Neustart für das Immunsystem
Aus dem Blut gewonnene Stammzellen erwachsener Patienten sollen künftig gegen Typ-1-Diabetes helfen. In einem ersten Test konnten die Probanden nach der Therapie für Monate auf die Einnahme von Insulin verzichten.
- Emily Singer
Eine Kombination aus Eigenblut-Stammzellen und einer Immunosuppression zur Ausschaltung des nicht mehr korrekt funktionierenden Immunsystems könnte frisch diagnostizierten Diabetikern demnächst das Insulin ersparen. Das ist das vorläufige Ergebnis einer Studie der University of Sao Paulo in Brasilien und der Northwestern University in Chicago. Die Untersuchung muss allerdings noch in größeren klinischen Testreihen bestätigt werden.
Die Verwendung einer künstlichen Immununterdrückung, kurz Immunosuppression, wird schon seit einiger Zeit von Wissenschaftlern verwendet, um einen Weg zu finden, das Fortschreiten der Typ-1-Diabetes zu verhindern.
"Wir wollen den Krankheitsverlauf aufhalten, so dass die natürlichen Insulinzellen einer Person erhalten bleiben", erklärt Jay Skylar, Direktor der Abteilung für Endokrinologie, Diabetes und Stoffwechsel an der University of Miami, der die Einleitung zu der Sao Paulo-Studie schrieb.
Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die so genannten Betazellen, Insulin-produzierende Zellen in der Bauchspeicheldrüse, angreift. Wird ein Mensch mit Typ-1-Diabetes diagnostiziert, verfügt er normalerweise noch über einige funktionierende Betazellen. Aus diesem Grund wollen Ärzte es erreichen, ihre weitere Zerstörung aufzuhalten.
Ältere Studien mit Antikörpern, die die zerstörerischen Immunzellen aufhalten, zeigten bislang nur kurzzeitige Erfolge. Die neue Kombination aus Immunosuppression und Stammzell-Transplantation erhöht die Betazellen-Funktion jedoch offenbar. Eine ähnliche Kombinationstherapie wurde bereits bei anderen Autoimmunerkrankungen getestet - dies ist allerdings der erste Versuch bei Diabetes.
Die Stammzellen wurden dazu aus dem Eigenblut gewonnen. Im Anschluss mussten sich die Patienten einer Art Chemotherapie unterziehen, bei der die zerstörerischen Immunzellen abgetötet werden. Die gereinigten Stammzellen wurden dann erneut injiziert und die Patienten auf Betazellen-Funktion und Insulinabhängigkeit überwacht.
Dreizehn der fünfzehn Patienten, die an der Studie teilnahmen, konnten das Insulin danach mindestens neun Monate absetzen - einige gar drei Jahre. "Nach der Prozedur bedurfte es keiner weiteren Medikation", erklärt Richard Burt, Immunologe an der Northwestern University und einer der Autoren der Studie.
Experten warnen allerdings, dass die Resultate auf einer zu kleinen Testgruppe basierten: "Das war eine freie Studie mit wenigen Personen und einer eher kurzen Follow-up-Periode", gibt Skylar zu. Er hoffe nun, dass die nächste Studie über zwei oder mehr Jahre laufe. "Ich glaube trotzdem, dass das Ergebnis sehr interessant ist. Es scheint ohne Nebenwirkungen zu funktionieren. Wir sollten das weiterverfolgen."
Bislang lässt sich noch nicht sagen, warum die Behandlung tatsächlich funktioniert. Eine der Hypothesen: Das Immunsystem werde dank der Stammzellen neu gestartet, in dem entsprechende Steuerzellen stärker produziert würden, die das Immunsystem in Schach hielten und nicht erneut für eine Zerstörung der Betazellen sorgten. "Wir entfernen das defekte Immunsystem der Patienten und bauen es mit Hilfe der Stammzellen wieder von Neuem auf", erklärt Julio Voltarelli von der University of Sao Paulo, der die Studie leitete. Nach der Transplantation könne man direkt sehen, dass das Immunsystem nun wieder gesund sei.
Die Behandlungsform würde allerdings immer nur bei frisch diagnostizierten Diabetikern funktionieren, so lange sich also noch genügend funktionierende Betazellen im Körper befinden. Bei Patienten mit fortgeschrittenem Krankheitsverlauf könnte sich aber ein Implantat von Betazellen lohnen, die aus Spenderorganen stammen - oder eines Tages auch aus embryonalen Stammzellen, meinen die Forscher. (bsc)