Second Life goes Second Earth

Wenn es nach Zukunftsforschern geht, könnte aus dem Web bald eine virtuelle Welt werden, die Elemente der 3D-Simulation Second Life mit dem Online-Globus Google Earth kombiniert. Teil 1 einer vierteiligen Serie über den Weg vom WWW ins neue "Metaversum".

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Lesezeit: 11 Min.
Von
  • Wade Roush
Inhaltsverzeichnis

Eine Gewitterwolke sitzt an meinem Knie und schleudert kleine Blitze in Richtung meiner Schuhe. Ich stehe, in Form eines Avatars, über einer gigantischen Karte der Vereinigten Staaten. Der Süden von Illinois befindet sich direkt unter meinen Füßen – und der bekommt offensichtlich gerade ein ganz schönes virtuelles Gewitter ab.

An der Ostküste ist das Wetter hingegen besser. Ich sehe kissenartige Kumuluswolken, die über Boston und New York schweben, nur wenige virtuelle Meter entfernt. Ich drehe mich um und schaue nach Westen in Richtung Nevada. Kein einziger Regentropfen ist in Sicht, die acht Jahre andauernde Dürre scheint aufgrund der globalen Erwärmung wohl niemals zu enden.

Dann fällt mir plötzlich etwas Merkwürdiges auf: Die roten Punkte über Phoenix und Los Angeles zeigen, dass es dort sehr heiß sein muss – das ist zu dieser Jahreszeit auch zu erwarten. Doch der Punkt über dem Flughafen von North Las Vegas ist tiefkühlblau. Das kann doch nicht stimmen. Ich wohne schließlich nur 30 Kilometer entfernt und lasse schon den ganzen Tag über meine Klimaanlage laufen.

"Irgendeine Ahnung, warum dieser Punkt blau ist?", frage ich den Avatar, der die Wetterkarte bedient. Sein Name in der virtuellen Welt von Second Life, in der ich gerade mich befinde, lautet Zazen Manbi. Er hat ein freundliches Gesicht und gepflegtes, kastanienbraunes Haar. Die ovale Brille auf seiner Nase lässt ihn wie eine Mischung aus Wissenschaftler und John Lennon aussehen. Der Mann, der den Avatar Manbi kontrolliert, heißt eigentlich Jeffrey Corbin und er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Physik und Astronomie der University of Denver.

"Lassen Sie mich etwas ausprobieren", antwortet er mir. "Ich kann die Karte zurücksetzen, manchmal bleibt sie hängen." Er drückt einen Knopf und frische Daten aus dem Netzwerk von Flughafen-Wetterstationen, die die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) betreibt, erreichen die virtuelle Welt. Die Wolken über der Ostküste verschieben sich leicht, Los Angeles wird orange, was bedeutet, dass es dort etwas abgekühlt ist. Aber es hängt immer noch ein Indigoblau über Las Vegas. "Da hat wohl jemand den Blues", scherzt Corbin/Manbi.

Die Karte, über der ich mich befinde, gehört der NOAA. Sie deckt eine 12 mal 20 Meter große Fläche auf einer riesigen virtuellen Insel ab, die komplett mit Software und Servern der Firma Linden Lab in San Francisco betrieben wird, die Second Life 2003 schuf. (Im Maßstab der Karte ist mein Avatar ungefähr 500 Kilometer groß – Illinois überspringe ich mit drei Schritten.) Corbin, dessen persönliche Mission darin zu bestehen scheint, 3D-Werkzeuge wie dieses in den wissenschaftlichen Lehrplan seiner Universität zu holen, bezahlte Linden Lab für die Insel, damit er seine Demonstrationsobjekte darauf platzieren konnte. Mit ihnen beweist er nun seiner Fakultät, dass sich solche Technologien pädagogisch sinnvoll einsetzen lassen. "Jeder Student an der University of Denver muss einen Laptop haben. Aber wie viele der jungen Leute nutzen ihn im Unterricht nur, um IM-Botschaften zu verschicken?" Corbin ist fest davon überzeugt, dass einige Studenten deutlich mehr lernen würden, wenn sie eine solche Karte virtuell betreten könnten.

Der Wissenschaftler hat viel zu zeigen. Im Westen der Karte liegt ein virtuelles Planetarium, eine gigantische Glaskiste, in der eine riesige weiße Kugel sitzt, die wiederum mit einem mechanischen Modell des Sonnensystems ausgestattet ist, das unter anderem die Geometrie einer Sonnenfinsternis darstellen kann. Corbin ist nicht der einzige, der solche Attraktionen in Second Life anbietet. Im Süden, auf einer benachbarten Insel, befindet sich das "International Spaceflight Museum". Dort können Nutzer neben lebensgroßen Raketen fliegen – von der Saturn V aus Apollo-Zeiten bis hin zu einem Prototypen der brandneuen Ares V, die eines Tages Amerikaner zurück auf den Mond schicken soll.