Die Gen-Diät
Die so genannte Nutrigenomik will die DNA eines Patienten nutzen, um ihm Ernährungstipps zu geben. Der Biochemiker Jose Ordovas äußert sich im Gespräch mit Technology Review über die Zukunft des aufstrebenden Forschungsgebiets.
- Emily Singer
Wem bewusst ist, dass er bei Fettleibigkeit das Risiko einer Herzerkrankung deutlich erhöht, dürfte eine größere Motivation haben, sich gesund zu ernähren. Was im negativen Sinne gilt, gilt natürlich auch im positiven: Viele Menschen würden sich wahrscheinlich darüber freuen, wenn sie wüssten, dass sie zu jener glücklichen Gruppe unserer Spezies gehörten, die auch bei übermäßigem Genuss fetten Essens kein erhöhtes Krankheitsrisiko besitzen.
Gutes wie Schlechtes in Sachen Ernährungsrisiko ist zum großen Teil in unseren Genen festgelegt - und das aufstrebende Wissenschaftsfeld der so genannten Nutrigenomik (die Lehre von den Auswirkungen der Genausstattung auf die Nahrungsumsetzung) versucht, dies zu erforschen. Ziel sind maßgeschneiderte Testverfahren, mit denen sich die Zusammenhänge zwischen ernährungsbedingten Krankheiten und den Genen feststellen lassen. Bis sich jedoch jeder wirklich individuelle Diättipps auf Gen-Basis holen kann, dürfte noch einige Zeit vergehen. Dennoch hat das Forschungsgebiet bereits erst interessante Ergebnisse vorzuweisen - etwa im Bereich der Auswirkungen der genetischen Ausstattung auf die Anfälligkeit für Herzkrankheiten.
Jose Ordovas, Direktor des Labors für Ernährung und Genetik an der Tufts University, untersucht seit Jahren die Zusammenhänge zwischen dem Fettstoffwechsel und Herzkrankheiten. Bei der Analyse der großen Framingham-Herzstudie, bei der 5000 Personen seit 1948 untersucht wurden, fand er unter anderem bestimmte genetische Varianten heraus, die entweder das Herzerkrankungsrisiko erhöhten oder es senkten. Im Interview mit Technology Review spricht Ordovas über seine Forschung und die Zukunft der Nutrigenomik.
Technology Review: Warum ist das Forschungsgebiet Nutrigenomik so wichtig?
Jose Ordovas: Jeder von uns kennt Menschen, die rauchen können und trotzdem ein langes Leben führen - oder solche, die wenig essen und trotzdem zunehmen. Wir wissen allerdings nie im Vorhinein, wer zu diesen speziellen Gruppen gehört. Wenn wir das im Vorfeld abklären könnten, ließe sich bessere Aufklärung über Gesundheitsgefahren leisten, die im Laufe des Lebens drohen. Der Bereich Nutrigenomik hat das Potenzial, die Beziehung zwischen Ernährung und Gesundheit auf das Individuum abgestimmt zu erklären.
TR: Sie haben eine interessante Verbindung zwischen Variationen bei einem Gen namens Apolipoprotein E (kurz: APOE) und Risikofaktoren für Herzerkrankungen entdeckt. Dies trifft aber nur für bestimmte Ernährungsweisen zu.
Ordovas: Menschen mit einer bestimmten Genvariation namens APOE e4 besitzen eine angeborene Neigung zu Herzkrankheiten. Wenn diese Menschen sich fettreich ernähren, rauchen oder einen hohen Body-Mass-Index (BMI) haben, kann das sehr gefährlich werden. Ihr Blutzuckerwert erhöht sich, wenn sie einen BMI über 30, also Übergewicht, haben - und das erhöht das Gesamtrisiko.
Gleichzeitig sprechen diese Menschen aber auch besonders gut auf eine fett- und cholesterinarme Ernährung an. Dementsprechend sollten sie sich wirklich an diese Diät halten. Sprich: Wenn jemand sein Verhalten ändern muss, dann ist es diese Gruppe.
TR: Kann man sich bereits auf diese APOE-Variation testen lassen?
