Zeit zum Aufbruch

Wissenschaftler jubeln, Aktienkurse klettern aus ihren Tälern - Biotechnologie beflügelt wieder die Fantasie.

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Von
  • Hanno Charisius
  • Tobias HĂĽrter

Es gibt nicht viele Werbeplakate, auf denen das Wort "Anti-Angiogenese" steht. Aber es gibt sie. Die sperrige Vokabel prangte Mitte Mai von den Bushaltestellen Chicagos, platziert vom Biotechnologie-Unternehmen Genentech. Das Plakat war der Auftakt einer cleveren Kampagne: Am 19. Mai kĂĽndigte Genentech positive Studienergebnisse zu seinem Krebsmedikament Avastin an - und traf genau den Geschmack der Geldgeber: Genentechs Aktie schoss an jenem Montag um 38 Prozent nach oben. Mit einer schlichten Pressemitteilung hatte der kalifornische Konzern innerhalb von Stunden 7,9 Milliarden Dollar an Wert gewonnen.

Ja, wirklich, diese Geschichte spielt im Jahr 2003. Vor drei Jahren wäre sie im Getöse der Börsenmeldungen untergegangen. Damals genügten Firmen die Silben "Bio" oder "Gen" im Namen, um Kapital anzulocken, und junge Gründer schmiedeten ihre Geschäftspläne beim Mensa-Essen. Doch der Börsenknall von 2000 sprengte die Party; seitdem herrschte Kehraus-Stimmung unter den "roten" (pharmazeutischen) Biotechs. Wer verdienen wollte, musste plötzlich liefern, statt nur zu erzählen. Willkommen in der Wirklichkeit.

Und nun verzaubert die Geschichte von der Wunderarznei Avastin wieder das zahlungskräftige Publikum - bevor das Mittel überhaupt zugelassen ist. Sie klingt schön, aber allzu bekannt.

Ausgerechnet Avastin. Noch vor einem Jahr galt die Arznei als gescheitert, weil sie in Tests keinerlei Wirkung gegen Brustkrebs gezeigt hatte. Das Comeback des Krebsmittels inszenierte Genentech auf der Jahrestagung der amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie (Asco) Anfang Juni in Chicago: Avastin verlängert die Lebenszeit von Darmkrebspatienten um mehrere Monate, berichtete Studienleiter Herbert Hurvitz vom Duke Comprehensive Cancer Center in Durham (North Carolina). Seine Kollegen applaudierten zum ersten handfesten Nachweis für die Wirksamkeit von Avastin.

Die Asco-Konferenz geriet zum Auferstehungsfest der Zombies unter den Krebsmitteln. So wähnte man auch Erbitux vom US-Unternehmen Imclone und Iressa aus dem britischen Hause Astra Zeneca bereits beerdigt auf dem Friedhof der Pharmazie. Im Frühsommer von Chicago erwachten sie dank positiver klinischer Studien zu neuem Leben.

Unzähligen Todkranken gibt dies Grund zu gemessener Hoffnung. Avastin, Erbitux und Iressa können ihnen Monate ihres Lebens schenken. Neue Hoffnung auch bei den Forschern: Mit Avastin hat erstmals ein so genannter Angiogenese-Hemmer seine Wirkung gezeigt. Eine schon aufgegebene Waffengattung gegen Krebs scheint reaktiviert.

Die gute Laune in Chicago steckte sogar die deutschen Gäste an: "Die Atmosphäre auf den Asco-Konferenzen war seit Jahren regelmäßig miserabel", erinnert sich Bernd Seizinger, Vorstandsvorsitzender der GPC Biotech in Martinsried. "Diesmal endlich kam das Signal zum Aufbruch."

An den Börsen hatte man schon Monate früher die ersten Vorzeichen der Asco-Konferenz gehört. Der US-Biotech- Index stieg in einem halben Jahr um mehr als vierzig Prozent. Schon trauen Analysten den Biotech-Stocks zu, ein jahrelang stabiles Hoch an den Weltbörsen zu etablieren. Ein Trio von Krebsmittelveteranen als Retter der Kapitalmärkte? Auf die dazu nötige Beliebigkeit der Anleger ist offenbar Verlass: Auch deutsche Biotech-Papiere vervielfachten ihren Wert - ohne besonderes Zutun seitens der Unternehmen. Und die Forscher tun ihr Bestes, um den Boom zu schüren. In fünf Jahren werde ein einziges Mittel der neuen Generation gegen alle wichtigen Krebsarten genügen, visionierte der australische Onkologe Richard Kefford in altbewährter Manier. Solche Verheißungen zogen in den goldenen Neunzigern und sie zogen auch diesmal.

