Alles auf einer Karte
Der Webdienst "YourStreet" weist Neuigkeiten die passenden Orte zu und bildet so ein neuartiges soziales Netzwerk.
- Erica Naone
Ein neues Internet-Start-up namens YourStreet will seinen Usern so genannte "hyperlokale Informationen" näherbringen, in dem es Nachrichten sammelt und dann auf einer kartenbasierten Schnittstelle platziert, die bis auf die nächste Straßenecke genau ist. Obwohl die Verknüpfung von Informationen und Kartendaten nicht unbedingt neu ist, gehört YourStreet zu den ersten Firmen, die Neuigkeiten an Hand des Ortes klassifiziert.
Öffnet ein Nutzer die Seite, wird dessen Standort automatisch ermittelt – sollte dies nicht möglich sein, kann man seine Daten auch von Hand eingeben. Dann wird eine Karte der Region gezeigt, auf der kleine Fähnchen die Orte anzeigen, an denen etwas passiert ist. Nutzergenerierte Inhalte ("Conversations") und Standorte von Usern, die angemeldet sind, werden ebenfalls gezeigt. Der User kann dann auf der Karte nach Belieben zoomen oder aber eine andere interessante Adresse begutachten, in dem er deren Daten eingibt.
YourStreet-Gründer und CEO James Nicholson ist besonders stolz auf die Nachrichtenmenge, die das Unternehmen verarbeitet – Tag für Tag werden 30.000 bis 40.000 Artikel aus mehr als 10.000 RSS-Nachrichtenströmen gesammelt, die meisten davon aus Lokalzeitungen und Blogs. "Wir verlassen uns nicht auf die Nutzer, damit sie uns mit Artikeln versorgen", sagt er. Die Nachrichten sind thematisch sehr unterschiedlich – so kann man durchaus den Tatort eines Mordes neben der Location einer Musikshow angezeigt bekommen. Die dargestellten Geschichten haben die Form von Anreißern – wenn man sie weiterlesen will und anklickt, wird man direkt zur ursprünglichen Quelle geleitet.
Nicholson hofft, dass die große Nachrichtenbasis als Fundament dienen kann, auf dem sich dann eine Community aufbaut. Dazu werden unter anderem typische "Social Networking"-Funktionen bereitgestellt – eigene Logins, die Möglichkeit, "Nachbarn" virtuell zu treffen, Gespräche zu beginnen und Kommentare zu den dargestellten Geschichten zu hinterlassen. "Das grundlegende Ziel von YourStreet ist es, die Nutzer mit den Nachrichten in Verbindung zu setzen, die für sie am wichtigsten sind", sagt Nicholson.
Die wichtigste technische Errungenschaft dabei sind Algorithmen, die Geo-Informationen aus Nachrichten extrahieren können. Die Software der Firma kann mit natürlicher Sprache umgehen – entsprechende Routinen wurden von YourStreet selbst entwickelt und von dem Partner MetaCarta zugeliefert. Die Rechner durchsuchen den Text von ganz normalen Nachrichten nach Hinweisen auf die damit in Verbindung stehenden Orte. Dabei konzentriert sich die Software insbesondere auf Einrichtungen innerhalb von Städten – etwa Krankenhäuser, Schulen und Sportanlagen. Eine Datenbank entsprechender Gebäude, die von der "U.S. Geological Survey" stammt, dient zum Abgleich. Derzeit arbeitet YourStreet an einer Methode, auch Abkürzungen und Spitznamen besser zu erkennen – so soll das System beispielsweise "GG Bridge" als "Golden Gate Bridge" interpretieren.
Andere Firmen arbeiten an ähnlichen Projekten, verfolgen aber andere Ansätze bei der Umsetzung. Outside.in will ebenfalls das "hyperlokale" Nachrichtengeschehen abbilden, setzt aber wesentlich stärker auf die Mitarbeit der Nutzer. Teilnehmende Blogger und andere User können die Neuigkeiten mit Markierungen (Tags) versehen, um sie an den korrekten Ort zu setzen. Zusätzlich beschäftigt die Firma ein kleines Team von Teilzeitmitarbeitern, das fehlende Orte von Hand einsetzt. (Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das deutsche Nachrichtenportal DerWesten des "WAZ"-Verlages, wenn auch in kleinerem Rahmen – dort setzen Redakteure und Blogger Markierungen.)
Die Schnittstelle von Outside.in orientiert sich dabei stärker an den News-Inhalten als an der Karte. Genau das sei auch so gewollt, sagt John Geraci, einer der Firmengründer: "Dem Nutzer gleich am Anfang die Karte vor die Nase zu setzen, ist ein Fehler, den viele kartenbasierte Sites machen." Interessant werde die Karte erst dann, wenn passende Informationen bereitstünden. Outside.in ist sehr stark an der Nutzerteilnahme ausgerichtet, Suchalgorithmen spielen eine geringere Rolle. Genau die funktionieren laut Geraci nämlich derzeit noch nicht genau genug – und ein Dienst wie seiner sei nur dann interessant, wenn die Orte stimmten. Es gäbe nur wenig Toleranz bei den Nutzern für Fehler bei solchen Positionsdaten: "Wir glauben, dass man Leute braucht, die diese Einsicht besitzen."
Schaut man sich beispielsweise eine Nachbarschaft wie das Union Square-Gebiet in Boston an, sieht man schnell die Herausforderungen, die YourStreet und Outside.in meistern müssen. YourStreet filtert hier zwar die berühmten Union Squares in New York und San Francisco heraus, doch der Union Square in Somerville, einer Stadt, die in der Nähe von Boston liegt, kam auch vor. Outside.in zeigte zwar nur Geschichten an, die auch tatsächlich zum Ort passten, doch die Auswahl war keinesfalls so frisch und groß wie bei YourStreet.
Dan Gillmor, Direktor des "Center for Citizen Media", glaubt, dass die Firmen noch herausfinden müssten, wie sie das Thema hyperlokale Nachrichten am besten angingen. "Der Ansatz von YourStreet, Aggregation von Nachrichten mit dem Erstellen von Nutzerinhalten zu kombinieren, scheint mir viel versprechend." Allerdings habe das Angebot zahlreiche Konkurrenten im Bereich der Geoinformationen – von Riesen wie Google Earth über den Do-it-yourself-Atlas Platial bis hin zum Nachrichtendienst Topix.
Laut Gründer Nicholson wird YourStreet demnächst einige neue Funktionen ergänzen. In gut einem Monat will man mit einem Algorithmus starten, der Statistiken sammelt, welche Geschichten am interessantesten für die Nutzer sind. Die werden dann ganz oben dargestellt. Daneben arbeitet die Firma an einem Widget, mit dem Blogger Informationen aus YourStreet auf ihre Seite stellen können. Außerdem träumt Nicholson von Werkzeugen, mit denen Entwickler ihre Software mit YourStreet kombinieren können und von einen System, das die Nutzer die Nachrichten nach Thema sortieren lässt. Auch die Finanzierung steht schon: Gezielte lokale Werbung soll das Geld bringen. (bsc)