Das große Fressen
Noch können sich die Branchengrößen mit Übernahmen wehren, aber langfristig scheint ihr Geschäftsmodell zum Scheitern verurteilt
- Veronika Szentpetery
Die größten Vertreter der Pharma-Branche zehren von den Forschungserfolgen vergangener Zeiten, scheuen das Risiko von kompletten Neuentwicklungen und suchen stattdessen ihr Heil in Fusionen unter ihresgleichen – oder im Aufkauf von Biotech-Unternehmen, die viel versprechende Medikamente in der Entwicklung haben. Bereits jetzt stammt mehr als die Hälfte der Produkte von Big Pharma nicht aus ihrer eigenen Forschung, sondern wurde entweder von kleineren Pharma-Unternehmen oder Biotech-Unternehmen einlizenziert.
Die Zurückhaltung ist verständlich: Die Suche nach neuen Medikamenten gleicht der nach einer Nadel im Heuhaufen. Von 10000 potenziellen Wirkstoffen schafft es am Ende nur einer als Medikament auf den Markt und die Entwicklungskosten beziffert die Industrie auf gut 800 Millionen Dollar oder mehr. Richtig lohnenswert ist die intensive Forschung deshalb nur, wenn am Ende ein echter Umsatzbringer herauskommt – ein „Blockbuster.
Drei Entwicklungen lassen das Verlangen danach immer größer werden: Erstens läuft in den kommenden Jahren der Patentschutz für viele umsatzstarke Medikamente aus; zweitens werden die Generika-Hersteller immer aggressiver; und drittens kommt zunehmend Kostenbewusstsein ins Gesundheitswesen. Innovativer Nachschub tut also Not – doch nach einem Hoch mit 40 bis 50 neuen Wirkstoffe pro Jahr vor zehn Jahren ist die Zahl solcher Zulassungen bei der US-Behörde Food and Drug Administration (FDA) auf etwa 20 pro Jahr gesunken; die europäische Zulassungsbehörde EMEA hat einen ähnlichen Trend registriert.
Zur Schließung der Innovationslücke, die Experten zwischen den frühen und späten Phasen der klinischen Entwicklung ausgemacht haben, führt der Weg von Big Pharma immer häufiger über die Biotech-Industrie. Der Grund: Für die medikamentös einfach zu behandelnden Krankheiten gibt bereits chemische Wirkstoffe, aber bei den komplexeren Krankheiten wie AIDS, Krebs oder Alzheimer muss man viel spezifischer in das fein austarierte biologische System eingreifen. Dafür sind spezialisierte Proteine, Impfstoffe oder Hormone notwendig.
Doch all das ändert nichts am prinzipiellen Problem der teurer und seltener werdenden Blockbuster: je größer ein Unternehmen wird, desto schwerer wird es, Wachstum und erfolgreichere Medikamente zu generieren. Viele Experten rufen bereits die Ablösung des „One drug fits all“-Prinzips aus: Statt einem Medikament für alle zeigen immer genauere Kenntnisse der genetischen Grundlagen von Krankheiten und Wirkmechanismen in die Richtung einer auf die Besonderheiten von Patientengruppen abgestimmten Medizin.
Die mit Abstand radikalste Entwicklung hat Matthew Bell, Manager bei Arthur D. Little, vor diesem Hintergrund schon im Jahr 2003 vorgezeichnet: Wie in der Ölindustrie in den 1970er-Jahren werde sich auch bei Pharma die klassische Wertschöpfungskette auflösen – einzelne Unternehmen würden künftig nicht mehr alle Aufgaben von der Forschung bis hin zur Produktion abdecken, sondern sich spezialisieren – auf Forschung, Entwicklung und klinische Tests oder auf Herstellung, Vermarktung und Verkauf. (kd)