Doch in das Schauspiel von Chicago mischen sich üble Erinnerungen, etwa an den Fall des US-Unternehmens Entremed. Vor gut fünf Jahren erschien in der New York Times ein Artikel, der die Angiogenese-Hemmung als größten Durchbruch seit Jahrzehnten in der Krebsforschung bejubelte: Der Harvard-Mediziner Judah Folkman hatte erkannt, dass Tumoren neue Blutgefäße aus dem Adernetz des Körpers zu sich abzweigen müssen, um ihren Nährstoffbedarf zu stillen. Folkman schlug vor, das Wachstum dieser Blutgefäße gezielt zu hemmen und so das Krebsgeschwür zu ersticken. Zur Vermarktung seiner Idee gründete er Entremed. "In zwei Jahren wird Judah Krebs heilen", zitierte die New York Times den Nobelpreisträger James Watson. Der Börsenkurs von Entremed stieg am ersten Handelstag nach Erscheinen des Artikels um mehr als 400 Prozent. Später versagten die Entremed-Entwicklungen in klinischen Studien. Die Aktie sackte ab und flog dieses Jahr aus dem Biotech-Index der Nasdaq. Heute verbrennt man bei Entremed Geld, statt Krebs zu heilen. Einem Verlust von 39 Millionen Dollar in 2002 standen Umsätze von gerade mal 1,2 Millionen Dollar gegenüber.

Wie Entremed ging es tausenden von Firmen weltweit. Sie hatten mehr versprochen, als sie erfĂĽllen konnten. Ungeduldige Anleger entzogen ihnen den Lebenssaft: das Kapital.

Den Tiefpunkt der Biotech-Depression markierte letztes Jahr Erbitux, der Antikörper aus Imclones Molekülschmiede. Eben noch hatte Imclone alle Vorteile bei sich gesehen: ein fertiges Präparat (Erbitux) für einen gierigen Markt (Krebs), dazu ein starker Partner (Bristol-Myers Squibb), dem die Hälfte der Vertriebsrechte in den USA nebst einer Minderheitsbeteiligung an Imclone zwei Milliarden Dollar wert war. Dann lief schief, was schief laufen konnte: Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA schickte den schlampigen Zulassungsantrag für Erbitux ungelesen an Imclone zurück. Firmenchef Sam Waksal erfuhr die schlechte Nachricht vorzeitig, verkaufte fix so viele Anteile wie möglich - und wurde im Juni zu sieben Jahren Gefängnis und 4,3 Millionen Dollar Strafe wegen Insiderhandels verurteilt. Die Aktie von Imclone, einem der bestbewerteten Unternehmen der Branche, brach ein und stürzte damit den gesamten US-Biopharma-Sektor in den Abschwung.

In Chicago wurde alles wieder gut. Forscher des Darmstädter Pharmakonzerns (und außeramerikanischen Lizenznehmers für Erbitux) Merck präsentierten eine viel versprechende Studie zum tot geglaubten Präparat. Prompt regte sich auch die Imclone-Aktie wieder. Und bei Merck freut man sich auf die baldige Zulassung von Erbitux.

Doch die Erfolgsgeschichte von Erbitux ist noch keineswegs geschrieben. Denn die in Chicago präsentierten Zahlen geben zwar einen hoffnungsvollen Hinweis darauf, dass Erbitux wirkt, aber "das könnte Zufall gewesen sein", wie der Münchner Onkologe Bernd Gänsbacher einschränkt. Die Ergebnisse seien - anders als bei Avastin - nicht statistisch signifikant. Und auch wenn sie nicht trügen: "Sie reichen nicht, um die Zulassungsbehörden zu überzeugen", sagt Gänsbacher.

Der dritte Wiedergänger von Chicago war letztes Jahr schon weiter: Die klinischen Tests mit Iressa aus dem britischen Hause Astra Zeneca an Lungenkrebs-Patienten liefen gut – so gut, dass Astra Zeneca übermütig wurde und mit Iressa ausgerechnet auf dem japanischen Markt startete, der berüchtigt ist für Überregulation und abgeschottete Vertriebsstrukturen. Für ein paar Wochen schien es, als habe Astra Zeneca hoch gepokert und gewonnen. Dann berichteten japanische Medien über Todesfälle durch Iressa. Astra Zeneca hatte übersehen oder verschwiegen, dass manche Nebenwirkungen des Mittels bei Japanern stärker sind als bei anderen Volksgruppen. Plötzlich galt Iressa als Killer. Am ersten Weihnachtsfeiertag 2002 warnte das japanische Gesundheitsministerium in einem Rundschreiben an alle Ärzte vor Iressa. Die schlechte Kunde wurde auch jenseits des Pazifiks vernommen: Die US-Behörden unterbrachen das Zulassungsverfahren für drei Monate, um die Giftigkeit von Iressa überprüfen zu lassen, und genehmigten das Medikament schließlich nur für Patienten, bei denen andere Therapien versagt hatten.

