Nanokosmetika zum FĂĽrchten
Was steckt wirklich in teuren neuen Cremes und Tinkturen, die dank Nanotechnologie besonders wirksam sein sollen? Die Industrie lässt den Verbraucher noch immer zumeist ratlos zurück. Ein Selbstversuch.
- Apoorva Mandavilli
Auf meiner Frisierkommode steht seit etwa einem Monat eine wunderbare Dose mit einer Nachtcreme. Laut der Verkäuferin, die sie mir ungefähr eine halbe Stunde lang am Telefon schmackhaft gemacht hat, wird dieses Wunder moderner Kosmetik den Schmutz aus meinen Poren ziehen, überschüssiges Fett aufnehmen und meinen Zellen dann "beibringen", weniger von diesem Hautunreinheiten-Verursacher zu produzieren. So fantastisch dies alles auch klang – inzwischen macht mir diese Nachtcreme Angst.
163 Dollar habe ich für das Döschen bezahlt, dessen Inhalt von der New Yorker Firma Bionova hergestellt wird. Die Website des Unternehmens betont die eigens entwickelte "Nanotechnologie-Plattform", auf der ihre Produkte aufbauen sollen. Fehlprogrammierte "biologische Kommunikationsprozesse" könne man damit wieder ins Reine bringen.
Wie die Kosmetika des Unternehmens wirklich funktionieren, darüber schweigt sich Bionova allerdings weitgehend aus. Die Telefonverkäuferin war da ähnlich wortkarg. Die Creme, informierte sie mich, besitze verschiedene "Nanokomplexe" in einer genau auf mein Alter, mein Geschlecht und den Fettgehalt meiner Haut abgestimmten Zusammensetzung. Dafür musste ich der Dame extra vorher einige Fragen beantworten.
Wie, fragte ich sie dann, kann man denn aber ausschließen, dass die klitzekleinen Partikel in der Creme nicht unter meine Haut kriechen und dort Schindluder mit meinem Körper treiben? Nein, beruhigte mich die Verkäuferin dann, man setze ja chemische Stoffe in regulären Größen ein, aber eben "in Nanodosis": "Sehen Sie den Unterschied?"
Nicht wirklich. Schließlich forscht die Wissenschaft seit Langem an chemischen Stoffen in Nanomengen, was eben einfach bedeutet, dass sie enorm verwässert sind. Was, bitte schön, ist daran so besonders? Alexander Sepper, Bionova-Vizepräsident für Forschung und Entwicklung, wiederholte zunächst die Aussagen seiner Verkäuferin. "Unser Nanotech-Ansatz unterscheidet sich leicht von dem, den die meisten Firmen nutzen", sagt er. "Wir sprechen hier nicht über Nanopartikel, sondern über Nanomengen." Meine Nachfrage, wie man dann ein solches Produkt mit dem Hinweis auf die verwendete "Nanotechnologie" bewerben könne, brachte Sepper dann ins Grübeln.
"Wissen Sie, um ehrlich zu sein, haben wir unseren Ansatz anfangs ganz einfach "Biokomplex" genannt. Als es dann mit dem Thema Nano losging und jeder behauptete, diese Technik einzusetzen, kamen unsere Marketingleute zu mir und forderten, dass wir auf diese geänderte Marktlage reagieren." Seppers Ehrlichkeit dürfte darin begründet liegen, dass der Mann im Grunde seines Herzens Wissenschaftler ist: "Als Forscher ist der Nanobegriff für mich eher Marketing als Wissenschaft." Den Umsätzen half die Nano-Deklarierung jedenfalls. In den teuren Kaufhäusern, über die Bionova in den USA seine Produkte vertreibt, erhöhten sich die Verkäufe.
Ganz vom Nanogedanken wollte sich Sepper zum Ende unseres Gespräches aber doch nicht verabschieden. Nach weiterem Nachfragen meinte er schließlich, man nutze neben den "Nanomengen" eben auch "Nanopartikel". Nanomengen von Nanopartikeln, genauer gesagt!
Wenn Sie jetzt verwirrt sind – ich war es auch. Allerdings geht es wohl nahezu allen Marketingfachkräften so, die sich mit Nano-basierten Produkten beschäftigen. Bionova und sein Nano-Hü- und Nano-Hott ist da keineswegs die Ausnahme, eher die Regel. Kosmetika waren eine der ersten Produktklassen für Endkunden, bei denen Nanotechnologie zum Einsatz kam – beziehungsweise: bei der mit ihren Vorteilen geworben wurde. Aber niemand, so scheint mir, kann bis heute genau erklären, was wirklich in den Produkten steckt oder ob diese mysteriösen Mixturen womöglich eine Gefahr für die Gesundheit darstellen.