Baby nach Wunsch

Immer mehr Gentests lassen sich bei künstlichen Befruchtungen bereits im Reagenzglas durchführen. In den USA, wo diese Tests noch nicht gesetzlich geregelt sind, ist eine hitzige Diskussion entbrannt.

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Von
  • Emily Singer
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Eine 38jährige Frau mit Fruchtbarkeitsproblemen, die bereits drei Söhne hat, möchte ihre Familie mit einer Tochter komplettieren. Sie nutzt die Zeugung im Reagenzglas, die so genannte In-Vitro-Fertilisation (IVF), um doch noch ein viertes Kind zu bekommen. Zuvor bittet sie ihren Arzt aber, ihr anschließend nur weibliche Embryonen einzupflanzen. Die männlichen werden hingegen zerstört. Oder wie wäre es mit einer Familie mit einer langen Diabetes-Krankengeschichte, die die IVF einsetzt, um speziell das Embryo auszuwählen, dem die genetische Disposition fehlt, die mit Diabetes in Verbindung gebracht wird? So hypothetisch diese Fälle auch anmuten – in den USA sind sie längst Realität.

Dort setzt sich die Verwendung der so genannten Präimplantationsdiagnostik (PID) immer mehr durch, bei der ein Ei im Reagenzglas befruchtet und die daraus resultierenden Embryonen noch vor der Einpflanzung in den Mutterleib untersucht werden. Damit wird es praktisch möglich, dass sich Eltern spezifisch das Kind aussuchen können, das sie gerne haben möchten, bevor die Schwangerschaft beginnt.

Die PID, die seit gut einem Jahrzehnt verwendet wird, wurde ursprünglich entwickelt, um sicher zu gehen, dass ein IVF-Embryo kein Hochrisikokandidat für ernsthafte Erbkrankheiten ist. Inzwischen lassen sich aber auch wesentlich weniger schlimme Malaisen abprüfen, die keineswegs tödlich sein müssen. Und je mehr sich die Geburtshilfe per In-Vitro-Fertilisation durchsetzt, desto mehr Eltern erhalten potenziell Zugriff auf die entsprechende Diagnostik. In den USA wird die IVF jährlich bereits in 50.000 Fällen verwendet.

Dies führt dazu, dass die ethischen Bedenken, die die Präimplantationsdiagnostik bereits von Beginn an begleiten, noch massiver werden. Je mehr Gene von der Wissenschaft identifiziert werden, die die Wahrscheinlichkeit bestimmter Krankheitsbilder erhöhen, desto eher wird auch eine Art Präventivmedizin möglich – sprich: nur die gesunden Embryonen kommen durch. Allerdings ist die PID keineswegs unfehlbar. Ein negativer Test muss nicht unbedingt garantieren, dass das Kind wirklich gesund sein wird. Und die Bewerbung der PID könnte zudem dazu führen, dass sich die Eltern genötigt sehen, entsprechenden Untersuchungen zuzustimmen, ohne die tatsächlichen Vorteile zu realisieren. Die Frage ist auch, nach welchen Kriterien die Eltern künftig sonst noch selektieren wollen. Geschlecht? Oder eines Tages auch nach Eigenschaften wie Haarfarbe, Größe oder IQ?

Aktuell ist die PID nur für diejenigen verfügbar, die sich tatsächlich für eine In-Vitro-Fertilisation entscheiden – und das sind Menschen mit Zeugungsproblemen und solche, in deren Familie üblicherweise tödlich verlaufende genetische Krankheiten existieren, die man vorab ausschließen möchte. Trotz zunehmender Popularität ist die IVF noch immer teuer und eine schwierige wie unangenehme Prozedur. Doch die Gründe, sich für sie zu entscheiden, werden immer mehr. Es gibt erste Fälle, die unseren Eingangsbeispielen ähneln, in denen die Präimplantationsdiagnostik verwendet wird, um Embryonen auszuwählen, denen Gene fehlen, die mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht werden. Erstaunlich dabei: Manche US-Eltern lassen solche Tests selbst dann vornehmen, wenn die wissenschaftliche Beweisbarkeit des Nutzens eher schwach ist. Erste Sozialwissenschaftler fürchten bereits einen Graben zwischen denjenigen Familien, die sich eine IVF leisten können – und solchen, denen das Geld fehlt (in den USA liegen der Preis ohne Gentest zwischen 6000 und 16.000 Dollar).

"Diese Technologie sorgt auf lange Sicht für Unruhe und könnte Sozialstrukturen und Ordnungen verändern", meint denn auch David Adamson, frisch gewählter neuer Präsident der amerikanischen Gesellschaft für Fortpflanzungsmedizin ASRM. Adamson leitet selbst eine private IVF-Klinik in Kalifornien und kennt die Argumente der Eltern gut: "Wir bewegen uns hier in Richtung eines präventiven Ansatzes in der Medizin. Die ganze Fortpflanzung des Menschen könnte sich verändern."