Verriß des Monats: Uncoole Nichtluft
Diesmal widmen wir uns wortwörtlicher Vaporware: Kalte und sterile Luft aus der Spraydose.
- Peter Glaser
Abgerechnet wird zum Schluss: Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig – sagen wir mal – aus der Mode gekommen. An dieser Stelle – immer am letzten Tag des Monats – präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser daher eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegen genommen.
Während man sich staatlicherseits, außer vielleicht in China und Indien, wegen des möglicherweise außer Kontrolle geratenden Klimawandels langsam auf dem Verhandlungsweg Sorgen zu machen beginnt, setzen zahllose Initiativen im Kleinen auf Einfallsreichtum und lokale Reichweite. Manches ist eher moralisch als physikalisch wirksam; ab und zu allerdings findet sich auch eine Idee, die voll in die Dose geht.
Hierin besonders hervorgetan hat sich die japanische Strapaya Next Corporation, deren Kerngeschäft Schmuck – und Scherzanhängsel für Mobiltelefone, allerlei Anime-Merchandising und gagige Gadgets sind. Zu den Highlights des Herstellers gehören “T-Qualizer”-T-Shirts mit Leuchtanzeigen in Form von Herzchen oder Balkendiagrammen, die auf Umgebungsgeräusche oder Musik reagieren sowie der “Unchi Lucky Crap Cell Phone Strap”, der mit dem Slogan “Sh!t for your love, luck and life!” beworben wird, und bei dem es sich um ein kleines, vergoldetes Scheißehäufchen handelt.
Den Vogel schießt die Firma aber mit ihrem “Keitai Air-conditioning Spray” ab. “Get Frozen and Go”, freut man sich auf heiße Sommertage mit dem “Super Cooling Spray”. Ein Druck auf die Dose, und sekundenlang lassen sich bis zu minus 40 Grad Celsius erreichen. Was auf den ersten Blick als Klimaanlage im Westentaschenformat daherkommt, erscheint bei genauerem Hinsehen aber nicht nur als Campingversion eines Umweltkataströphchens. Es ist keineswegs einfach kalte Luft, die dem Blechbehälter entströmt – den Wärmeentzug bewirken Alkohol, ein silikonhaltiger “Oberflächenwirkstoff”, Parfum und, da es vor allem Japaner gern desinfiziert haben, ein antimikrobischer Zusatz. Wer sich nun Erfrischung in der Art eines Deo-Sprays erhofft, sei gewarnt: Man dürfe den Strahl niemals direkt auf die Haut richten, heißt es in einem Hinweis, und keinesfalls länger als drei Sekunden auf denselben Punkt sprühen – “es könnte Brandwunden zur Folge haben”.
Während die schwachsinnige Kaltluft neu auf dem Markt ist, hat der Verkauf heißer oder untemperierter Luft ja bereits Tradition – die Rede ist nicht von den Aqualungen der Taucher oder Ballonbefüllungen. Zu den erfolgreichsten Kriegslisten sehr großer Softwareunternehmen gehört bekanntlich jene Strategie, Anwender durch Produktankündigungen bei der Stange zu halten und damit zugleich vom Kauf neuer Konkurrenzprodukte abzuhalten, der die Zeitschrift Infoworld 1994 den anschaulichen Namen “Vaporware” (Dampfware) verpaßt hat. Mit Vaporware werden angekündigte Produkte bezeichnet, die in der wirklichen Welt außerhalb von Presseerklärungen erst einmal nicht existieren. Man kann Vaporware auch als eine Form der Konzeptkunst ansehen. Der Entwurf selbst ist bereits das Kunstwerk, weitere Verwirklichungsschritte sind also eigentlich unnötig. Die Produktankündigung soll potenzielle Kunden in jenen Zustand versetzen, den Zoologen im Tierreich als sexuelle Duldungsstarre bezeichnen – ein lustgetöntes Ausharren.
Raumtemperierte Druckluft in Dosen gehört zu den kleinen Annehmlichkeiten, die sich viele Saturn-artig von Staub und Bröseln umfahrene Nerds gönnen. Sieht es beispielsweise im Inneren einer Rechnertastatur, auf die Brötchensplitter, Chips- und Pizzakrümel, Katzenhaare und Zigarettenasche herabgeschwebt sind, nach einiger Zeit ähnlich aus wie bei der Graböffnung von Tut-Ench-Amun, läßt die patente Preßluft Sauberkeit und Frische auch in die Feinstrukturen zurückkehren. Zweifellos vergnügungssüchtige junge Menschen scheinen übrigens auf die Idee gekommen zu sein, sich an den Aerosol-haltigen Produkten zu berauschen, die eigentlich im Inneren des Computers für nüchterne Reinheit sorgen sollen. Aus diesem Grunde setzt ein Hersteller jetzt seinem “Dust Buster” einen Vergällungsstoff zu, welcher der Luftsucht einen Riegel vorschieben soll.
In einer Episode des Siebzigerjahre-Kultfilms “Kentucky Fried Movie” treffen die Freundinnen einer Hausfrau – die ihren verwesenden Sohn unbedingt weiter als Familienmitglied dabehalten möchte – zum Kaffeekränzchen ein, und eine nach der anderen rümpft die Nase (“Raucht Harry immer noch diese Zigarren?”). Auch anderswo riechen Achselhöhlen nicht immer nach Rosen und der Atem nicht nach der Frische eines Frühlingstags. Hier gesellt sich der “Fart Extinguisher”, der aus Diskretionsgründen erst eimmal unübersetzt bleibt, in das Ideenschwerefeld des Keitai-Kältesprays. Der Neuzugang in dem umkämpften Bereich der Scherzartikel verspricht mit einer Mischung aus Vanillegeruch und etwas Antibakteriellem Linderung in Fällen von Duftbehinderung. Im Gegensatz zum Air-conditioning-Spray hat es die kleine Flatulenzfeuerwehr übrigens bereits zu einem Wikipedia-Eintrag gebracht. (wst)