Die Erinnerung zurĂĽckholen

Mit steigender Lebenserwartung dürften auch Demenz-Erkrankungen zunehmen. Noch sind sie unheilbar, doch mehrere Therapie-Ansätze könnten das ändern.

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Von
  • Veronika Szentpetery
Inhaltsverzeichnis

Dass mit ihm etwas nicht stimmte, merkte der Kinderarzt Walter Sommer (Name geändert) erstmals mit Mitte 60: Anfangs begann er die Namen seiner kleinen Patienten zu vergessen, dann entfielen ihm auch die Medikamente, die er ihnen verschreiben wollte. Vor drei Jahren dann kam die niederschmetternde Diagnose: vaskuläre Demenz, wahrscheinlich ausgelöst durch die Schlaganfälle, die er erlitten hatte. Offenbar wurden dabei diejenigen Gehirngebiete geschädigt, die für das Gedächtnis gebraucht werden. Die Hiobsbotschaft traf Sommer hart – zumal er als Arzt genau wusste, was auf ihn zukam.

In den drei Jahren seit der Diagnose haben sich die Symptome verschlimmert. Inzwischen kann Sommer sich zum Beispiel nicht einmal mehr an die Hochzeit seiner ältesten Tochter erinnern – obwohl er sich selbst auf den Fotos sieht und seine Familie ansonsten noch problemlos erkennt. In den letzten Monaten hat sich sein Zustand zwar stabilisiert. Doch er und seine Angehörigen bangen täglich, dass bald ein neuer Schub des Vergessens einsetzt.

Das Schicksal von Walter Sommer ist eines von vielen Millionen Demenzkranken weltweit – die meisten davon, aber längst nicht alle, leiden unter der Alzheimer-Krankheit (siehe Kasten auf Seite 55). Sind deren Symptome einmal da, ist es fast schon zu spät. Die Krankheit ist nicht heilbar, die derzeit erhältlichen Medikamente verhelfen Betroffenen bestenfalls zu einem Aufschub des Krankheitsverlaufs um 24 Monate, indem sie die Signalweiterleitung zwischen den Gehirnzellen verbessern. Je nachdem, wie die Krankheit verläuft, haben die Patienten nach der Diagnose in den meisten Fällen nur noch vier bis acht Jahre zu leben.

Zusätzliche Brisanz bekommt das Demenzproblem aufgrund der Tatsache, dass Alzheimer und verwandte Krankheiten eng mit dem Lebensalter verknüpft sind – mit der durchschnittlichen Lebenserwartung steigt also die Zahl der Betroffenen. Wissenschaftler vom Karolinska Institut in Stockholm bezifferten die Zahl der Demenzkranken weltweit für das Jahr 2005 auf 29,3 Millionen; bis 2040 könne sie sich auf 81,1 Millionen fast verdreifachen. In Labors rund um die Welt wird deshalb fieberhaft nach neuen Medikamenten und anderen Therapien geforscht. Die Wissenschaftler treibt ein ehrgeiziges Ziel an: Sie wollen nicht nur das Fortschreiten der Symptome für mehrere Jahre aufhalten, sondern dem Ausbruch sogar aktiv vorbeugen. Dabei gibt es einige Ansätze, die die Hoffnung wecken, dass dies eines Tages gelingen könnte.

Klumpen in jedem Gehirn

Lange Zeit galt der "Greisenblödsinn", wie Demenz bis ins 20. Jahrhundert hinein genannt wurde, als ganz normale Begleiterscheinung des Alters. Doch dann beschrieb Alois Alzheimer 1906 erstmals einen Fall, bei dem eine erst 51-jährige Frau an starken Demenzsymptomen litt. Bei der Obduktion stellte der Mediziner klumpenförmige Gebilde zwischen ihren Nervenzellen (Plaques) und eine Abnahme der Gehirnmasse fest. Später entdeckten Ärzte die gleichen Befunde in Gehirnen von alten Demenzpatienten; fortan sprachen sie von "Morbus Alzheimer".

Was aber die Ablagerungen in den Nervenzellen genau mit der Krankheit zu tun haben, ist immer noch offen: Bis vor Kurzem galt ihr schieres Vorhandensein als krankhaft – sie führten zu Entzündungen der Nervenzellen und dann zu deren Absterben, so die Hypothese. Professor Christian Haass von der Ludwig-Maximilians-Universität in München und andere Forscher aber glauben mittlerweile, die Plaques könnten eine natürliche Anhäufung in jedem Gehirn sein. "Im Alter wächst die Menge der Ablagerungen vielleicht zu stark an und verursacht das Absterben der Nervenzellen", sagt Haass. Das sei aber noch eher eine Vermutung als gesichertes Wissen.

So herrscht im Grunde noch keine Einigkeit darüber, was genau zum Entstehen der Krankheit führt und was Ursache und was Wirkung ist. Im vergangenen November lösten Berichte über ein Experiment von Professor Mathias Jucker am Universitätsklinikum Tübingen Befürchtungen aus, Alzheimer könne sogar ansteckend sein. Tatsächlich hatte Jucker bei Mäusen Alzheimer-Symptome hervorrufen können, indem er ihnen ein Extrakt aus dem Gehirn von gerade verstorbenen Alzheimer-Patienten ins Denkorgan spritzte.