Second Life goes Second Earth (Teil 4)

Damit ein echtes Metaversum entsteht, mĂĽssen Programmierer die Technologien von Spiegelwelten und sozialen 3D-Umgebungen wirklich zusammenfĂĽhren. Teil 4 einer vierteiligen Serie ĂĽber den Weg vom WWW ins neue "Metaversum".

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Lesezeit: 12 Min.
Von
  • Wade Roush
Inhaltsverzeichnis

Den vorherigen Teil von "Second Life goes Second Earth" finden Sie hier.

Wenn man "Mirror Worlds"-Autor David Gelernter die Frage stellt, warum Metaversum und Spiegelwelt überhaupt gebraucht werden, wo es doch bereits die einfach zu navigierende 2D-Umgebung namens World Wide Web gibt, bekommt man eine einfache Antwort: "Das ist so, als würde man fragen, warum man einen Webbrowser braucht, wo es doch schon den Vorläuferdienst Gopher gibt." Oder eine einfache Programmiersprache, wo man doch Assembler nutzen könne.

Er glaube zwar, dass das aktuelle Web all die räumlichen Echtzeit-Daten in ein zukünftiges Metaversum schicken könne, doch das werde nicht besonders hübsch aussehen. Es drohe eine "falsche Informationsmetapher". Das Modell einzelner Seiten, die wiederum zu Websites zusammengefasst seien, zu denen man mit Hilfe einer Ortsbeschreibung (URL) vordringen muss, sei unnatürlich. Dabei gäbe es doch wesentlich einfachere Methoden der Fortbewegung im Informationsraum: "Sich das Web geografisch vorzustellen, ist daher sinnlos – es ist nur ein zufälliger Graph." Seine physische Umgebung kenne der Mensch hingegen: "Er besitzt ein grundlegendes Gefühl für die Welt. Der Mensch ist dafür geschaffen worden und so werden wir eines Tages auch mit unseren Rechnern umgehen."

Wenn man sich den wachsenden Markt für ortsbasierte Technologien ansieht, kann man Gelernter schnell Recht geben – GPS-Handys, Web-Kartendienste und Geo-Mashups, die Popularität von Google Earth, all dies sind wichtige Indikatoren. Google Earth ist inzwischen so bekannt, dass es bereits in den "Simpsons" persifliert wurde und zur Beschreibung von Kleinanzeigen und für Bewerbungen benutzt wird. Die virtuelle 3D-Welt Second Life kann sich zudem tagtäglich über 25.000 neue Mitglieder erfreuen, die den Anbieter Linden Lab dazu zwingen, ständig neue Server zu installieren.

Damit ein echtes Metaversum entsteht, müssen die Programmierer aber zunächst Technologien schaffen, die Spiegelwelten und soziale 3D-Umgebungen wie Second Life wirklich zusammenführen. Das wäre einfacher, wenn Google und Linden Lab den Quellcode hinter ihrer jeweiligen Plattform freigeben würden, so dass auch Programmierer von Außen Zugriff auf tiefere Funktionen hätten. Schon allein einfache Programmierschnittstellen (APIs) wären hilfreich. Ende 2006 machte Google einen Anfang, in dem der Konzern Entwicklern erstmals erlaubte, einige Teilbereiche der Google Earth-Software zu steuern. Eine vollständige API war das aber noch nicht – und Anzeichen, dass diese folgen könnte, sind bislang nicht zu erkennen. Bei Second Life sieht es etwas besser aus. Im Januar brachte Linden Lab zumindest den Quellcode für die Viewer-Anwendung heraus – die Software, mit der sich PC-Besitzer die 3D-Welt auf denn Rechner holen. Der Kern der Simulationssoftware soll ebenfalls eines Tages folgen, kündigt Linden Lab-Technikchef Cory Ondrejka an, doch zunächst will man die Software weiter verbessern. Zudem weiß das Unternehmen bislang noch nicht, wie es Geld verdienen sollte, würde es die Expansion des Second Life-Ökosystems nicht mehr alleine kontrollieren.

Der echte Fortschritt hin zu einer Fusion von Second Life und Google Earth erfolgt daher wohl außerhalb der Betreiberfirmen. Andrew "Roo" Reynolds, einer der beiden "Metaverse Evangelists" des IT-Konzerns IBM, schrieb eine Erweiterung für SketchUp, mit der aus Collada-3D-Modellen Prim-basierte Objekte in Second Life werden. Und obwohl es nur schwer möglich wäre, aus Second Life ein begehbares Google Earth zu machen, arbeitet die englische Firma Daden an einer Verbindung beider Angebote. Das Ergebnis ist jedoch kein digitaler Globus. Google Earth wird zu einer virtuellen VR-Umgebung innerhalb Second Life – die Kontinente der Karte werden in das Innere einer gigantischen Kugel gesteckt, in der sich der Nutzer in Form seines Avatars in der Mitte befindet. Anklickbare "Hot Spots" holen Echtzeit-Daten aus dem Web in die Simulation – Nachrichten von CNN und der BBC, aber auch seismografische Angaben.