Strahlende Zukunft?
Der US-Konzern NRG Energy hat erstmals seit 1978 den Bau eines neuen Nuklearreaktors in Nordamerika beantragt. Doch das war erst der Anfang: Bis zu 19 weitere Anlagen sind in geplant.
- Peter Fairley
NRG Energy, ein Kraftwerksbetreiber aus Princeton im US-Bundesstaat New Jersey, hat Ende September die erste Lizenz für den Bau eines neuen Atomreaktors in dem Land seit fast 20 Jahren beantragt. Der Vorgang könnte den Einstieg in eine neue Welle des Kernkraftwerksbaus in den USA einleiten: Die zuständige Regulierungsbehörde in Washington, die Nuclear Regulatory Commission (NRC), erwartet allein in diesem Jahr vier weitere Anträge auf Lizenzerteilung – und 15 weitere im Jahr 2008.
Fachleute in der US-Atombranche glauben, dass die Aktion von NRG Energy und die weiteren in der Pipeline befindlichen Anträge eine Renaissance der Nukleartechnik in Nordamerika einleiten könnten. Einer der Hauptgründe dafür ist der so genannte "Energy Policy Act", den die Bush-Regierung 2005 verabschiedete. Laut NRG Energy garantiert das Gesetz Kredite und Steuervergünstigungen, die bis zu 80 Prozent der Kosten des neuen Reaktors decken würden – immerhin zwischen 5,4 und 6,8 Milliarden Dollar. "Der Zweck dieses Gesetzes war es, die Revitalisierung der nuklearen Infrastruktur einzuleiten – und das tut es nun auch", meint NRG Firmensprecher Dave Knox.
NRG Energys Antrag beinhaltet den Bau zweier neuer Reaktoren, die neben zwei bereits existierenden im so genannten "South Texas Project" eingebaut werden sollen. Die im texanischen Bay City befindliche Anlage soll insgesamt 2700 Megawatt an Mehrkapazität erhalten und zwei Millionen Haushalte versorgen. Baubeginn könnte 2010 sein, mit der Stromproduktion würde die Anlage dann 2015 beginnen, hofft man bei NRG Energy. Voraussetzung ist allerdings, dass es keine signifikanten regulatorischen Probleme oder Bauverzögerungen gibt.
Genau diese Ängste sind es auch, die dazu führen, dass der Energiekonzern nur auf verbesserte Versionen altbekannter Reaktor-Designs setzt, statt auf gänzlich neue Technologien. Es handelt sich um eine Technik, die die NRC bereits vor 10 Jahren zertifiziert hat – einen aktualisierten Siedewasserreaktor vom US-Technologiekonzern GE. Vier dieser Kraftwerkstypen sind bereits in Japan am Netz, zwei weitere werden derzeit in Taiwan gebaut. "Am wichtigsten war uns, dass wir einen vollständigen Genehmigungsantrag vorlegen konnten, der alle Fragen beantwortet", sagt NRG Energy-Mann Knox. Man könne den Wert solcher bewiesenen Reaktorkonzepte kaum überbetonen.
Die Mehrheit der 16 anderen Energiekonzerne, die vor der Beantragung neuer Reaktoren stehen, setzen ebenfalls auf solch konservative Ansätze. Sechs wollen Druckwasserreaktoren von Westinghouse verwenden, die 2006 von der NRC zertifiziert wurden. Weitere sechs planen die Nutzung des europäischen Druckwasserreaktors EPR des französischen Atomgiganten Areva. Er ist zwar noch nicht von der NRC zertifiziert, wird aber in Frankreich und Finnland bereits aufgebaut. Ein Joint-Venture zwischen dem französischen Stromriesen EDF und dem US-Anbieter Constellation Energy soll den ersten EPR nun nach Amerika holen.
Die Politik des geringen Innovationsrisikos sei gut zu begründen, meint Ray Ganthner, verantwortlich für das Neugeschäft beim Kraftwerksbauer Areva Nuclear Power in Lynchburg, einer Tochter von Areva. Ein Negativbeispiel sei GE, wo man weiterhin Verzögerungen bei der Design-Zertifizierung für seinen wirtschaftlich vereinfachten Siedewasserreaktor hinnehmen müsse. Darin soll eine passive Wasserkühlung Reaktorkern schützen, was eigentlich sehr sinnvoll ist. Doch bewiesen hat sich die Technik im Gegensatz zu herkömmlichen Pumpkühlungen aber noch nicht. So forderte die NRC immer wieder technische Materialien nach, verlangte nahezu 3000 zusätzliche Datensätze seit der Antragstellung im Jahr 2005. Die Zertifizierung, einst für 2007 vorgesehen, wird nun 2010 erwartet.
Aber selbst konventionelle Projekte müssen mit Verzögerungen rechnen. Der Grund: Die NRC scheint angesichts der vielen neuen Anträge überfordert. Eine Studie des Rechnungsausschusses des US-Kongresses lobte zwar das Schaffen zahlreicher neuer Stellen im NRC-Büro für neue Reaktoren (von 3100 auf 3500 in drei Jahren, ab 2010 sollen es gar 4000 Mitarbeiter sein). Doch ein "Notfallplan" fehle, wenn es trotz neuer Mitarbeiter zu Engpässen komme.
Sollte das passieren, kämen wohl nur noch die ersten Projekte in der Pipeline durch. Anbieter wie Mitsubishi Heavy Industries aus Japan, wo man im August eine NRC-Zertifizierung für seinen neuesten Druckwasserreaktor ankündigte und den Antrag im Frühjahr 2008 stellen will, bleiben dann auf der Strecken. Die NRC brauche mehr Zeit, um solche Großprojekte wie neue Reaktor-Designs anzugehen, meint Ganthner: "Zur Budgetierung kamen Mitsubishi ungefähr ein Jahr zu spät zur NRC."
Umweltverbände und Bürgerrechtsgruppen fürchten bereits, dass die Überforderung der NRC zu Abstrichen bei der Sicherheit führt und Kontrollen kaum mehr möglich seien: "Neue Reaktorlizenzen werden fast nur nach Terminplan und nicht nach Qualität bearbeitet", meint David Lochbaum, Atomsicherheitsexperte bei der "Union of Concerned Scientists" in Washington. Er glaube, dass die NRC schon jetzt zu wenig Ressourcen habe: "Das reicht nicht, um zu viele Aufgaben zu übernehmen. Das reicht vielleicht für Hälfte, aber niemals für alles." (bsc)