Die unsichtbare Hörhilfe
Eine US-Firma bietet Geräte für Hörbehinderte an, die sich unter dem Ohr implantieren lassen. Lohnt sich das chirurgische Risiko gegenüber traditionellen Hörhilfen?
- Michael Chorost
Hörgeräte helfen Millionen von Menschen – doch viele Benutzer tragen sie aufgrund möglicher sozialer Stigmata eher ungern. Gleichzeitig schränkt die Technik auch ein: Man muss sie ablegen, wenn man duscht oder schwimmt und die meisten Modelle sorgen für Druckstellen, sollte man sie im Schlaf weiter tragen. Eine neuartige Hörgeräte-Variante soll dies nun ändern. Sie ist unsichtbar und wasserdicht, weil sich die gesamte Elektronik inklusive Batterie unter der Haut des Trägers befindet.
Die Entwicklung des amerikanischen Herstellers Otologics befindet sich aktuell in den USA in klinischen Tests. Das Hörgerät nimmt Geräusche mit einem Mikrofon auf, das hinter dem Ohr des Nutzers implantiert wird. Das Signal wird dann elektronisch verarbeitet und an einen kleinen, vibrierenden Schaft weitergeleitet, der an den Gehörknöchelchen im Mittelohr sitzt. Diese übertragen die Vibrationen an das Innenohr, das die Signale zu Nervenimpulsen kodiert und sie dann an das Gehirn sendet.
"Man kann so wieder ein normaleres Leben führen", meint Otologics-CEO Jose Bedoya. Dies gelte besonders für Bereiche, in denen man Hörhilfen sonst kaum verwenden könne. Er glaube außerdem, dass das Implantat eine Art psychologische Verbindung zu dem Gerät herstelle, die das Leben des Trägers bereichere: "Kunden sagen mir, dass es Teil ihrer Selbst wird – sie fühlen sich sicherer."
Betrieben wird das Gerät mit einer Batterie, die mit einem kleinen Funksender geladen werden kann, den der Nutzer dazu 60 bis 90 Minuten an seinem Kopf platzieren muss. Gehalten wird er über einen Magneten, der im Implantat sitzt. Eine Induktionsspule im Implantat wandelt die elektromagnetischen Wellen um und lädt die Batterie damit. Der Akku kann mindestens fünf Jahre im Körper verbleiben, bevor er ersetzt werden muss, glaubt man bei Otologics. Die implantierten Komponenten sind zusammen hermetisch versiegelt, so dass nichts austreten kann. Elektronik, Mikrofon und Spule werden zusammen mit der Batterie ausgetauscht. Der Schaft verbleibt jedoch am Mittelohr.
Die ersten Ergebnisse eines klinischen Phase I-Tests mit 20 Versuchspersonen, die unter mittlerem bis starkem Gehörverlust litten, zeigen ein positives Bild beim Implantat in einem Ohr (17 davon hatten zuvor konventionelle Hörgeräte getragen). Zwar fiel die Erkennungsrate bei Einzelfrequenztönen um 5 bis 12 Dezibel ab und auch die Trefferquote bei Worterkennungstests ging von 80 Prozent auf unter 70 Prozent herunter. Doch die Zufriedenheit war insgesamt sehr hoch. Neben der Hörverbesserung gaben die Versuchspersonen auch einen natürlicheren Klang mit dem Gerät an. Die Autoren der Studie spekulieren, dass neue Verarbeitungsalgorithmen die Testergebnisse verbessern könnten – bei Otologics arbeitet man bereits daran.
Eine Hauptvoraussetzung für eine funktionierende implantierbare Hörhilfe ist ein Mikrofon, das auch unter der Haut gut funktioniert. Bedoya weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich die Eigenschaften der menschlichen Haut während des Tages verändern können – etwa aufgrund von Dehydration. Otologics will künftig Technologien entwickeln, um auf diese Faktoren zu reagieren und das Hörgerät daran anzupassen. Auch die Anordnung des Mikrofons hinter dem Ort sei ein Punkt, der noch Feintuning benötige.
Externe Experten sehen jedoch bereits große Fortschritte im Bereich implantierbarer Mikrofone. Joseph Roberson, Gehörchirurg und Chef des California Ear Institute, nennt ein Beispiel: "Ich konnte mir ein Musiksignal in guter Qualität mit einem Mikrofon anhören, dass im Versuch unter einem 1,2 Zentimeter dicken, rohen Steak steckte." Das Ergebnis von Geräten wie dem von Otologics komme inzwischen fast an existierende externe Technologien heran.
Doch es gibt auch Kritiker, die nicht glauben, dass sich diese Qualität erreichen lässt. Zudem sei das chirurgische Risiko nicht abschätzbar. Die Kosten des Otologics-Gerätes liegen bei rund 19.000 Dollar ohne den Eingriff, während man in den USA für High-End-Hörgeräte höchstens 6000 Dollar zahlt. Gerald Loeb, Professor für Biomedizintechnik an der University of Southern California, findet daher, dass die Implantate zuerst eine bessere Qualität liefern müssten als externe Lösungen, bis sich Zusatzkosten und Risiko lohnten. Auch die "Unsichtbarkeit" sei kein derart großes Werbeargument: "Wie schlimm ist es denn, wenn man ein kleines Gerät an seinem Ohr trägt, wenn doch die ganze Welt mit Handy-Headsets und iPod-Kopfhörern herumläuft?"
Dennoch bescheinigt die Phase I-Studie dem Otologics-Gerät, eine valide Behandlungsalternative bei mittlerem bis schwerem Hörverlust zu sein. Die bei den Tests aufgelaufenen Probleme sollen nun behoben werden, um dann in einer Phase II-Studie mit 90 Versuchspersonen weiterzuarbeiten. Gehörchirurg Roberson glaubt, dass das Gerät anfangs vor allem für "Early Adopter" geeignet sei – Menschen, die die Nutzung eines Hörgerätes am liebsten verstecken würden oder mit Standard-Technologie nicht klar kämen. "Silicon-Valley-Manager könnten wohl die ersten Kandidaten sein", grinst er. (bsc)