Auf der Asco-Tagung bestätigte Iressa den Vertrauensvorschuss: Das Mittel lässt drei Viertel der Lungentumoren um die Hälfte schrumpfen, wenn es zusammen mit einem Chemotherapeutikum gegeben wird.

Die neuen alten Wirkstoff-Stars haben noch reichlich Gelegenheit zu floppen. Bisher haben sie Hoffnung geweckt, aber bei der Heilung müssen sie sich erst bewähren. Wohlweislich zügelt die Analystin Birgit Kuhlhoff von Sal. Oppenheim in Zürich die Börsenbullen, die etwa Avastin Jahresumsätze von mehreren Milliarden Dollar vorhersagen: "Ich wäre vorsichtig mit solchen Schätzungen", sagt Kuhlhoff. "Sie beruhen auf der Annahme, dass Avastin auch gegen andere Krebsarten wirkt, und dass es ohne Konkurrenz bleibt." Dass das Antikörperpräparat auch Tumoren in Lunge oder Magen aushungert, ist bisher bloße Spekulation - ebenso seine Zulassung. Zwar hat die FDA, neuerdings betont großzügig, eine Vorzugsbehandlung von Avastin zugesagt, und Genentech rechnet mit der Zulassung schon Ende März 2004. Indes mahnt der Fall Iressa, solche Rechnungen nicht zu früh machen.

Und selbst wenn Avastin den Markt schnell erreicht, wird es ihn nicht lang für sich allein haben: "Andere Entwicklungen werden den Antikörper-Ansatz überholen", sagt der deutsche Biotech-Pionier Axel Ullrich. "Niedermolekulare Angiogenese- Hemmer, die man schlucken statt spritzen kann, werden erfolgreicher sein. Avastin wird kein Blockbuster."

Bei allen Unwägbarkeiten macht Genentech vor, wie man mit Biotechnologie in der Krebsmedizin Geld verdient. Mit dem neuen Aufschwung verbesserte sich nicht nur der Aktienkurs des ältesten und weltweit zweitgrößten Biotech- Unternehmens (Standort im Süden San Franciscos), sondern auch die harten Geschäftszahlen. Dank der Krebsmedikamente Rituxan und Herceptin erzielte Genentech im zweiten Quartal 2003 einen Gewinn von 132,3 Millionen Dollar. Doch die Schar der profitablen Biotechs ist klein. Die weitaus meisten der weltweit 4300 Firmen schreiben rote Zahlen.

Letztlich bleiben die großen Gewinne aus Biotech-Pharmaka bei den alten Pharma-Riesen hängen. Die Schweizer Roche AG etwa hält knapp 60 Prozent an Genentech und lässt sich ihre Pipeline aus Kalifornien füllen. Im ersten Halbjahr 2003 wuchs Roche schneller als der Weltmarkt, vor allem dank guter Geschäfte mit Krebsmedikamenten der neuen Generation. Der Umsatz des anderen großen eidgenössischen Pharmakonzerns Novartis kletterte gar um 20 Prozent - während Glivec zum zweitgrößten Produkt im Novartis-Sortiment aufstieg.

Die deutschen Biotech-Firmen liegen weitab der Weltspitze. Das größte Biopharma-Unternehmen, GPC Biotech, schafft nicht einmal ein Prozent des Umsatzes von Genentech. Gerade mal vier Biotech-Wirkstoffe sind in der abschließenden Phase der klinischen Entwicklung - zwei davon sind gegen Krebs gerichtet. In den USA sind die Zahlen mehr als zwanzig Mal so hoch.

