Nanocurry gegen Tumore
Der Curry-Farbstoff Curcumin könnte, in Nanokugeln eingepackt, gegen Alzheimer, Mukoviszidose und sogar Krebs helfen.
- Ganapati Mudur
Seit einigen Jahren ist bekannt, dass Curcumin, der Pigmentstoff aus Gelbwurz, der dem Currygewürz seine Farbe verleiht, gegen Tumore und Hirnerkrankungen wie Alzheimer wirken kann. Entsprechende Studien zeigten im Tiermodell und im Reagenzglas erste Erfolge.
Das Problem: Der Stoff ist unlöslich und passiert den Darm, ohne in den Blutkreislauf zu gelangen. Klinische Studien, von denen es in den Vereinigten Staaten, Europa und Asien inzwischen mehr als zwei Dutzend gab, waren für die Teilnehmer daher eher unangenehm: Sie mussten bis zu zwölf Gramm (oder sogar mehr) Curcumin am Tag schlucken. Das nimmt selbst den stärksten Fan der indischen Küche mit.
Forscher an der Johns Hopkins University School of Medicine haben nun in Zusammenarbeit mit der Universität von Delhi in Indien ein Verfahren entwickelt, dass die Nanotechnologie nutzt, um den Curry-Farbstoff leichter in die Blutbahn zu befördern. Dazu nutzten sie kleine Nanokügelchen.
"Nanocurry" genannt, wird bei dem Projekt aktuelle Nanotechnik mit dem uralten Gewürzbestandteil verheiratet. Der Vorteil: Die Nanokügelchen ermöglichen eine geringere orale Dosierung, weil der Stoff in die Blutbahn gelangt. So würden breitere klinische Studien möglich, mit denen es der Curry-Bestandteil eines Tages vom Gewürzregal in die Apotheke schaffen könnte. Tierversuche, bei denen das Nano-Cucumin gegen Bauchspeicheldrüsentumore bei Mäusen eingesetzt werden soll, sollen in den nächsten Wochen starten.
Die dabei verwendeten Partikel entstehen mit Hilfe spezieller Polymere, aus denen dann 50 Nanometer kleine Nanokügelchen synthetisiert werden. Studienleiter ist Anirban Maitra, Professor für Pathologie und Onkologie an der Johns Hopkins-Universität, der unter anderem mit seinem Vater Amarnath Maitra zusammenarbeitet, der an der University of Dheli als Chemieprofessor lehrt. Die Cucumin-Partikel besitzen ein hydrophobes Inneres und ein hydrophiles Äußeres. Die Innenschicht hält das Curcumin, während die Außenschicht die Partikel löslich macht. Auf diese Art können sie leichter vom Darm in den Blutkreislauf gelangen. Dort angekommen, zersetzt sich das Polymermaterial langsam und gibt das Curcumin frei.
Das Johns Hopkins-Team konnte in Laborexperimenten mit Bauchspeicheldrüsenkrebszellen bereits zeigen, dass das Nano-Curcumin auch nach seiner Reise durch den Körper noch in der Lage sein sollte, eine Tumorzellenzerstörung einzuleiten. Erste Tierversuche bewiesen laut Maitra außerdem, dass die Nanopartikel ungiftig sind.
Die Nachfrage nach dem Nanocurry ist groß. In den letzten fünf Jahren zeigten immer mehr Studien, dass Curcumin klinisches Potenzial hat. Tumore in Brust, Dickdarm, Eierstöcken und Bauchspeicheldrüse könnten sich bekämpfen lassen.
Curcumin soll auch an anderer Stelle wirken – Forscher am Massachusetts General Hospital zeigten in diesem Jahr, dass der Stoff bei Mäusen Ablagerungen im Gehirn, die mit Alzheimer zusammenhängen, auflösen konnte. Vor zwei Jahren legte ein Forscherteam an der University of California in Los Angeles zudem erste Anhaltspunkte dafür vor, dass sich Curcumin auch zur Vorsorge gegen Alzheimer eignet. Der Curry-Farbstoff könnte sich außerdem auch zur Behandlung der häufigsten Form der Erbkrankheit Mukoviszidose nutzen lassen, wie Tierversuche an der Yale University School of Medicine vor drei Jahren zu belegen versuchten.
"Selbst mit freiem Curcumin zeigen sich bereits sehr viel versprechende Ergebnisse", meint Bharat Bhushan Aggarwal, Professor für experimentelle Therapieformen am MD Anderson Cancer Center der University of Texas, der mit Curry Pharmaceuticals sogar bereits ein Unternehmen gegründet hat, das seine Forschungsergebnisse vermarkten soll. Auch an seiner Fakultät ließ sich im Labor demonstrieren, dass sich die Normvariante von Curcumin gegen Tumore in Bauchspeicheldrüse und Eierstöcken verwendet lässt – darüber hinaus auch bei Blasenkrebs und einigen Gehirntumoren.
Aggarwal und seine Kollegen testeten Curcumin außerdem bei Patienten mit Lungenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und multiplem Myelom – mit laut eigenen Angaben "viel versprechenden" Resultaten. "Wir wissen außerdem, dass Curcumin auch in hohen Dosen von bis zu 12 Gramm pro Tag über mehrere Monate ein sicherer Wirkstoff bleibt." Zudem helfe der Curry-Farbstoff anderen Medikamenten offenbar bei der Tumorzerstörung.
Trotz all dieser Mutmacher-Berichte – noch wird Curcumin in der Medizin verhältnismäßig wenig Beachtung geschenkt. Der Grund bleibt die schlechte Löslichkeit und die dadurch bedingten, notwendigen hohen Dosen. "Der Hauptgrund für die geringe Anwendung liegt genau darin", betont auch Johns Hopkins-Forscher Maitra. Patienten klagten bei starker Curcumin-Gabe über den nur schwer erträglichen Nachgeschmack.
Maitra und seine Kollegen wollen ihr Nanocurry deshalb nun so schnell wie möglich in Tierversuchen gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs, Mukoviszidose und Alzheimer antreten lassen: "Wir erwarten, dass der Nanoansatz das klinische Potenzial dieses viel versprechenden Wirkstoffs dramatisch verbessert." Sei dies bewiesen, könnten die Nanokügelchen auch mit speziellen Molekülen ausgestattet werden, die Krebszellen spezifisch angehen und das Curcumin genau an die richtige Stelle befördern. (bsc)