Tablet-PC gehorcht auf Bewegungen

Forscher bei der British Telecom wollen Beschleunigungssensoren zur Steuerung von Rechnern verwenden. Ziel sind neuartige Benutzeroberflächen.

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Von
  • Clark Boyd

Nintendos erfolgreiche Videospielkonsole Wii macht es vor: Rechentechnik muss nicht immer nur mit Tastatur und Maus bedient werden. Forscher bei der British Telecom (BT) wollen diesen Ansatz, der auf Beschleunigungssensoren beruht, nun auch in einen Tablet-PC einbauen.

Der aktuelle Prototyp von "BT Balance" ermöglicht es dem Benutzer, Menüs und Anwendungen zu durchscrollen, indem er den Rechner dreht und neigt. Ein spezieller Adapter mit eingebauten Beschleunigungssensoren macht dies möglich. Er lässt sich in jeden Tablet-PC stecken, der eine USB-Schnittstelle besitzt. Bewegt der Nutzer dann den Rechner, erkennt der Sensor die Richtung. Eine spezielle Software interpretiert dies dann und überträgt sie an die Benutzeroberfläche. "Wir wollten hier eine Art Breitband-Zaubertafel schaffen", meint BT-Forscher David Chatting, der Anwendungen für den Prototyp schrieb.

Der Trick dabei sei, den Nutzer dafür zu sensibilisieren, dass die Bewegung des Rechners beeinflussen könne, was auf dem Bildschirm zu sehen sei. "Eine meiner ersten Anwendungen bestand darin, dass man mit dem Rechner eine Murmel manövrieren musste. Damit wollte ich dem Nutzer demonstrieren, dass die Art, wie er das Gerät hält, direkt bestimmt, was auf dem Bildschirm passiert. Es ergibt sich fast eine physische Verbindung."

Chattings neuere Anwendungen sind bislang noch recht einfach. Ein Benutzer bewegt den Rechner nach links und nach rechts, um zwischen verschiedenen MenĂĽs zu selektieren. Angeklickt wird die Auswahl, wenn er den Rechner nach oben zieht. "Wir haben nicht vor, ganz Windows Vista oder Mac OS X nachzubauen", meint der Forscher.

Interessant sei beispielsweise eine Software, mit der der Nutzer die Seiten eines virtuellen Buches umblättern könne, in dem er den Rechner neigt. Auch die Bewegung des Mauszeigers und das Anklicken von Links seien darstellbar.

"Die Technologie eignet sich besonders für Menschen, die behindert oder alt sind und Probleme mit normalen Laptop-Tasturen und Mäusen haben", meint Adam Oliver, Leiter des "BT Age and Disability Research Program", bei dem BT Balance entwickelt wurde. "Wir wollen ein Interface schaffen, dass einfach und intuitiv ist. Die aktuellen Standards bei der PC-Bedienung sind zu kompliziert."

Beschleunigungssensoren werden bereits in zahlreichen Geräten verwendet. So sitzen sie bei der bereits erwähnten Wii-Konsole in den Controllern, die dann Rohdaten über die Körperbewegung liefern, die wiederum in Bildschirmaktionen umgerechnet werden. Solche Sensoren helfen auch bei der Bildstabilisation von Camcordern. Typischerweise sind sie so klein, dass sie zur Klasse der mikroelektromechanischen Systeme (MEMS) gehören.

BT ist nicht die erste Firma, die MEMS-Beschleunigungssensoren in tragbarer Elektronik verbaut. Nike und Apple setzen beispielsweise bei einem Produkt namens iPod Sport Kit darauf. Der dabei verwendete Sensor wird im Turnschuh platziert, um Laufdaten aufzuzeichnen, die dann wiederum an einen iPod-Musikspieler übertragen werden. Einige Tablet-PCs und PDAs bieten dank Beschleunigungssensoren sogar eine Funktion, bei der der Bildschirminhalt immer rechtsbündig dargestellt wird, egal wie das Gerät gehalten wird. Auch wird mit Hilfe der Technik die Festplatte von Laptops geparkt, wenn erkannt wird, dass sie zu Boden fallen.

BTs Ansatz eines kostengünstigen Rechners, der sich effizient mit Bewegungssensoren steuern lässt, ist jedoch deutlich schwieriger als all diese Anwendungen. Jan Korvink, MEMS-Experte an der Uni Freiburg, hält die Idee zwar für interessant, gibt aber zu bedenken, dass es noch das so genannte Drift-Problem gäbe.

Damit gemeint ist die langsame Zerstörung der Mikrosensoren durch Überhitzung und die Anfälligkeit für Störsignale: "Das Gerät muss sich ständig neu abstimmen." Besonders billige Sensoren in massenproduzierten Elektronikartikeln litten unter Drift.

Ein noch größeres Problem ist aber, tatsächlich eine "Killerapplikation" für eine solche Rechnersteuerung zu finden. Dazu ist laut Korvink noch viel Forschungsaufwand notwendig, um herauszufinden, wie der Nutzer ein solches Gerät überhaupt einsetzen will. Außerdem müsse die Software extrem benutzerfreundlich sein.

Ein mögliches Beispiel ist der Chumby-Computer, ein Internet-Gerät von der Größe einer Kaffeetasse, das Informationen aus dem Netz anzeigt und sich auch mit eigenen Anwendungen (Widgets) füttern lässt. Das demnächst erhältliche Gadget nutzt einen Beschleunigungsmesser als Teil der Eingabeeinheit. "Die Frage ist nur, wie viele Entwickler sich an die Newtonsche Physik erinnern können, um den Sensor überhaupt effektiv zu nutzen", meint Chumby-Software-Guru Duane Maxwell. Laut Maxwell experimentiert die Firma unter anderem mit einer Software, bei der man einen Nachrichtenfeed durch das Neigen des Gerätes kontrollieren kann.

BT-Mann Chatting ist sich durchaus bewusst, dass seine Arbeit noch nicht bereit für kommerzielle Anwendungen ist. "In den Siebzigern haben wir ja auch versucht, herauszufinden, was man mit einer Maus anfangen kann. Wir müssen noch viel lernen." Der Forscher hofft nun bald einen Feldtest starten zu können, bei dem er Feedback von echten Nutzern bekommt, was sie gerne mit einem solchen Rechner anfangen würden. (bsc)