Evolution der Innovation
Wie wurde der Homo sapiens zum innovativen Technikwesen? Carel van Schaik sucht die Antwort in der Lernfähigkeit von Menschenaffen.
- Hanno Charisius
"Tiere meiden Neuerungen – jedenfalls so lange es irgendwie geht“, sagt Carel van Schaik und lächelt: Als wenn das bei Menschen anders wäre. Aber auch wenn es oft so scheint, als wäre Homo sapiens genauso innovationsfeindlich wie das Alphamännchen einer Berggorilla-Sippe, gibt es einen entscheidenden Unterschied. „Der Mensch muss irgendwann Anreize für Innovationen geschaffen haben“, sagt der Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich. Denn sonst würden wir uns heute wohl kaum von unseren nächsten Artverwandten, den Menschenaffen, unterscheiden.
Auch Tiere schaffen Innovationen. Wild lebende Schimpansen nutzen Steine als Hammer und Amboss, um Nüsse zu zerschlagen. Artgenossen in Gefangenschaft lernen schnell, Kisten übereinander zu stapeln, um an hoch hängende Früchte zu gelangen. Die berühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall beobachtete, wie Schimpansen Stöckchen verwenden, um Termiten aus ihren Bauten zu angeln. Gorilladamen im nördlichen Kongo loten mit Stöcken die Wassertiefe von Tümpeln aus und stützen sich beim Waten darauf wie auf eine Gehhilfe. Galapagos-Finken stochern mit Kaktusstacheln nach Insekten in Astlöchern. Delphine wickeln sich Schwämme um ihre Schnauzen, um sich beim Stöbern nach Fressbarem am Meeresgrund nicht zu verletzen.
Aber Tiere ersinnen neue Verhaltensweisen nicht aus freien Stücken, sondern nur unter einem gewissen ökologischen Druck. Dem sind vor allem jüngere oder rangniedere Tiere ausgesetzt oder alle, wenn das Leben aufgrund veränderter Umweltbedingungen nicht mehr wie vorher verlaufen kann. Dann sind neue Verhaltensweisen plötzlich überlebenswichtig – wer sich nicht anpassen kann, stirbt aus.
Menschen sind anders. Sie bekommen Anerkennung, wenn sie etwas Besonderes geleistet oder eine Erfindung gemacht haben. Unter Tieren, auch unter Menschenaffen, habe Anerkennung jedoch keinen Wert, „weil man sie nicht essen kann“, sagt van Schaik. Nur beim Menschen scheint es so was wie eine Innovationskultur zu geben, die sozial und nicht ökologisch motiviert ist. Warum Erfinden plötzlich zu einer prestigeträchtigen Sache wurde, vermag der gebürtige Holländer nicht zu sagen. Aber er vermutet, dass sich das Sozialverhalten unserer Vorfahren aufgrund widriger Umweltbedingungen veränderte. „Es gab mehr Kommunikation und mehr Zusammenhalt.“
Im Tierreich verschwinden Innovationen rasch wieder, weil es kaum Wege gibt, die neuen Erfahrungen auch nur von einem Individuum zum nächsten oder gar über Generationen hinweg weiterzugeben. Van Schaik entdeckte allerdings auf der Insel Sumatra in Indonesien eine Gruppe von Orang-Utans, die neben vielen weiteren Neuerungen eine Methode hatte, um mit Stöckchen nahrhafte Samen aus ihrer Hülle zu brechen. Die Samen sind durch Haare geschützt, die bei Berührung schmerzhafte Verletzungen verursachen. Bei benachbarten Populationen konnte der Forscher dieses Verhalten nicht beobachten. „Dafür gab es nur eine Erklärung: Einer der Affen muss diese Technik erfunden haben, und sie hat sich in der Gruppe verbreitet“ – nicht genetisch, sondern durch soziales Lernen.
