Mobilfunk nach Maß

Ein US-Start-up ermöglicht es auch kleinsten Kunden, Handy-Netzbetreiber zu werden – und will Mobilmonopole so aufbrechen.

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Von
  • Wade Roush

US-Mobilfunkanbieter wie Verizon, AT&T, T-Mobile oder Sprint Nextel dürften nicht in Angstschweiß ausbrechen, wenn sie Namen wie "ODK Mobile", "Farthing Wireless" oder "Long Island Ducks Mobile" hören. Aber diese kleinen Do-it-youself-Netzbetreiber sind Teil eines Trends, der den gesamten amerikanischen Mobilfunkmarkt verändern könnte – jedenfalls hoffen dies die Macher eines Start-ups aus dem kalifornischen Menlo Park.

Sonopia glaubt, dass der Mobilfunkmarkt das Potenzial hat, sich in Tausende oder gar Millionen Teile aufzuspalten, ähnlich wie die Durchdringung kleinerer Internet-Provider große Online-Firmen wie Compuserve, Prodigy und AOL dezimierte.

Firmenchef Juha Christensen, der bereits das Mobil-Betriebssystem Symbian aus der Taufe gehoben hat, ärgert sich laut eigenen Angaben schon lange darüber, dass die großen Mobilfunkanbieter die Anzahl der möglichen Anwendungen auf den Handys einschränken, ohne die vielen Funktionen der smarten Multimedia-Genies zu nutzen.

US-Netzbetreiber sind hier laut Christensen besonders schlimm: So enthalten fast alle aktuellen Handys eine Möglichkeit der Positionsbestimmung, doch nur ein Provider habe bislang zugelassen, dass Programme von Dritten darauf zugreifen dürften.

Der Mangel an kreativen Anwendungen sorgt laut dem Sonopia-Chef auch dafür, dass die Kunden ihre Geräte fast immer noch nur als reines Telefon verwendeten: "Wir fragten uns: Was könnte dazu führen, dass die Leute diese Technologie endlich richtig nutzen?" Er habe sich dann die Diensteseite der Industrie angesehen, und ihm sei klar geworden, dass die Leute keine Lust mehr auf die "One-Size-Fits-All"-Situation der großen Netzbetreiber hätten.

Im April startete Sonopia deshalb einen Dienst, der es Einzelpersonen, Familien und Gruppen erlaubt, die großen US-Provider komplett zu umgehen und zu ihrem eigenen virtuellen Netzbetreiber, "Mobile Virtual Network Operator" (kurz MVNO) genannt, zu werden. Mehr als 2400 Personen und Organisationen haben das bereits getan.

Zu Sonopias Kunden gehört etwa "TBF Wireless", der Mobilfunkanbieter des Sportfischerverbandes The Bass Federation. Durch ihren eigenen Provider können Gruppen und Familien ihren Mitgliedern laut Sanopia nicht nur einen wichtigen Dienst verkaufen, sondern einen Anteil der Monatsumsätze kassieren. "Jeder bezahlt doch irgendjemanden für sein Handy", kommentiert Robert Cartlidge, Vorsitzender der TBF. "Auf diese Weise haben wir wenigstens das gute Gefühl, dass wir etwas unterstützen, was wir mögen."

Der "virtuelle" Teil des Netzes bedeutet, dass der Anbieter keine eigenen Mobilfunktürme, Schaltstationen oder Lizenzen für ein Funkspektrum braucht. All diese Infrastrukturdetails werden an einen echten Mobilfunkbetreiber ausgelagert, während sich der MVNO um Dinge wie die Marke, den Vertrieb und die Handy-Auswahl kümmert.

