Die Entdeckung der Normalos
Der Trend auf der diesjährigen Games Convention in Leipzig hieß „Casual Games“: Die Kluft zwischen Computerspiel-Abstinenten und Hardcore-Zockern soll endlich kleiner werden. Doch damit sind auch Risiken verbunden.
- Frank Magdans
Noch nicht einmal 20 Jahre ist es her, seit der Game Boy auf den Markt kam. Der wurde mit dem Spiel „Tetris“ ausgeliefert und verkürzte so manche Fahrt im Schulbus. Mit einem Videospiel von heute hat der Klötzchenbauwahn von damals allerdings wenig gemein. Tetris war eher etwas für Gelegenheitsspieler, ein „Casual Game“, wie es in der Spielebranche heißt. Damit unterscheidet die zwischen jenen, die nur ab und zu Games spielen, und jenen, die ständig zocken. Der Trend auf der diesjährigen Games Convention Leipzig war denn auch, wie die Spieleindustrie diese Kluft überbrücken und neue Kunden, Gelegenheitsspieler eben, hinzugewinnen könnte.
Streng genommen hat es Casual Games zwar schon immer gegeben. Schon bei den ersten Automatenspielen wie „Pong“ (1972) und „Breakout“ (1976) ging es darum, schnell das Konzept zu verstehen, um zwischendurch Spaß zu haben. Doch vor allem Nintendos Erfolg mit den Konsolen DS und Wii hat die Casual Games in letzter Zeit von neuem beflügelt.
Die Frage ist jedoch, ob sich der neue Spielspaß nicht schon bald verpufft, so wie es mit „Eye Toy“ für Sonys PlayStation2 geschah. Ist die Wii-Konsole am Ende nichts anderes als ein Mode-Phänomen? „Das ist durchaus möglich“, sagt Konami-Produzent Shingo Mukaitoge. Der Japaner, der auf der Leipziger Fachmesse sein neues Wii-Spiel „Dewy’s Adventure“ vorgestellt hat, meint, dass auf lange Sicht der Ansatz der Nintendo-Konsole langweilig werden. Am Ende könnte die PlayStation3 von Sony doch noch das Rennen machen.
Auch der amerikanische Entwickler Don L. Daglow, Chef der Stormfront Studios, befürchtet das. Daglow, der schon seit über dreißig Jahren mit Computerspielen zu tun und unter anderem lange Zeit bei Electronic Arts gearbeitet hat, glaubt allerdings nicht, dass schönere Grafiken das Zugpferd der Branche sein können. Viel mehr müsse es neue Ideen wie „Guitar Hero“ geben. Erst dann könne man auch von einem Titel der neuen Generation, einem „Next-Gen-Game“, reden. Darunter versteht Daglow neuartige Spielerfahrungen, die bei den Konsumenten „Ist-das-nicht-geil“-Reaktionen hervorrufen, an die sie sich ein Leben lang erinnern.
Mukaitoge und Daglow sind typisch für die Einschätzung der Branche, wohin sich das Geschäft entwickeln wird. Besonders deutlich bringt es Yves Grolet, bekannt durch seine Arbeit am Action-Adventure „Outcast“ (1999) und heutiger Chef der Elsewhere Studios, auf den Punkt: „Auf der einen Seite bedienen die Action-Spiele die Hardcore Gamer, auf der anderen Seite werden die Casual Gamer ein großer Markt für uns. Vorher war das eher eine Nische. Aber jetzt wird diese Nische zum wichtigsten Zweig der Industrie. Es ist keine Monolith-Industrie mehr.“
Das beweist auch Ubisoft mit seiner neuen Reihe „Spiele für mich“. Unter dem Label will die Firma sämtliche Altersklassen ansprechen, auch pubertierende Mädchen, frustrierte Hausfrauen und gelangweilte Rentner. Eine klassische Zielgruppenerweiterung.
Denn schließlich geht es in erster Linie darum, neue Kunden zu gewinnen. Im Laufe der Jahre sind Computer- und Videospiele massentauglich geworden. Darauf haben die Publisher bloß gewartet, und so werden in diesem Herbst vermutlich mehr TV-Werbespots für Spieletitel zu sehen sein als je zuvor. Allerdings tummeln sich etliche Trittbrettfahrer im Geschäft, die einem Aufschwung des Spiele-Genres schaden könnten. Denn nicht alle Spiele nutzen sämtlichen Steuerungsmöglichkeiten der Geräte von Nintendo. Und werfen zu viele Firmen zu viele Software-Titel auf den Markt, dann könnte es zu einem ähnlichen Crash wie 1982 kommen.
Nun muss man die Entwicklung der Szene aber nicht zwangsläufig in zwei Lager unterteilen. Zum einen sind Geschmäcker ja sehr verschieden, zum anderen hängt es auch vom privaten Umfeld ab, auf welche Games man aufmerksam wird. Tohru Murayama, Segas leitender Game-Designer der erfolgreichen „Virtua Fighter“-Serie, sagt mit Blick auf die derzeitige Situation: „Wir müssen uns in Zukunft mehr Gedanken darüber machen, wie wir ein Game anlegen.“
Murayamas Kollege, Programmierer Iizawa Hitoshi, fügt hinzu: „Bisher hat alle die Grafik interessiert. Das war in gewisser Weise einfach. Jetzt verlangen die Leute aber andere Dinge.“ Deshalb sieht Hitoshi die Industrie an einem neuen Wendepunkt. Denn das, was man als „Casual Games“ bezeichne, stelle letztlich nur einen kleinen Teil der Spieler zufrieden. (nbo)