Mobiles Tippen ohne Stress?
Eine neuartige Handy-Tastatur erlaubt die Eingabe von Texten mit deutlich höherer Geschwindigkeit. Sie kombiniert ein einfaches Design mit intelligenter Software.
- Wade Roush
Die Geschichte lehrt, dass selbst uralte und schlecht bedienbare Technologien manchmal wesentlich länger in Benutzung bleiben, als dies eigentlich sein müsste. Ein gutes Beispiel ist die Telefontastatur mit ihren zwölf Tasten. Die Buchstaben auf jeder Taste ("ABC" auf "2", "DEF" auf der "3"...) sind ein Überbleibsel aus den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als in den USA Telefonnummern mit den ersten zwei Buchstaben des örtlichen Netzknotens begannen. Fans der klassischen US-Sitcom "I Love Lucy" werden sich beispielsweise daran erinnern, dass die Nummer des Apartments in New York, in dem die Sendung spielte, "MUrray Hill 5-9975" lautete – mit M und U am Anfang.
Das Alphabet auf den Telefonen wurde vom US-Telekom-Monopolisten AT&T auch nach der Aufgabe dieser umständlichen Technologie in den Fünfzigern beibehalten. Die Buchstaben machten erst in den Achtziger Jahren wieder Sinn, als die so genannten Vanity-Nummern erfunden wurden – "1-800-GET-RICH" zum Beispiel ließ sich besser merken als eine Nummer. In den Neunzigern, als sich das Versenden von SMS-Botschaften zum Massenphänomen entwickelte, erwiesen sich die Buchstaben ebenfalls als nützlich – zumindest am Anfang. Doch wer viel auf dem Handy tippt, wird wissen, wie nervig das mehrfache Drücken einzelner Tasten werden kann – selbst wenn die Texterkennung moderner Geräte dies vereinfacht.
Obwohl viele Teenys inzwischen eine erstaunliche Tippgeschwindigkeit erreichen, bleibt die Texteingabe so doch sehr ineffizient. "Hätte man die Technologie heute erfunden, würde sie wohl niemand für eine gute Idee halten", meint David Levy, der einst für Apple als Ergonomie-Designer arbeitete und heute in der eigenen Firma als Erfinder arbeitet.
Seinen Ärger über derlei schlechten Bedienkomfort überführte Levy denn auch in ein kreatives Design: Er erschuf eine neuartige Telefontastatur namens "Fastap". Statt einem platzintensiven QWERTZ-Keyboard a la Blackberry oder Treo platziert diese jeden Buchstaben alphabetisch – und zwar in die Zwischenräume des Ziffernblocks. Die bereits 1993 patentierte Idee profitiert dabei von der Tatsache, dass eine Telefontastatur mit 18 Knöpfen (Zahlen plus Navigation und Steuerung) insgesamt 28 nutzbare Zwischenräume bietet. Somit kann Fastap diesen Platz vollständig ausnutzen, allein unten links und unten rechts ergibt sich ein Freiraum.
Das neue Design ist Levy zufolge die erste echte Neuerung bei der traditionellen Telefontastatur, "seit man in den Sechzigern in den USA Tonwahltelefone eingeführt hat". Der Erfinder gründete zur Vermarktung extra ein Unternehmen namens Digit Wireless, das Fastap vertreiben soll. Seit 2005 verkauft die Firma nun Lizenzen. Die Technik wird allerdings bislang nur schleppend eingeführt. Zwei Netzbetreiber, Alltel in den USA und Telus in Kanada, verkaufen entsprechende Geräte. Beide stammen von LG (Modellnummern LG 490 und AX490).
Verkauft werden die Fastap-Handys vor allem an Mainstream-Nutzer, nicht an Technikfreaks oder Büroanwender, die bereits süchtig nach Blackberry & Co. sind. Trotzdem sorgt die erhöhte Tippgeschwindigkeit für eine verstärkte Handy-Nutzung: Laut Levy tippen die Fastap-Nutzer im Schnitt zweimal so viele SMS wie zuvor. Dies habe eine Erhebung bei Telus über einen Zeitraum von neun Monaten ergeben. Da die meisten Netzbetreiber nach wie vor pro SMS abrechnen, gefallen ihnen diese Zahlen natürlich. "Aus der Endkundenperspektive sorgt unsere Technologie dafür, dass sich das Handy besser und angenehmer nutzen lässt. Für die Provider geht's hingegen ums Geld. Fastap sorgt dafür, dass beide Parteien glücklich werden. "
Im Gegensatz zu teuren Smartphones kosten Fastap-Handys nur wenig mehr – auch in der Produktion. Dank Subventionen erhalten Kunden von Alltel die Geräte bereits für unter zehn Dollar, wenn sie gleichzeitig einen mehrjährigen Vertrag abschließen.
Im Grunde klingt Levys Idee ja sehr einfach – doch hinter ihr steckt mehr als nur der Einbau von mehr als doppelt so vielen Tasten. Zwar erhält der Nutzer taktiles Feedback, weil die Tasten hervorgehoben sind. Doch es kann schon passieren, dass ein Nutzer zuerst eine Nummer wählt, weil er sich vertippt. Ähnliches gilt auch umgekehrt – statt einer Nummer wird eine Buchstabentaste erwischt. Fastap nutzt deshalb einen speziellen Algorithmus, der solche Fehlbedienungen herausfiltert.
Werden in der Nähe gelegene Tasten in schneller Folge gedrückt, haben immer die Nummern Priorität. Ein ähnlicher Mechanismus greift, wenn der Finger von einer Nummer auf einen Buchstaben rutscht oder zwei diagonale Buchstaben gleichzeitig gedrückt werden. Durch diese Korrekturtechnik ergibt sich in der Praxis mehr Platz zum Tippen – laut Levy nahezu so viel wie bei einer Laptop-Tastatur.
Im Schnitt erreicht man so eine Eingabegeschwindigkeit, die beim Dreifachen der alten Telefontastatur liegt. Auch die alphabetische Reihenfolge lasse sich schnell erlernen, selbst wenn die Kunden zuvor QWERTZ-Tastaturen gewöhnt seien, meint Levy.
Digit Wireless verhandelt nun mit weiteren Handy-Herstellern und Netzbetreibern in Südamerika, Europa und Asien. Neue Prototypen werden zudem für neue Märkte mit kyrillischer, thailändischer und Hindi-Schrift entwickelt, die jeweils noch mehr Tasten benötigen. Hier könne es zwar zu Doppelbelegungen kommen, wie Levy meint, doch das sei noch wesentlich besser als der aktuelle Zustand: "Wenn man heute im Schnitt acht Mal tippen muss, wären zwei Mal bereits ein großer Fortschritt." (bsc)