Solche virtuellen Netzbetreiber gibt es schon seit fast 10 Jahren, allerdings setzten sie sich anfangs in den USA nur schleppend durch. Der wohl bekannteste ist Virgin Mobile in Großbritannien, wo man in nur 19 Monaten nach dem Start 1999 bereits eine Million Mitglieder versammelt hatte. Doch obwohl es wesentlich leichter ist, einen MVNO zu starten, als die nächste T-Mobile zu gründen, blieben die Markteintrittshürden zunächst hoch. Bis jetzt war etwa noch immer viel Wissen über den Betrieb eines solchen Netzes notwendig. Millionen mussten auch in den Aufbau von eigenen Abrechnungssystemen, den Vertrieb und in einen vernünftigen Support investiert werden. Sobald ein MVNO dann lief, ergab sich nach wie vor das Problem, Kunden zu finden.

Sonopia hat all diese Hürden nun geschleift. Die meisten technischen Herausforderungen und Risiken wurden eliminiert. Es reicht aus, auf Sonopias Website vorbeizuschauen, ein Profil anzulegen, auszuwählen, welche Handys und Tarife aus Sonopias Angebot seinen eigenen Mitgliedern angeboten werden sollte – das wars auch schon fast. Dann noch ein Design für Website und Splash-Screens auswählen, spezielle Inhalte erstellen und Einladungen verschicken, fertig. "Jeder, der interessante Ideen ausdrücken möchte, kann innerhalb von Minuten einen Mobilfunkanbieter bei uns erstellen", meint Christensen.

Sonopia kümmert sich um alles: Die Firma verschickt Telefone an die Kunden, schreibt Rechnungen und zieht Geld ein. Der Kunde interagiert dabei aber immer mit der MVNO-Marke, nicht mit Sonopia. Dafür erhält die Firma den Hauptteil der Monatsgebühren – immerhin stellt Sonopia ja seine teure und komplexe Infrastruktur zur Verfügung. Der MVNO muss sich deshalb mit drei bis acht Prozent vom Gesprächsumsatz begnügen. Kunden, die ihr Handy durch einen Sonopia-MVNO erhalten, können außerdem auf einen großen Softwarekatalog zurückgreifen, der auf der Mobilfunksoftwareplattform BREW aufsetzt.

Die größte Herausforderung bei dem Projekt sei nicht der Aufbau der Netzinfrastruktur gewesen, meint Christensen, sondern die Erstellung einfacher, Web-basierter Schnittstellen, mit denen auch Laien ihren eigenen MVNO kreieren, mit einer Marke versehen und anpassen können: "Wir haben viel Zeit damit verbracht, den Anmeldeprozess in möglichst wenige Schritte zu zerlegen." Auch der Aufbau von Werkzeugen, mit denen Nichtprogrammierer Inhalte für diverse Handy-Modelle erstellen können, sei eine große Hürde gewesen.

Zum Sonopia-Service gehört auch, soziale Online-Netzwerke auf Basis gemeinsamer Interessen zu erstellen. Die Mitglieder rekrutieren sich aus vielen verschiedenen Sonopia-MVNOs. Sie können regelmäßig mit Neuigkeiten, Blog-Postings und anderen Infos auf ihren Handys erreicht werden.

Sollte sich die Idee hinter Sonopia durchsetzen, würde die Firma wohl dabei helfen, die stark zentralisierte Struktur der heutigen Mobilfunkindustrie aufzubrechen – und damit auch die Anzahl verfügbarer Inhalte und Anwendungen auf dem Handy erhöhen. Sonopias Hauptgeschäft bleibe es aber, den Anbietern beim Maßschneidern ihrer Dienste auf die Kunden zu helfen. "Damit sich ihr Geschäft rechnet, müssen große Netzbetreiber alles auf einen gemeinsamen Nenner bringen und so viele Kunden wie möglich für so lange wie möglich glücklich machen. Wir haben das Modell umgedreht."

Für Sonopia gelte: Je kleiner das Netz, desto besser. "Selbst wenn es Millionen von Sonopia-MVNOs gäbe, die jeweils nur einen Kunden hätten, wären wir noch profitabel." Das System sei so aufgebaut, dass ein einzelner Neukunde nicht viele Zusatzkosten verursache. (bsc)