Second Life goes Second Earth (Teil 2)
Das 3D-Web der Zukunft wird zahlreiche virtuelle Welten und Spiegelwelten umfassen und keinem Konzern alleine gehören. Teil 2 einer vierteiligen Serie über den Weg vom WWW ins neue "Metaversum".
- Wade Roush
Den vorherigen Teil von "Second Life goes Second Earth" finden Sie hier.
Es ist wohl kaum davon auszugehen, dass virtuelle Welten runder laufen werden als die echte. Ich schrieb deshalb die Programmiererin und 3D-Gestalterin Alyssa LaRoche an, die die begehbare Wetterkarte für die NOAA gestaltet hat, um herauszufinden, warum da dieser nervige blaue Punkt über Las Vegas schwebte. Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen Netzwerkfehler, der dafür sorgte, dass die Daten der Flughafen-Wetterstation die virtuelle Welt Second Life nicht erreichen konnten. Und wenn die Karte keine Daten erhält, stellt sie eben den Standardwert dar – und der ist blau wie kalt. NOAA-Verantwortlicher Jeffrey Corbin hatte also recht: Das Ding hatte den Blues.
Obwohl Linden Labs Second Life-Welt und Googles Earth-Simulation gerne als Metaversum-Vorläufer genannt werden, glaubt niemand daran, dass beide Firmen die absoluten Herrscher dieses neuen Online-Universums sein werden. Beide Systeme sind vor allem deshalb interessant, weil sie bereits jetzt viele Nutzer haben und zwei wichtige Technologiebereiche repräsentieren, die für den Aufbau eines Metaversums mehr als notwendig wären.
Second Life ist eine richtige virtuelle Welt und wird nicht dadurch beschränkt, dass sie wie die reale aussehen muss. Was sie mit anderen 3D- und 2D-Welten wie "There", "Entropia Universe", "Moove", "Habbo Hotel" oder "Kaneva" eint, ist die freie Gestaltbarkeit durch die Community und die Möglichkeit, aus den gemeinsamen Vorstellungen der Nutzerschaft Neues zu gestalten. "Gemeinschaftliche Halluzination" nannte der Science-Fiction-Autor William Gibson das in seinem bahnbrechenden Roman "Neuromancer" (1984), der einen "The Matrix"-ähnlichen Cyberspace noch viel früher vorhersah als Neil Stephensons "Snow Crash", in dem ein Metaversum eine wichtige Rolle spielt. Die Welten in "Neuromancer" und "Snow Crash" sind jedoch nicht nur zum Spielen da. Die Benutzer gehen nicht zusammen auf Abenteuertripps oder versuchen, mehr Gold oder Zaubersprüche einzusammeln. Stattdessen erinnern diese Ansätze eher an virtuelle Lagerfeuer, Diskotheken oder Shopping Malls.
Dies setzt diese Science Fiction-3D-Welten deutlich von großen Online-Spielen wie EverQuest (Sony), World of Warcraft (Blizzard) oder Lineage II (NCsoft) ab, die zusammen aber auch wesentlich mehr Benutzer als Second Life haben, das als Hauptvorläufer des Metaversums gelten kann.
Google Earth und Konkurrenten wie Microsoft Virtual Earth lassen sich hingegen eher als Spiegelwelten beschreiben – ein Begriff, den der Yale-Computerwissenschaftler David Gelernter erfand, um geographisch genaue Software-Modelle zu umschreiben, die die echte menschliche Umwelt und ihre Zusammenhänge im Rechner nachbilden. Wären sie Bücher, könnte man virtuelle Welten als Romane und Spiegelwelten als Sachbücher umschreiben. Spiegelwelten sind ein Mikrokosmos: Die Realität auf ein Maß herunter gebrochen, so dass sie sich begreifen, manipulieren und neu anordnen lässt, wie ein unglaublich detailliertes Puppenhaus. Man verwendet Spiegelwelten, um die echte Welt zu beobachten – nicht, um vor ihr zu flüchten. Umweltforscher und Geologen füttern Daten über Klimabedingungen, Umweltprobleme und ähnliches in Google Earth und Microsoft Virtual Earth, wo die räumlichen und geographischen Dimensionen einen zusätzlichen Kontext liefern und so versteckte Muster offen legen können.
Spiegelwelten nehmen zunehmend wichtige Funktionen für große Firmen, Regierungsbehörden und Militärs ein – beispielsweise lässt sich damit beobachten, wie Warenströme verlaufen oder welche Einflüsse eventuelle Naturkatastrophen auf die Supply Chain hätten. Werden diese Spiegelwelten mit einem weiteren Technologieansatz verschmolzen, der so genannten "Augmented Reality", dürften sie noch spannender werden.
Augmented Reality, die um digitale Daten ergänzte Realität, verwendet die in Spiegelwelten enthaltenen Informationen, ohne dass man von solchen Welten umgeben sein müsste. Die 3D-Simulation wird quasi der echten Welt übergestülpt und in 2D von mobilen Geräten dargestellt, die sich ihrer Position bewusst sind – so heißt es zumindest in der "Metaverse Roadmap", dem von Zukunftsforschern aufgestellten Weg ins Metaversum. Handys mit GPS-Sensoren und Kamera könnten so zu einem temporären Fenster in das neue 3D-Online-Universum werden. Sucht man beispielsweise nach einer neuen Wohnung, könnte man beim Besuchstermin gleich 3D-Pläne angezeigt bekommen, Preise und Gebühren und dergleichen mehr – für jedes Haus in einem Viertel. Oder man hält das Kamera-Handy auf eine Windenergieanlage, um die virtuelle Version aus Google Earth zu sehen – ergänzt um genaue technische Spezifikationen, Wartungsgeschichte oder Anzeige der Energieausbeute. Der finnische Handy-Gigant Nokia, das französische Start-up Total Immersion und andere Firmen bauen bereits entsprechende Prototypen und glauben, dass die großen Netzbetreiber bald großes Interesse für die neue Technologie zeigen werden.