Krieg im All?
Die Volksrepublik China hat Anfang Januar erstmals die Zerstörung von Satelliten mit Hilfe von Raketen getestet. Über die tatsächlichen Gründe dieser vom Westen als Provokation verstandenen Militäraktion rätseln selbst Fachleute.
- Mark Williams
Der Tag des Abschusses liegt kaum drei Monate zurück: Am 11. Januar war es, als die chinesische Regierung ihren ausgedienten Wettersatelliten "Feng Yun 1C" vom Himmel holen ließ. Der Erdtrabant, der auf einer polaren Umlaufbahn in Höhe von 865 Kilometern seine Runden drehte, fiel einer umgerüsteten Mittelstreckenrakete zum Opfer. Deren kinetisches "Kill Vehicle" wurde zuvor vom Xichang Space Center ins All befördert. Es war der erste erfolgreiche Test einer Anti-Satelliten-Waffe (Fachbegriff: "ASAT") durch China, der offenbar beweisen sollte, dass das rote Riesenreich in Zukunft auch US-Satelliten abschießen kann, wenn es denn will.
Die Provokation blieb nicht gänzlich unbeantwortet: Am 23. Februar reagierte US-Vizepräsident Cheney mit den Worten, der Test der Anti-Satelliten-Waffe und die chinesische Aufrüstung im Allgemeinen seien wenig konstruktiv und passten nicht ins Bild vom "friedlichen Aufstieg", das die Volksrepublik sonst pflege. Zuvor hatte Cheney bei einer Rede im australischen Sydney China noch für sein Engagement beim Anti-Nuklear-Abkommen mit Nordkorea gelobt.
Tatsächlich ist die Frage, was die Chinesen mit ihrem Waffentest wirklich bezweckten, nicht leicht zu beantworten. Es gibt sich widersprechende Signale aus dem Land. Eine Tatsache lässt sich jedenfalls nicht wegdiskutieren: Die Explosion im All sorgte für enorm viel zusätzlichen Weltraumschrott. Insgesamt 917 größerer Teile zählte das Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando NORAD der US-Streitkräfte – mehr als bei jedem anderen Explosionsereignis in der Erdumlaufbahn. Und es dürfte sogar noch wesentlich mehr Schrott gewesen sein: Bei der NASA, deren Überwachungstechnik feiner auflöst, zählte man gar 35.000 Stücke mit einer Größe von über einem Zentimeter.
Die Verteilung des Weltraumschrotts könnte ein echtes Problem darstellen. Wie das Center for Space Standards and Innovation (CSSI) in Colorado feststellte, könnte sich das Material bis in eine Höhe von 4000 Kilometern verteilt haben – und damit zahlreiche noch im Betrieb befindliche Satelliten gefährden, auch weil sich die Schrottwolke in einem polaren Orbit befindet. Thomas Kelso vom CSSI ermittelt in einem Computermodell, dass Fragmente von Feng Yun 1C in einer Woche mehr als 1000 Mal in die Nähe funktionstüchtiger Satelliten geraten können, die in niedrigen Umlaufbahnen arbeiten. "Auch jetzt noch sehen wir wöchentlich zwischen 1000 und 1100 solcher Fälle mit einem Abstand von nur maximal 5 Kilometern", erklärt Kelso.
Zwei räumliche Darstellungen des CSSI illustrieren die möglichen Gefahren. Sogar die internationale Raumstation ISS ist betroffen: Ein erstes Simulationsbild zeigt, wie sich die ISS durch den südlichen Teils des Rings aus Feng Yun 1C-Weltraumschrott bewegt. Ein zweites Simulationsbild zeigt wiederum die große Satellitenpopulation in diesem Bereich. "Das CSSI besitzt die Umlaufbahndaten von 2792 Satelliten und sonstigen Geräten, die sich in einer Erdumlaufbahn befinden. Davon bewegen sich insgesamt 1866 durch Bereiche, die von dem Weltraumschrott berührt werden, der durch den chinesischen Satellitenabschuss hervorgerufen wurde. Wir sprechen hier also von Zwei Drittel aller Nutzlasten im Erdorbit."
Aus diesen ernüchternden Daten ergibt sich schnell eine wichtige Frage: Was haben sich die Chinesen dabei gedacht, diesen potenziell zerstörerischen Ring aus Weltraumschrott zu generieren? Genau hier blieb das Bild zunächst dunkel. Über eine Woche lang konnte das chinesische Außenministerium gegenüber Reportern nichts zum Thema Satellitenabschuss sagen – man sei noch nicht informiert worden, hieß es offiziell. Erst am 25. Januar gab es dann ein erstes formales Statement, laut dem sich "niemand von diesem Versuch bedroht fühlen" müsse: "China wird sich auch künftig nicht an einem Wettrüsten im Weltraum beteiligen – egal in welcher Form." Immerhin: China gehörte in den vergangenen fünf Jahren zu jenen Ländern, die sich vehement für ein Abkommen gegen die Aufrüstung im Weltraum ausgesprochen hatten. Ein entsprechender gemeinsamer Entwurf von China und Russland wurde 2002 der UN-Abrüstungskonferenz vorgelegt – ein internationaler Vertrag, der Waffensysteme im Weltraum verboten und außerdem die Bedrohung oder den tatsächlichen Angriff von Weltraumobjekten untersagt hätte, Anti-Satelliten-Waffen inklusive.
Gleichzeitig deckt sich der Besitz einer ASAT-Waffe aber auch mit den offiziellen Zielen der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Das Thema wurde bereits in den Siebzigerjahren in chinesischen Militärkreisen besprochen. In einer Ausgabe des Fachblattes "Modern Defense Technology" aus dem Jahre 1994 sprachen sich chinesische Militäranalysten deutlich für den Aufbau von ASAT-Kapazitäten aus, die "kritisch für Chinas nationale Sicherheit" seien. Nach der Übernahme moderner Konzepte wie der asymmetrischen Kriegsführung durch die chinesische Führung verstärkte sich der Trend. Am 5. Juli 2000 schrieb Wang Cheng in einem Artikel für das Fachblatt "Liawang", das US-Militär verfüge im Bereich der Satellitentechnik über "weiche Rippen", die eine "strategische Schwäche" seien. "Für Länder, die niemals einen Krieg mit den USA gewinnen könnten, bei denen Panzer und Flugzeuge zum Einsatz kommen, könnte sich der Angriff der US-Weltraumsysteme als unwiderstehliche Alternative anbieten." Erste Praxistests gab es dann bald: Bereits im September 2006 meldete das Pentagon, dass China mehrfach einen leistungsstarken Laser auf einen amerikanischen Spionagesatelliten abgeschossen habe, um dessen Optik zu blenden.