Ordovas: Das ist eine schwierige Sache. Wir wissen, dass man mit der APOE e4-Variation in den Genen ein höheres Risiko hat, herzkrank zu werden - und dagegen können wir wie gesagt etwas tun. Man hat aber gleichzeitig auch ein höheres Risiko, an Demenz zu erkranken - wo wir eben noch nicht wissen, was getan werden könnte. Es gibt derzeit damit sowohl rechtliche als auch ethische Probleme mit solchen Tests.
TR: Eine aktuelle Debatte in den Ernährungswissenschaften dreht sich um den Nutzen der Omega-3-Fettsäuren - hier gibt es Studien, die besagen, sie könnten gegen Herzkrankheiten schützen, während andere Untersuchungen dies nicht sehen. Könnte das Forschungsfeld Nutrigenomik hier weiterhelfen?
Ordovas: Was wir herausgefunden haben, war, dass einige Menschen stärker auf die negativen Auswirkungen der verwandten Omega-6-Fettsäure ansprechen als andere. Menschen mit der Gen-Variante Apolipoprotein A, kurz APOA, neigen bei zu reichhaltigem Omega-6-Konsum zu einem Anstieg bei den Triglyceriden, was ein Risikofaktor bei Herz- und Gefäßkrankheiten ist. In diesen Fällen könnte die Schutzwirkung der Omega-3-Fettsäuren durch den zu starken Konsum von Omega-6 also ausgehebelt werden.
Diese genetische Neigung kommt in Asien häufiger vor, was bedeuten könnte, dass dort die negativen Auswirkungen von Omega-6 schwerer wiegen. Dies könnte auch den Anstieg bei Herzerkrankungen in der asiatischen Bevölkerung erklären.
TR: Was sind die derzeitigen Haupthürden in der Nutrigenomik?
Ordovas: Es gibt einfach so viele Kombinationen aus Genen und Umweltfaktoren, so dass man gezwungen ist, sehr große Studien durchzuführen. Die meisten sind bislang zu klein angelegt. Wir haben mit 5000 Versuchspersonen gearbeitet, aber das ist einfach nicht genug. Wir müssten mindestens 100.000 untersuchen, um all diese verschiedenen Faktoren einzukalkulieren.
Wir benötigen außerdem bessere Statistik-Werkzeuge. Aktuell borgen wir uns Analysemethoden aus Bereichen, die wesentlich weniger komplex sind. Da geht man noch von der Mendelschen Vererbungslehre aus, bei der ein einzelnes Gen zu einem bestimmten Phänotyp führt. Diese Methoden in großen, stark miteinander interagierenden Netzwerken anzuwenden, bringt einfach nichts.
TR: Verwendet die Nutrigenomik bereits neue genetische Werkzeuge, wie beispielsweise große Genchips, die 500.000 genetische Variationen in einem einzigen Experiment verarbeiten können?
Ordovas: Ja, diese Chips helfen uns dabei, Daten zu sammeln. Wir müssen allerdings Tausende von Personen untersuchen und da sind die Kosten für ihren Einsatz dann noch deutlich zu hoch.
TR: Es gibt bereits erste Nutrigenomik-Testkits für Verbraucher. Was halten Sie von diesen?
Ordovas: Diese Tests können die Leute in die richtige Richtung lenken, sind aber keineswegs eine endgültige Antwort. Sie sind nur so wertvoll, wie die Rückmeldung, die der Konsument auf ihr Ergebnis erhält. Wenn diese Tests von vernünftigen Diät-Empfehlungen begleitet werden und keine falschen Hoffnungen wecken, dürften sie aber keinen Schaden anrichten.
Sie haben außerdem mindestens einen Vorteil: Eine kürzlich durchgeführte Studie zeigte, dass Menschen, die einen solchen Test machten und dann zu einem Ernährungsberater gingen, besser durchhielten als solche, die ohne Test zu einem Ernährungsberater kamen. Da gibt es sicherlich einen Placebo-Effekt. Die Menschen sind aufmerksamer, wenn sie wissen, dass sie eine Beratung bekommen, die wirklich auf sie abgestimmt ist. (nbo)