seinen Patienten mit tiefer Menschlichkeit, ansteckender Begeisterung – und Dankbarkeit darüber, dass sie ihm erlauben, mehr über die Funktionsweise des Gehirns zu lernen. Nicht zuletzt deshalb dürfte Sacks einer der bekanntesten und beliebtesten populärwissenschaftlichen Autoren weltweit sein.
Die Anerkennung der Forschergemeinde kommt jedoch erst spät. Lange schweigt sie aus Verachtung darüber, dass er lieber für das große Publikum als für die Fachwelt schreibt. Zudem wirft man ihm vor, die Patienten für seinen persönlichen Ruhm auszubeuten.
Nun berichtet Sacks über sich in genau der gleichen entwaffnenden Offenheit – auch über die Schattenseiten seines Lebens. So versuchte er etwa, parallel zu seinem Wechsel in die Klinik von seiner Amphetaminsucht loszukommen. Das ist nicht die einzige Überraschung in Sacks’ Autobiografie. Ebenso wenig dürfte seine obsessive Bodybuilding-Phase bekannt sein, oder dass er seine Homosexualität in seinem Geburtsland England lange verstecken musste, weil sie unter Strafe stand. Die meiste Zeit folgt man seinen Exkursen gerne. Gelegentlich verliert er sich allerdings in den Familiengeschichten und den Details.
"On the Move" wird schon im Druck gewesen sein, als Sacks seine Erkrankung öffentlich macht: "Ich kann nicht so tun, als hätte ich keine Angst. Doch als vorherrschendes Gefühl empfinde ich Dankbarkeit. Mir wurde viel geschenkt, und ich habe etwas zurückgegeben."
Trotz seiner unheilbaren Krebserkrankung, die Oliver Sacks im Februar dieses Jahres bekannt gemacht hatte, arbeitete der leidenschaftliche Schriftsteller weiter an neuen Büchern und Zeitungsartikeln. Zwei Artikel werden diese Woche im Magazin "New Yorker" und im "New York Review of Books" erscheinen. Die Veröffentlichung von Sacks‘ noch nicht erschienen Büchern übernimmt die von ihm gegründete "Oliver Sacks Foundation".
(vsz)