HI-Virus: "Tre" greift an
Immer wieder scheiterten Forscher und Mediziner an der Raffinesse des HI-Virus. Nun haben deutsche Wissenschaftler ein molekulares Werkzeug entwickelt, mit dem sie es erstmals aus infizierten Zellen hinaus bugsieren können.
- Edda Grabar
Am Freitag hat das Fachmagazin "Science" eine Arbeit von vier deutscher Wissenschaftlern veröffentlicht, denen es mit Hilfe eines molekularen Werkzeugs erstmals gelungen ist, den Aids-Erreger aus infizierten Zellen zu locken.
Frank Buchholz und Indra Sarkar vom Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie züchteten sich ein Enzym zurecht, das das HI-Virus zielgenau aus dem Erbgut schnipselt. Den Beweis, dass es funktioniert, trat das Ehepaar Ilona und Joachim Hauber vom Heinrich-Pette-Insitut für experimentelle Virologie und Immunologie (HPI) an. Mit Erfolg: Die HIV-infizierten Bindegewebszellen im Versuchsaufbau des HPI genesen nach der Behandlung.
Solche neuen Verfahren müssen dringend her. Bislang sind Wissenschaftler und Mediziner an dieser Bedrohung der Menschheit gescheitert, die über winzige Viren in den Körper kommt. Die Waffenkammer gegen den Aids-Erreger ist so groß wie zunehmend wirkungslos. Aus vier Wirkstoffgruppen kombinieren Ärzte derzeit 20 Substanzen je nach Patient und Virustyp unterschiedlich neu: Um die Infektion letztlich nur aufzuhalten – nicht aber zu besiegen. Im Gegenteil, die resistenten Stämme, gegen die auch die letzte Bastion an Medikamenten versagt, häufen sich.
Denn erstens befällt das Virus genau die Zellen, die es abwehren und zweitens setzt es sich in ihrem Erbgut fest. Es werden wieder und wieder neue Viren geschaffen. Sie bedienen sich sogar der Hilfe der Körperzellen: Sie nutzen die Maschinerie der Zellen, um sich zu vermehren. Während sich eine Forschungsrichtung zunächst darauf konzentrierte, das Virus nicht in die Zelle eindringen zu lassen, mehren sich inzwischen die Verfechter einer anderen Abwehrstrategie. Diese Forscher versuchen, den Erreger daran zu hindern, sich seinen Platz im menschlichen Erbgut zu suchen. "Völlig neu aber ist die Möglichkeit, ihn wieder daraus hinaus zu befördern", schreibt Alan Engelmann, Aids-Forscher am Dana-Farber Cancer Institute in Boston dazu in "Science".
Es dauerte zwei Jahre bis die Forscher soweit waren. Am Max-Planck-Institut in Dresden forschte Frank Buchholz an kleinen zellulären Werkzeugen, die bestimmte Fragmente aus dem Erbgut schneiden können. Rekombinasen nennt man diese Enzyme und sie sind vor allem in Bakterien zuhause. In Bakterien sind sie in der Lage, das Genom umzuorganisieren und sorgen damit für immer neue Varianten und Stämme. Für menschliche Zellen aber sind sie in ihrer natürlichen Version ungeeignet, da sie die Code-Abfolge des Erbguts nicht erkennen. "Daher haben wir eine Rekombinase hergestellt, die das HIV-Erbgut erkennt und gezielt entfernt."
Dazu nutzten die Dresdner ein Enzym mit dem Namen "Cre". Gewöhnlich ist es auf einen Genomabschnitt programmiert, der dem des HI-Virus entfernt ähnlich sieht. So dauerte es auch 120 Generationen bis "Cre" zu "Tre" wurde – das Enzym, das nun dem HIV-Genom zu Leibe rückt.
Dass es seine Aufgabe wenigstens in Zellkulturen bewältigt, konnte schließlich das Ehepaar Hauber nachweisen. Damit sei zwar noch keine neue Therapie erfunden, die Grundlagen dafür seien jedoch allemal gelegt, meinen die beiden. Nun geht es darum, das Enzym zu optimieren. Denn selbst unter den günstigen Laborbedingungen brauchte Tre etwa drei Monate, um wirklich alle HIV-Reste zu verbannen.
"Wir werden jetzt erst einmal das Enzym verbessern und dann prüfen, wie effektiv und sicher wir die Rekombinase in die infizierten Zellen des menschlichen Körpers einbringen können", ergänzt Buchholz. Eine Gentherapie schwebt Hauber vor. Aber auch die Kombination mit anderen abwehrstärkenden Therapie sei eine Option, glaubt Aids-Forscher Alan Engelmann. Obwohl die Ergebnisse wohl zunächst nur ein Baby-Schritt in Richtung Behandlung seien, beweise die Entwicklung der Tre-Rekombinase, dass es irgendwann einmal möglich sein könnte, das HI-Virus aus menschlichen Chromosomen zu verbannen, meint er in "Science". (bsc)