Wahre Innovation
Und während sonst die große Mehrheit aller Biotech-Gründungen schnell wieder aufgeben muss, sind Westphals Gründungen alle noch auf dem Markt. Die Ideen für seine Geschäfte findet der Serien-Gründer in wissenschaftlichen Fachzeitschriften.
- Sascha Karberg
Rotweiße Mütze, roter Filzmantel, langer weißer Watte-bart - jedes Jahr seit der Gründung 2004 kommt Santa Claus in die enge Lobby der Bostoner Biotech-Firma Sirtris und beschenkt die Familien der dort Beschäftigten. Hinter dem Kostüm verbirgt sich mit Christoph Westphal niemand anderes als der Gründer und Chef höchstselbst - und der spielt regelmäßig sogar für die ganze Region so etwas wie den Weihnachtsmann: Der Deutsch-Amerikaner mit doppeltem Harvard-Abschluss hat innerhalb von vier Jahren fünf Biotech-Firmen und eine Reihe weiterer Hightech-Unternehmen (siehe Seiten 32/33) aus dem Sack gezaubert.
Ungewöhnlich daran ist nicht nur die schiere Menge: Spätestens seit dem Platzen der Technologie-Blase zu Beginn dieses Jahrtausends sind Investoren bei Biotech-Firmen ohne marktnahe Produkte höchst zurückhaltend -Westphals Gründungen aber basieren zumeist auf frisch der Grundlagenforschung entsprungenen Ideen, deren Umsetzung in Produkte in weiter Ferne liegt. Und während sonst die große Mehrheit aller Biotech-Gründungen aufgeben muss, sind Westphals Firmen sämtlich noch am Markt. Drei davon - Alnylam, Momenta und zuletzt Sirtris - sind schon an der Börse und haben dort einen Wert von zusammen gut zwei Milliarden Dollar erreicht.
"Christoph hat eine Spürnase für zukunftsträchtige Technologien", sagt Peter Gruss, Präsident der deutschen Max-Planck-Gesellschaft, der Westphal seit seiner Kindheit kennt. Als "Wirbelwind", der nach getaner Arbeit das Gegenteil von Unordnung hinterlasse, beschreibt ihn Thomas Tuschl, deutschstämmiger Biochemiker an der New Yorker Rockefeller University. Doch wie genau schafft es Westphal, dass seine frühen Gründungen aufblühen, während das Gros der vermeintlich sichereren Versuche im Biotech-Massengrab landet?
Einer der Gründe dürfte Unermüdlichkeit sein. Gegen acht Uhr morgens läuft der 39-Jährige regelmäßig die zwei Kilometer vom Bostoner Stadtteil Brookline über die Boston University Bridge zur Arbeit nach Cambridge. Seinen Tag hat er allerdings schon drei Stunden vorher begonnen - nicht nur wegen der drei Kinder im Alter von 7, 5 und 1 Jahren. Als das Sirtris-Management in Vorbereitung des Börsengangs wochenlang durch Dutzende Städte der USA und Europa tingelte, war Westphal stur jeden Morgen um halb sechs auf den Beinen, um ein paar Kilometer zu joggen – während die Kollegen noch erschöpft in den Betten dösten, erzählt Michelle Dipp, Direktorin für Strategische Entwicklung bei Sirtris.
Den teuren Ausblick auf Bostons Charles River, den Westphal jeden Morgen überquert, bieten die engen Labors und Büros von Sirtris nicht. Der Chef sitzt in einem kramigen Vier-Quadratmeter-Büro - zusammen mit dem Mitgründer David Sinclair, der allerdings meist seinem Hauptberuf als Alterungsforscher an der Harvard University nachgeht. In repräsentativen marmornen Lobbys und riesigen Büros arbeitete Westphal in seinen Jahren bei der Bostoner Risikokapital-Firma Polaris, doch solche Dinge sind ihm nach eigenem Bekunden "total unwichtig". Westphal geht es um die Verwirklichung guter Ideen. Nicht die Durchschnitts- und Optimierungswissenschaft ist es, die ihn interessiert: Sein Markenzeichen sei "true innovation", sagt Mitstreiterin Dipp... (kd)