Preisboxen der Landefähren
Bei der diesjährigen "Lunar Lander Challenge" wetteifern mehrere Teams in New Mexico um die beste Landetechnik mit Raketenantrieb. Möglicher Abnehmer: Weltraumtourismus-Firmen und die NASA.
- David Chandler
Ende Oktober ist es so weit: Dann werden zahlreiche Raketenantriebe den Himmel über dem US-Bundesstaat New Mexico erleuchten. Die vollständig privat finanzierte Hochtechnologie wetteifert im Rahmen der so genannten "Northrup Grumman Lunar Lander Challenge" miteinander. Die NASA erhofft sich von der Veranstaltung, dass die im Wettbewerb stehenden Lösungen den Ausgangspunkt für neue Weltraumtechnologien liefern. Idealerweise wären diese auch noch dazu geeignet, bei der im nächsten Jahrzehnt geplanten Rückkehr zum Mond als neue technische Plattform zu dienen.
Um bei der "Lander Challenge" zu gewinnen, gilt es allerdings erst einmal, die Grundlagen zu meistern. Die Weltraumfahrzeug-Prototypen müssen mit ihren Raketenmotoren mindestens 50 Meter in die Luft steigen, dort für eine festgelegte Zeit lang schweben und dann mit dem Heck nach unten wieder landen – auf einem zuvor festgelegten Platz. Dann muss die Sequenz in umgekehrter Reihenfolge gemeistert werden. Viel Zeit haben die Teams nicht: Insgesamt zweieinhalb Stunden. Es gibt zwei Hauptpreise: Den einen erhält man für 90 Sekunden freies Schweben, den anderen für volle 180 Sekunden. Dabei gilt: Keines der Teams darf sich durch öffentliche Einrichtungen helfen lassen.
Hauptfavorit für beide Preise ist in diesem Jahr auch das Team, das im letzten Jahr der einzige Herausforderer war: Armadillo Aerospace aus Dallas, gegründet vom bekannten Videospiele-Pionier John Carmack. Das Team hat eigentlich bereits alle notwendigen Voraussetzungen auf mehreren Testflügen absolviert, die in diesem Jahr stattfanden. Das Prototyp-Gefährt trug den Namen Pixel.
Es gibt aber dennoch keine Garantie für einen tatsächlichen Sieg. Das hat Armadillo bereits im vergangenen Monat am eigenen Leib spüren müssen. Der Zwillingsbruder von Pixel, genannt Texel, musste einen Testflug absolvieren, um eine neue Software zu prüfen. Dabei schlug die Motorabschaltung fehl, sodass das Fahrzeug bei der Landung plötzlich wieder nach oben schoss. Ergebnis war schließlich ein Feuerball – und die Flammen zerstörten Texel so sehr, dass das teure Gefährt nicht mehr reparierbar war. Dennoch will Armadillo nicht aufgeben und hat die Konstruktion seiner nächsten Fluggeräte vom Typ "Module 1" nur noch beschleunigt. Das Unternehmen will in allen Kategorien des Wettbewerbs antreten.
Sieben andere Teams werden ebenfalls um das Preisgeld kämpfen – immerhin geht es um zwei Millionen Dollar. Doch kein Konkurrent ist bislang so weit wie Armadillo. Einige Teilnehmer sehen den Preis als Zwischenschritt auf dem Weg zur Entwicklung praktikabler suborbitaler oder gar orbitaler Raketen, um die wachsende Nachfrage im Weltraumtourismus zu befriedigen. Andere agieren mit nur wenig Geld, machen vor allem aus Begeisterung bei dem Wettbewerb mit.
Für die NASA geht es ebenfalls eher ums Prinzip – keines der gezeigten Weltraumfahrzeuge könnte auf dem Mond eingesetzt werden. Doch die beim Wettbewerb entwickelten Ideen und Konzepte könnten in diese Richtung führen: "Hier hat man sich einen Technologiebereich geschnappt, in dem es vorher fast keine Aktivitäten gab. Nun passiert hier unheimlich viel", meint Will Pomerantz, Direktor bei der "X-Prize Foundation", die zu den Co-Sponsoren der "Lunar Challenge" zählt. Die Teams hätten bereits mehrere Millionen Dollar in die Entwicklung gesteckt, die NASA hingegen keinen einzigen Cent ausgeben müssen. Kommt dann die Zeit, Technik für den tatsächlichen Mondflug zu entwickelt, seien zahlreiche Leute verfügbar, die die notwendige Erfahrung besäßen, meint Pomerantz.
Landungen mit Hilfe der Antriebsenergie sind auf dem luftleeren Mond unabdingbar, denn hier funktionieren weder Fallschirme noch Flügel, um ein Raumfahrzeug abzubremsen. Doch auch für die Rückkehr zur Erde hat eine solche Technik ihre Vorteile. Den Wiedereintritt mit Raketenkraft abzubremsen statt mit schlichter Reibungsenergie, könnte etwa die Notwendigkeit dicker Hitzeschilde verringern – und beispielsweise die verletzlichen Thermofliesen des Space Shuttle zu einer Technologie der Vergangenheit machen.
Die "Lander Challenge" wird auf der Holliman Air Force Base in New Mexico ausgerichtet, die nahe am in dem Bundesstaat geplanten Raumflughafen liegt. Dort soll recht bald Richard Bransons Weltraumtourismusvorhaben "Virgin Galactic" seinen Ausgang nehmen. Baubeginn könnte 2008 sein, ein Jahr später soll es bereits erste suborbitale Flüge geben. Die dabei eingesetzten Weltraumgefährte werden allerdings wie ganz normale Flugzeuge Lande- und Startbahnen nutzen.
Die Gewinner der "Lunar Challenge" können gleich beim nächsten Preis mitmachen: Im September lobte die "X Prize-Foundation" (bekannt vor allem vom ersten suborbitalen Privatflug vor drei Jahren) einen neuen, 30 Millionen Dollar schweren Wettbewerb für eine unbemannte Mondmission aus – Sponsor ist Google. Das Geld soll an denjenigen Pionier gehen, der einen Rover auf den Mond schickt, ihn dort 500 Meter rollen lässt und die Bilder dann zur Erde zurückfunkt. Bis 2012 soll das Vorhaben geschafft sein – sechs Jahre vor dem geplanten Termin der NASA für die Rückkehr zum Mond. Immerhin dürfen sich die "Google Lunar X Prize"-Teilnehmer zehn Prozent ihrer Kosten von der Regierung stellen lassen. (bsc)