"Unsere User bestimmen"

Kevin Rose, Gründer von Digg.com, im Interview mit Technolgy Review über die Bedeutung, die die Nutzergemeinschaft für die populäre Social Media-Website nach wie vor besitzt.

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Von
  • Jason Pontin
Inhaltsverzeichnis

Kevin Rose, GrĂĽnder und "Chief Architect" von Digg.com hat das Social Media-Wunderkind einst als eine Art Experiment gestartet. Ende der Neunzigerjahre schmiss er sein Studium an der University of Nevada in Las Vegas, wo er Informatik studiert hatte, um sich in San Francisco in den Dot-Com-Hype zu stĂĽrzen. Auf Gold stieĂź er damals allerdings nicht, obwohl er bei mehreren Start-ups arbeitete. Dennoch wurde Rose zumindest in gewissen Zirkeln zu einer kleinen BerĂĽhmtheit, als er zu einem der Moderatoren der Sendung "The Screen Savers" auf dem amerikanischen Satellitenkanal "TechTV" aufstieg.

Mit Digg wollte Rose danach etwas noch interessanteres und wichtigeres schaffen: Eine Kombination aus sozialem Netzwerk, Blogging-Plattform und modernem Online-Medium. Verbunden werden sollte das alles durch die Idee des "Crowdsourcing", bei der die Masse der Nutzerschaft Nachrichten liefert und bewertet, um möglichst nahe an die Wahrheit zu gelangen.

Aus Digg wurde dann schließlich in seiner endgültigen Form ein Nachrichtenangebot, das sich aus den interessantesten Geschichten zusammensetzt, die die Nutzer demokratisch ausgewählt und nach Popularität sortiert haben. Bei Digg reichen die Nutzer die Storys ein – und sie bewerten sie auch, mit "Digs" und "Burys", mit denen sie sich nach vorne befördern oder "begraben" lassen.

Digg ging im Dezember 2004 online und wurde schnell enorm populär – in weniger als drei Jahren gehört es zu den wichtigsten Online-Medienangeboten, das jeden Tag Hunderttausende Nutzer zu den spannendsten Storys lockt. Im Interview mit Technology Review spricht Rose über den Umgang mit der Digg-Community.

Technology Review: Herr Rose, Digg wird häufig deshalb kritisiert, weil die Themen, die dann "gediggt" werden, oft oberflächlich seien. Sind die populärsten Geschichten, die ganz nach oben auf der Homepage gelangen, auch wirklich immer die besten?

Kevin Rose: Während wir uns hier unterhalten, sind die drei Top-Storys bei Digg eine Anleitung zum Erreichen von Wachträumen, ein Update zum Thema Apple iPhone und ein Beitrag darüber, warum ein früheres Mitglied der Reagan-Regierung glaubt, dass US-Präsident Bush als Kriegsverbrecher angeklagt werden sollte. Bei uns gibt es immer eine Mixtur aus allen möglichen Nachrichten auf der Homepage. Gleichzeitig können Nutzer diese auch selbst konfigurieren: Wenn man sich nicht für Technologie interessiert oder keinen Promiklatsch sehen möchte, nimmt man diese Bereiche einfach herunter und muss sie nicht mehr anschauen.

TR: Manch Fan macht Digg zum Denkmal für die Weisheit der Massen. Ich frage mich trotzdem, ob Sie schon einmal Digg geöffnet haben, um sich dann dafür zu schämen, was aktuell ganz oben auf der Seite stand. Oder wie schlecht die Kommentare waren, die unter einer Geschichte standen.

Rose: Nicht wirklich. Es gibt bestimmte Bereiche der Site, die ich mir nicht ansehe. Ich bin beispielsweise kein besonders großer Sportfan – außer bei Football. Ich finde aber trotzdem noch jeden Tag Neuigkeiten, die ich interessant finde und die mir bei einem traditionellen Medium garantiert nicht geliefert worden wären – irgendein Informationshappen, der auf einem unbekannten Blog oder einer Website steht, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Wenn man auf CNN.com oder MSNBC.com geht, findet man die Nachrichten, die man gewohnt ist. Besucht man Digg, weiß man nie, was man zu sehen bekommt.

TR: Mich würde interessieren, wie Sie zur Macht der Digg-Community stehen. Glauben Sie, dass sich diese kontrollieren lässt? Gibt es Wege, sie in eine Richtung zu drängen?

Rose: Die Nutzergemeinschaft widersetzt sich ganz sicher solchen Richtungsvorgaben. Wir haben ja nur eine Plattform gebaut. Es hängt nun vollständig von den Nutzern ab, was sie auf der Homepage sehen wollen.

TR: Das heißt – selbst wenn Sie kontrollieren wollten, welche Geschichten nach ganz vorne kommen, würden die Nutzer das verhindern?

Rose: Hinter den Kulissen sieht man ja gar nicht, wenn eine Geschichte populär oder kontrovers ist und irgendwo die Server verrückt spielen. Es gibt Hunderttausende von Nutzern, die diese Geschichten diggen, kommentieren und bei uns posten. Wir wären gar nicht in der Lage, effizienten Code zu schreiben, der hierbei mithalten könnte.