Digitale Ordnungsmacht
Sie basiert auf einer Kreativitätstechnik und ist auf einer Leukämiestation in München entstanden. Jetzt soll Software von Mindjet die Büros dieser Welt erobern.
- Gordon Bolduan
PC und Monitor riechen nach Desinfektionsmittel.Sie stehen auf einem penibel geputzten Metalltisch im Krankenzimmer der Leukämiestation L21 des Münchner Universitätsklinikums Großhadern. Zwischen Tisch und Bettende sind gerade einmal 40 Zentimeter Platz. Dazwischen zwängt sich eine Gestalt in blauer, steriler Kleidung. Es ist der 11. Januar 1994. In wenigen Stunden wird Michael Jetter seine Stammzellen-Therapie beginnen. Er liegt nicht zum ersten Mal im Krankenhaus: Schon Ende 1989 spürte der damals 25-jährige Software-Ingenieur heftige Schmerzen. Die Diagnose lautete Chronische myeloische Leukämie (CML). Damals unterzog sich Jetter einer Chemotherapie und Knochenmarktransplantation. Jetzt haben sich seine Blutwerte erneut verschlechtert. Doch diesmal setzt er auf eine Stammzellen-Therapie und seinen mitgebrachten Rechner. Um sich abzulenken, beginnt er zu programmieren: eine MindMapping-Anwendung, die heute für Millionenumsätze sorgt. Mit Jetters MindManager lassen sich sogenannte BusinessMaps erzeugen. Sie erleichtern das Darstellen großer Informationsmengen durch eine Ordnungsstruktur, die auf der MindMapping-Methode basiert. Das zentrale Thema steht dabei in der Mitte des Dokuments, von ihm leiten sich untergeordnete Informationen als Hauptäste ab, die sich je nach Gliederungstiefe wiederum in weitere Unteräste verzweigen. Jeder Ast ist beschriftet.
MindManager adaptiert diese Methode für den Computer: Statt auf Papier zu skizzieren, können Anwender mit wenigen Tastendrücken verzweigte Maps anlegen, sie schnell modifizieren und zum Beispiel für Präsentationen aufbereiten. Die Software arbeitet mit einer großen Zahl von Büroprogrammen zusammen und erhebt den Anspruch, eine vollwertige Geschäftsanwendung zu sein. Mehr als drei Wochen lang sitzt Patient Jetter täglich fünf bis sechs Stunden am Rechner und entwickelt MindMan 1.0. Aus dem Krankenhaus entlassen, stellt er das Programm an Feierabenden und Wochenenden fertig. Mit seiner Ehefrau Bettina schreibt er sogenannte Reseller an, die sich auf den Vertrieb fremder Software spezialisiert haben. Das Ziel: bis Ende des Jahres zehn Lizenzen abzusetzen. Bis Dezember haben die Jetters MindMan stattdessen rund 400-mal verkauft, das Potenzial erkannt und die Firma „Michael Jetter Visualizing Ideas“ gegründet.
Tagsüber arbeitet Jetter weiter für ein Telekommunikationsunternehmen, doch sämtliche Freizeit investiert er in die nächste Version seines eigenen Produkts. 1996 bekommt Jetter die Chance, in den USA zu arbeiten. Mit seiner Frau zieht er nach San Francisco. Doch schon bald stellt sein Arbeitgeber den Betrieb ein. Auch weil deshalb ihr Visum ungültig wurde, gründen die Jetters im Jahr 1998 vor Ort das Unternehmen Mindjet. Sie erkennen immer mehr die Bedeutung der Reseller, da Unternehmen hauptsächlich dort Software einkaufen: „Uns war klar: Wenn die unser Produkt nicht führen, dann kommen wir nicht weiter“, erklärt Jetter. Um den Vertrieb zu stärken, entschließt sich das Ehepaar ... (kd)