Yahoo und die Röhren

Der Portalbetreiber Yahoo hat mit "Pipes" einen neuen Dienst geschaffen, mit dem sich jeder Nutzer Informationen aus dem Web frei aufbereiten kann - egal aus welcher Quelle. Ist das schon das personalisierte Internet?

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Von
  • Kate Greene
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Als Yahoo in diesem Monat seinen neuen Dienst "Pipes" startete, war der Ansturm anfangs so groß, dass man die Website nach kurzer Zeit zunächst wieder schließen musste. Der Service, der von der Forschungsabteilung des Portalbetreibers aufgesetzt wurde, bietet auch durchaus interessante Funktionen: Er ermöglicht die Kombination beliebiger RSS-Feeds aus dem Web, die sich frei miteinander in Beziehung setzen und verarbeiten lassen. So kann sich ein Nutzer beispielsweise eine eigene Seite zusammenstellen lassen, die alle "New York Times"-Artikel zum Thema Verkehr, "Flickr"-Bilder aus der eigenen Nachbarschaft sowie Verkehrsnachrichten miteinander kombiniert. Ergo: Statt Nutzer in Neuigkeiten ertrinken zu lassen, destilliert Pipes die Informationen auf ein erträgliches Niveau herab.

Besonders interessant dabei ist die Konfigurierbarkeit. Eine auf der Seite verfügbare "Röhre" zieht beispielsweise Schlüsselwörter aus einem Nachrichtenangebot, nur um dann passende Fotos zu diesen Themen zu finden. Die Grundidee bei alledem: Auch Nutzer, die nicht programmieren können, sollen sich eigene Angebote zusammenklicken können. "Wir reißen hier eine Barriere ein", erklärt Pasha Sadri, Hauptentwickler von Yahoo Pipes. "Niemand muss mehr Code schreiben, um eine einfache Web-Anwendung zu erstellen. Außerdem steht sie sofort im Netz bereit."

Ergo: Pipes lassen sich auch dann zusammenstellen, wenn man noch nie etwas von Programmiersprachen wie C++ oder Java gehört hat. Eine Pipe beginnt dabei immer mit einer Ansammlung von vorgefertigten Instruktionen, die mit einem Icon versehen sind – die so genannten Module. Die Reihenfolge wird dann durch Drag & Drop einzelner Module bestimmt, ein Ablauf wird festgelegt und zusätzliche Einstellungen vorgenommen. Das Ganze erinnert ein wenig an die Programmierung der Kinderroboter der Lego-Mindstorm-Serie. "Unser Ansatz vereinfacht den Prozess. So kann eigentlich jeder Programme für ganz spezifische Aufgaben schreiben", erklärt Sadri.

Yahoo Pipes besteht aus zwei Hauptkomponenten: Erstens aus einem Interface, das sich Editor nennt und in dem man die "Röhre" zusammenstellt; zweitens aus einer Ausführungskomponente, der so genannten Engine, die die fertigen Instruktionen ablaufen lässt. Ist ein Projekt einmal abgespeichert, wird es in der Engine abgelegt. Um die Pipe ablaufen zu lassen, lädt die Engine die Anweisungen und holt sich dann die nötigen Informationen aus dem Internet - von Dutzenden bis Hunderten Web Services gleichzeitig. Um die Antwortzeiten zu verkürzen, parallelisiert die Engine dabei so viele Prozesse wie möglich.

Die Technik kam wie erwähnt recht schnell gut an. Blogger, Software-Entwickler und Web-Experten schrieben darüber und sorgten für Ansturm. Tim O'Reilly, Gründer des populären Computerbuchverlages O'Reilly und als "Web 2.0"-Prophet bekannt, gehörte zu den größten Bewunderern des Dienstes: Pipes sei ein "Meilenstein in der Geschichte des Internet", schrieb er in seinem Blog. Der Dienst präsentiere sich zwar hier und da noch als ungeschliffen, habe aber das "enorme Potenzial", das Web in eine programmierbare "Umgebung für jedermann" zu verwandeln.

Eric Lunt, Technikchef beim RSS-Spezialisten Feedburner, lobte das Projekt ebenfalls. Je stärker die Feed-Nutzung bei normalen Internet-Nutzern werde, etwa durch Google Homepage oder den Internet Explorer 7, desto gefragter seien individuelle, maßgeschneiderte Nachrichtenströme. "Es mag zwar noch einige Jahre dauern, bis man die Auswirkungen dieser Technik tatsächlich spürt", meint Lunt. Er sei sich aber sicher, dass die Bedeutung dann umso größer sei.

Ein bisschen Coding-Erfahrung kann bei Pipes dennoch nichts schaden. Die Module miteinander zu verknüpfen und sie richtig einzustellen, bedarf schon eines erweiterten Blickes in die Dokumentation. Die Zielgruppe für Pipes liegt Yahoo zufolge denn auch bei irgendwo zwischen Einsteigerprogrammierern und Experten. "Aktuell konzentrieren wir uns darauf, den Leuten ein Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sie innovative Anwendungen schreiben können – besonders die Entwickler", erklärt Sadri. Auf längere Sicht wolle man die Technik aber so einfach machen, dass wirklich jeder Internet-Nutzer sie verwenden könne. Pipes könne dann eines Tages unsichtbar sein: "Die Leute nutzen das dann, ohne überhaupt zu wissen, dass es im Hintergrund läuft."