Bis zu van Schaiks Beobachtungen auf Sumatra ging man davon aus, dass Orang-Utans nur in Gefangenschaft Werkzeuge gebrauchen. Und dann das: Sie benutzen nicht nur Werkzeuge in freier Wildbahn – sie verwenden sie auch an verschiedenen Orten unterschiedlich. „Wenn wir Kultur als innovative Verhaltensweisen, die sozial weitergegeben werden, definieren, dann haben wir es bei den Affen mit verschiedenen Kulturen zu tun“, sagt van Schaik, der früher drei bis vier Monate pro Jahr auf Sumatra unter Orang-Utans lebte. Dass diese Menschenaffen in freier Wildbahn normalerweise keine Werkzeuge benutzen, erklärt van Schaik so: „Diese Fertigkeit wurde entweder nicht erfunden, oder sie wurde nicht richtig weitergeben.“ Jetzt will er untersuchen, welche Umstände innovatives Verhalten bei Primaten in freier Wildbahn begünstigen. Eine Studentin soll dafür nach Borneo reisen, um dort Orang-Utanund Schimpansen-Populationen zu beobachten. Seit der Bürgerkrieg 1999 das Arbeiten auf Sumatra unmöglich gemacht hat, forschen van Schaik und seine Kollegen auf der Nachbarinsel.
Eigentlich sind Orang-Utans Einzelgänger und nicht sehr sozial veranlagt. Die Gruppen, die van Schaik auf Sumatra entdeckt hatte, unterschieden sich jedoch von diesem Stereotyp. „Die Populationen, die Werkzeug gebrauchen, sind viel geselliger als die Affen, die nicht offen sind für Innovationen.“ Viel Zeit miteinander verbringen, wenige Auseinandersetzungen, Toleranz, gelegentlich neue Reize von außen: Dies ist laut van Schaik das optimale soziale Umfeld, um innovative Verhaltensweisen in einer Population zu fördern und zu erhalten. Van Schaik sieht in der geselligen Orang-Utan-Sippe im Sumpfland Sumatras eine Art Hochkultur, in deren friedlicher Sozialstruktur Innovationsversuche riskiert werden können. „Auf Borneo haben wir bestätigen können, dass alle Populationen ihre einzigartigen Innovationen haben, dass sie aber nur unter sehr günstigen Transferbedingungen, wie sie auf Sumatra herrschen, ein großes Repertoire aufbauen können. Viele werden also wieder verlorengehen.“
In Gefangenschaft scheinen ähnlich günstige Innovationsbedingungen vorzuliegen wie im Sumpf von Sumatra. Jedenfalls erklärt sich van Schaik so den Erfindungsreichtum von in Gefangenschaft aufgewachsenen Primaten: „Wir bieten auch eine Art Hochkultur. Sie lernen vom Menschen, weil sie Gehirne haben, die unseren ähneln.“ So können junge Menschenaffen sogar ein gewisses Sprachverständnis entwickeln. Der Bonobo Kanzi kann 500 englische Vokabeln verstehen, sie mit einer speziellen Tastatur oder Kreide zur Kommunikation darstellen und komplexe Aufgaben ausführen, etwa einen Ball aus einem Versteck holen, von dem er vorher nichts gewusst hat. „Das heißt, das geistige Potenzial ist bei den Menschenaffen vorhanden, nur wird es normalerweise nicht genutzt“, sagt van Schaik. Allerdings versuchte Kanzi nicht, seine Sprachfähigkeiten an Nachkommen weiterzugeben.
Drei Faktoren begünstigen also offensichtlich Ausbrüche aus den gewohnten Verhaltensmustern: die Veranlagung eines Individuums, das soziale Umfeld und die ökologischen Umstände. Aber damit Innovationen auch in einer Gesellschaft erhalten bleiben, muss noch etwas hinzukommen: „Wir Menschen haben besondere Mechanismen für soziales Lernen, über die Menschenaffen nicht verfügen. Wir können viel besser imitieren, und wir haben das Unterrichten erfunden“, sagt van Schaik.
Vielleicht gab es einst auch eine der Orang-Utan- Gesellschaft Sumatras ähnliche frühmenschliche Hochkultur, aus der sich dann der moderne Mensch entwickelt hat, spekuliert van Schaik. „Die ersten Menschen gebrauchten Werkzeuge, verhielten sich kooperativ und waren in Gruppen organisiert.“ Unsere Vorfahren mussten sich gemeinsam verteidigen, gemeinsam jagen und die Beute dann unter sich aufteilen. „Diese Art von kooperativem Verhalten gibt es unter Affen nicht.“ Es ähnelt eher dem von Löwen, Hyänen oder Wölfen, die in Gruppen jagen. Ob das freundliche Sozialgefüge der jungen Menschheit Ursache oder Effekt einer wachsenden Intelligenz war, wird schwer nachzuvollziehen sein – vielleicht war es beides gleichzeitig. (nbo)