Ein Herz fĂĽr Wurstfinger

Microsoft Research arbeitet an einer Touchscreen-Technologie, die auch von Menschen mit dicken Greiforganen optimal genutzt werden können soll.

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Von
  • Michael Gibson

PDAs mit Stiftbedienung sind nicht besonders bequem – so dauert es jedes Mal ein Weilchen, bis man den Griffel aus dem Gehäuse gezogen hat. Dennoch ist dieser zumeist für die Feinarbeit besser geeignet als menschliche Finger. Forscher bei Microsoft haben nun eine Methode entwickelt, mit der auch kleine Bereiche auf dem Bildschirm leicht von Hand aktiviert werden können – und zwar selbst mit Wurstfingern.

Die Lösung nennt sich "Shift" und nutzt die Fingerspitzen, um Pixel feinmotorisch zu selektieren. Dazu tippt man zunächst mit der ganzen Fingerfläche auf den Bildschirm – in den Bereich, der interessiert. Hält man den Finger weiter gedrückt, wird die Shift-Software aktiviert. Sie ermöglicht einen detaillierten Blick auf den ausgewählten Bereich in einem Pop-up-Fenster. Mit leichten Bewegungen des Fingers lässt sich dann ein Zielkreuz bewegen und der gewünschte Sektor anwählen. Dann lässt man einfach wieder los.

"Wir wollen dem Benutzer das Gefühl der Beherrschbarkeit und Kontrolle dieser Technologie wiedergeben", meint Patrick Baudisch, Forschungsleiter bei dem Projekt. Die Technik sei deshalb so transparent wie möglich implementiert und solle sofort praktisch nutzbar sein.

Shift wird daher nur dann verwendet, wenn der Nutzer den Bildschirm lange genug drückt (etwa eine Drittel Sekunde) – dann weiß das System, dass es helfend eingreifen soll. Nutzer können so nahtlos zwischen dem schnellen Selektieren mit dem ganzen Finger und der Detailarbeit wechseln – etwa bei Kartendarstellungen oder kleinen Kalendern, für die man früher einen Stift benötigt hätte.

"Es ist wichtig, dass ein Gerät den Leuten nur dann hilft, wenn sie diese Hilfe auch wirklich brauchen", sagt Baudisch. Auch andere Forscher hätten berührungsempfindliche PDAs für die Fingerbedienung entwickelt. Doch da könne man dann nicht mehr gleichzeitig mit einem Stift schreiben oder zeichnen und sei oft auf maximal 15 anklickbare Bereiche beschränkt. "Der Trick dabei ist, dass Gerät zu 90 Prozent als leicht mit den Fingern bedienbar zu präsentieren. Den Stift kann man dann auf Wunsch hinzu nehmen und es noch leistungsfähiger machen."

Forscher an der University of Maryland haben ihren eigenen Ansatz zur Lösung des Problems bereits Ende der Achtzigerjahre entwickelt – Microsoft baut darauf auf. Das so genannte "Offset Cursor"-System gab Nutzern ein Zielkreuz jeweils oberhalb ihrer Finger als optische Hilfe, um damit genauer zielen zu können, wenn sie den Bildschirm berührten. Durchgesetzt hat sich die Technik allerdings nicht. Laut Microsoft Research lag das vor allem an drei Gründen: Die Nutzer mussten raten, wo sie ihren Finger platzieren sollten, konnten nicht auf Bereiche am Bildschirmrand zugreifen und hatten immer mit dem versetzt positionierten Cursor zu leben, egal wie groß das Ziel war.

In einem Experiment verglichen die Forscher daher ihre Shift-Technik mit Offset Cursor und einer Touchscreen-Nutzung ohne weitere Hilfsmittel. Während der Studie mussten zwölf Teilnehmer mit ihren Fingern eine Reihe von Zielen treffen, die auf dem Bildschirm auftauchten. Dabei setzte sich Shift durch, weil es auch mit verschiedenen Zielgrößen arbeiten konnte.

"Der größte Vorteil ist die Einfachheit der Technik", meint Daniel Vogel, Doktorand an der University of Toronto, der mit Baudisch an dem Projekt gearbeitet hat. "Wir helfen dem Nutzer, ohne dass er sich an eine neue Methode gewöhnen müsste, mit seinem Finger umzugehen."

Im Experiment waren die kleinsten zu treffenden Ziele ganze 6 mal 6 Pixel groĂź. FĂĽr noch kleinere Aufgabenstellungen, etwa beim Zeichnen, entwickelten die Microsoft-Forscher eine Spezialanwendung, mit der sich einzelne Pixel mit einer Lupe isolieren lieĂźen, die im Pop-up-Fenster auftauchte.

Baudisch glaubt, dass Shift künftig zu einer grundsätzlich einfacheren Touchscreen-Bedienung führen könne, ohne dass man den Stift ganz abschaffen müsse. Die Technologie ließe sich zudem in Handys, Notebooks und Wanddisplays verbauen. "In Zukunft werden wir auch kleine Bildschirme benutzen können, um komplexe Informationen darzustellen. Größere Geräte werden nur dann notwendig, wenn wir tiefer in eine Materie einsteigen wollen." Noch ist allerdings unklar, wann Shift tatsächlich auf den Markt kommt. Lange soll es laut Baudisch jedoch nicht mehr dauern. (bsc)