Die neue Zusammenarbeit

Kostenlose Webdienste dominierten die "DEMOfall"-Konferenz in San Diego in diesem Jahr - einige davon mit ungeahnten Risiken und Nebenwirkungen.

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Von
  • Steffan Heuer
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Kostenlose VoIP-Telefonate, bei denen Spracherkennungssoftware das Gespräch überwacht und dem Inhalt angepasste Anzeigen auf dem Bildschirm platziert. Web-basierte Konferenzschaltungen, die dank Open-Source-Software und externem Hosting einen Bruchteil herkömmlicher Angebote kosten. Schlüsselfertige Prognosemärkte für Erfinder, Gründer und Entwicklungsabteilungen großer Konzerne. Virtuelle Welten, die sich mit dreidimensionalen Objekten aus Möbelkatalogen oder privaten Bildern aus Fotosammlungen wie Flickr "einrichten" lassen. Hochauflösende Stadtansichten, in denen sich jedes Details vermessen, verknüpfen und mit Tags und Links markieren lässt.

Das sind nur einige der herausragenden Ideen und Produkte, die 69 Start-Ups auf der "DEMOfall"-Konferenz in San Diego vorstellten, die am Mittwoch zu Ende ging. Die inzwischen 17 Jahre alte Veranstaltung verzeichnet ungebrochenes Interesse bei Risikokapitalisten, Unternehmern und Fachpresse, obwohl im Silicon Valley und darĂĽber hinaus inzwischen ein Tagungsfieber ausgebrochen ist, das an die Zeiten der Dotcom-Blase erinnert.

So trieb das einflussreiche Blog TechCrunch erst vergangene Woche 140 NeugrĂĽndungen in San Francisco fĂĽr viel Geld und wenig organisatorischer Gegenleistung ĂĽber die BĂĽhne. "Sicher, es gab einige wenige Ăśberschneidungen, aber insgesamt hatten wir mit rund 700 Leuten rund zehn Prozent mehr Teilnehmer als im Vorjahr", sagt DEMO-Gastgeberin Chris Shipley.

Sie wagt zudem dieses Jahr den Sprung nach Europa und wird am 16. Oktober in München die erste "DEMO Germany" abhalten. Rund 27 Firmen aus Deutschland, Spanien, Kanada und Israel werden dann ihre Innovationen in den Bereichen Suche, Online-Gemeinschaften, Infrastruktur, Mobilanwendungen und Unterhaltung vorstellen, mehr als die Hälfte davon deutsche Start-ups. Der örtliche Veranstalter IDG rechnet mit 250 bis 300 Teilnehmern der komplett auf Englisch stattfindenden Tagung.

Für Shipley demonstrierten die in San Diego anwesenden Firmen den Trend zu mehr "People-Centric Computing" – also Anwendungen, bei denen die Nutzer im Mittelpunkt stehen, was das Sammeln, Pflegen, Verwalten, Weiterreichen und Konsumieren von Informationen und Multimedia-Dateien anbetrifft. "Die Nutzer haben die Kontrolle, da Autorität und Einfluss immer weiter im Netz gestreut sind", sagt Shipley.

So genannte Prognosemärkte, die bislang eher ein Schattendasein unter Akademikern und Informationswissenschaftlern führten, rücken langsam aber sicher ins Blickfeld. So startete die kalifornische Firma Spigit eine Plattform, mit der große Untenehmen schlüsselfertige Web-Börsen hinter ihrer Firewall aufschalten können, um Ideen im eigenen Haus einzusammeln, bewerten und diskutieren zu lassen. Dabei geht es nicht nur um die einfache Abstimmung über Vorschläge, sondern auch darum, dem Management das detaillierte Abwägen neuer Ideen und Strategien zu ermöglichen.

Solche virtuellen Börsen mit fiktiven Währungen sind zu handfesten Innovationswerkzeugen geworden. Spigits Prognosemarkt etwa wird ab Montag als interner Ideen-Marktplatz beim Softwareriesen SAP mit zunächst tausend Teilnehmern getestet, berichtete Spigits Gründer und CEO Paul Pluschkell. Fluid Innovation aus Austin hat die Idee der "offenen Innovation" mit einem Prognosemarkt gekoppelt, um so Erfindungen aus großen Unternehmen vor ihrem Schicksal als Ladenhüter zu bewahren. Namhafte Unternehmen wie Microsoft, Lockheed Martin und das Technologiekonglomerat SAIC sind bereits als zahlende Kunden an Bord, um Ideen zur öffentlichen Debatte zu stellen, bei denen es aber nicht um heikle Patent- oder Trademark-Fragen geht.

Die Webseite namens Virtual Ventures geht mit rund 80 Technologie-Ideen an den Start, über die Mitglieder als "virtuelle Risikokapitalisten" entscheiden können. Dabei nehmen sie den großen Unternehmen als unentgeltliche Marktforscher und Kritiker die "Due Diligence"-Phase sowie das Auffinden und sogar Kontaktieren möglicher Lizenznehmer ab. Ob sie bei diesem Spiel mit echtem geistigen Eigentum richtig liegen, lässt sich am Portfolio ablesen, das mit zwei Millionen Dollar "Spielgeld" ausgestattet ist.