Auf ins All!
Einige Minuten Schwerelosigkeit in hundert Kilometer Höhe, vier Wochen auf einer privaten Raumstation oder gleich ganz zum Mond: Schon bald sollen Weltraumtouristen zwischen diesen Angeboten wählen können. Auf dem jungen Markt herrscht Aufbruchsstimmung.
- Keno Verseck
Anders als noch vor wenigen Jahren kann die Weltraumtourismus-Branche inzwischen mit ersten Erfolgen aufwarten – die Zeit der bunten Bildchen und Konzeptstudien scheint vorbei. Im Juni gab die Firma Space Adventures bekannt, sie wolle zusammen mit der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos Mondflüge anbieten. Und auch Bigelow Aerospace, das Raumfahrtunternehmen des US-Hoteliers Robert Bigelow, hat ein zweites Testmodul seiner aufblasbaren Raumstation gestartet. Der US-Flugzeugkonstrukteur Burt Rutan arbeitet unterdessen mit Hochdruck an einer passagierfähigen, vergrößerten Version seines "SpaceShipOne", das im Herbst 2004 einen Flug in mehr als hundert Kilometer Höhe schaffte.
In Gang gekommen war Weltraumtourismus ursprünglich als Notlösung: Seit 2002 vermietet die von finanziellen Dauersorgen geplagte russische Raumfahrtagentur über die US-Firma Space Adventures freie Plätze in ihren Sojus-Kapseln, die zur Internationalen Raumstation fliegen. Der Preis eines zehn- bis vierzehntägigen Ausflugs zur ISS: 25 Millionen Dollar. Immerhin fünf Superreiche wollten und konnten sich das seit 2002 leisten. Der letzte war im April dieses Jahres der Software-Milliardär Charles Simonyi.
Bislang war Space Adventures lediglich Makler knapper russischer Kapazitäten. Nun jedoch plant die Firma exklusive Programme für Weltraumtouristen. Sie sollen künftig einen Ausstieg aus der ISS mit anschließendem ein- bis zweistündigen Weltraum-"Spaziergang" unternehmen können. Das solle bereits ab dem nächsten ISS-Touristenflug im Oktober 2008 angeboten werden, sagte die Space-Adventures-Sprecherin Stacey Taerne auf Anfrage von Technology Review.
Es wäre ein weiterer entscheidender Schritt auf dem Weg zur Kommerzialisierung der ISS. Gegen private Flüge zur ISS hatte die NASA ursprünglich wild opponiert. Inzwischen erwägt auch die US-Raumfahrtagentur, aus Kostengründen Teile der ISS ab 2011 an Privatunternehmen zu vermieten, wie der Chef des NASA-Raumfahrtprogrammes, Bill Gerstenmaier, kürzlich bekannt gab.
Bei Space Adventures geht es jedoch noch weitaus spektakulärer: Auch eigens für Touristen konzipierte Mondflüge wolle man ab 2011 anbieten, verkündete der Space-Adventure-Chef Eric Anderson im Juni bei einer Luft- und Raumfahrttagung in Colorado im US-Bundesstaat Utah. Möglich sei das mit nur geringfügigen Änderungen des existierenden russischen Know-hows, sagte Anderson. Bei einem Mondflug würde eine speziell umgebaute, dreisitzige Sojus-TMA-Kapsel in einer erdnahen Umlaufbahn an ein separat ins All gebrachtes Antriebsmodul andocken und mit dessen Hilfe zum Mond fliegen.
Ein Swing-by-Manöver um den Mond würde den nötigen Schub für die Rückreise liefern. Mondumkreisungen sind zunächst nicht geplant, könnten aber später hinzukommen. Mitfliegen würden neben dem russischen Piloten zwei Touristen; die sechtägige Mondreise könnte mit einem zweiwöchigen Aufenthalt auf der ISS verknüpft werden. Kosten pro Person: 100 Millionen Dollar. Obwohl die Summe horrend ist, hat Space Adventures angeblich bereits feste Interessenten. Auf TR-Nachfrage hieß es bei der Firma, man werde voraussichtlich zum Jahresende den ersten Vertrag mit einem zahlenden Klienten abschließen.
Sein Monopol auf Touristenflüge ins All wird Space Adventures jedoch vermutlich nicht mehr lange behalten. Bereits 2010 will die die Firma Bigelow Aerospace des US-Hoteliers Robert Bigelow das erste bewohnbare Modul einer aufblasbaren Raumstation in eine Erdumlaufbahn bringen, ab 2013 sollen die ersten Privatkunden sie nutzen können. Bigelows Chancen, seinen Plan zu verwirklichen, stehen gut. Ende Juni brachte eine umgebaute russische Interkontinetalrakete das zweite Genesis-Testmodul erfolgreich ins All, nachdem bereits im Juli 2006 ein erstes Modul gestartet worden war, das seither die Erde in etwa 550 Kilometer Höhe umkreist. Die melonenförmigen Genesis-Module bestehen aus mehreren Schichten von High-Tech-Materialien, haben sich nach dem Start ordnungsgemäß entfaltet und dabei gut ein Drittel an Volumen gewonnen. Künftige Module sollen sich auf das Anderthalbfache ihrer Startgröße aufplustern können.