Die deutsche Biotechnologie hat vor allem ein Problem: Sie ist zu spät dran. Erst Mitte der 90er Jahre formierte sich so etwas wie eine Branche. Deutschland hatte den Wandel von der chemie- zur biologiegetriebenen Pharmazie verschlafen. Zur Blütezeit der klassischen pharmazeutischen Industrie in den 80er Jahren galt die Bundesrepublik als Apotheke der Welt – dank der Chemie-Multis Bayer und Hoechst. Bis weit in die 90er Jahre gab es kaum Risikokapital für neue Geschäftsmodelle aus den Lebenswissenschaften, nur wenigen Forschern stand der Sinn nach Unternehmertum. Medien und Politik waren Biotech-skeptisch. Dann griff die Angst um sich, den Trend zu verpassen. Der damalige Forschungsminister Jürgen Rüttgers rief 1996 hastig den BioRegio-Wettbewerb ins Leben, der Gründer und junge Firmen großzügig unterstützte. Für jede eingeworbene Mark schoss der Staat bis zu acht Mark zu. Die Zahl der Biotech-Unternehmen sprang in wenigen Jahren von zwei auf über 400.

Inzwischen jedoch versiegte den deutschen Biotechs der Kapitalfluss. Im vergangenen Jahr tröpfelten nur 207 Millionen Euro Wagniskapital in die Branche. In den beiden Jahren zuvor waren jeweils noch weit über 500 Millionen Euro geflossen. In den besten Zeiten haben 40 bis 50 Venture-Capital- Gesellschaften mit Fokus auf Lebenswissenschaften die deutschen Unternehmen umsorgt, sagt Helmut Schühsler, Geschäftsführer des Münchner Wagnisfinanzierers TVM. Geblieben sei eine Hand voll. Dennoch: "Für die besten 20 Firmen ist genug Geld da", versichert Schühsler.

Der Rest kämpft. Im vergangenen Jahr sank erstmals seit der Gründungswelle die Zahl der deutschen Biotech-Unternehmen. Die Zahl der Beschäftigten sackte um sieben Prozent ab. "Dieses Jahr wird sicher nicht besser", befürchtet Julia Schüler, leitende Autorin des deutschen Biotechnologie- Reports 2003 der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Zudem ist die Branche stark zersplittert: Zwar liegt Deutschland im europäischen Vergleich bei der Zahl der Unternehmen immer noch an der Spitze - bei der durchschnittlichen Größe, Marktkapitalisierung, Zahl der Produkte und Umsatz aber nur im Mittelfeld.

Andererseits findet, wer sucht, auch Unternehmen, die an den Herausforderungen der harten Jahre gewachsen sind.

Ingenium in Martinsried etwa begann vor fünf Jahren als typisches Kind der Bubble Economy. Was die Ingenium- Gründer beim deutschen Humangenom- Projekt gelernt hatten, wollten sie im eigenen Unternehmen zu Geld machen. Dann zwang die Technologieflaute Ingenium dazu, seinen Personalbestand zu halbieren. Die verkleinerte Firma nutzt ihr Know-how doppelt: Einerseits können Pharmahersteller, die ein bestimmtes Gen als Angriffspunkt für ein Medikament anvisieren, die Funktion dieses Gens bei Ingenium überprüfen lassen: Aus einer Samenbank mit etwa 5000 Maussperma- Proben kann Ingenium innerhalb von Wochen Tiere produzieren, deren Erbgut genau am angefragten Gen defekt ist. Andererseits dient der Genschatz auch Ingenium selbst bei der Entdeckung von Wirkstoffkandidaten, die an größere Pharma-Unternehmen verkauft werden sollen. Ingenium selbst hat nicht die Ressourcen, um eigene Präparate durch die späten (und besonders teuren) Phasen der Pipeline zu schleusen.

Zu einem ähnlich eleganten Mischmodell kam die Heidelberger Phenex Pharmaceuticals AG auf ganz anderem Weg. Er begann letzten Herbst, als Lion Bioscience, eines der ältesten deutschen Biotech-Unternehmen, seine gesamte Laborsparte dem Sparzwang opferte. Zum Missfallen mancher Analysten will sich Lion, einst mit dem größten Börsengang aller Zeiten in Europa und den USA synchron gestartet, ganz auf Bioinformatik konzentrieren.

Aus den Resten des Lion-Labors stieg Phenex auf. Große Pharmaproduzenten vertrauen dem jungen Unternehmen ihre noch geheimen Wirkstoffkandidaten an, um sie im Reagenzglas auf ihre Effektivität überprüfen zu lassen. Parallel forscht Phenex an eigenen Substanzen; deren Verkauf soll schnell Umsatz generieren und die Leistungsfähigkeit der Phenex-Werkzeuge demonstrieren. "Nur mit eigenen Produkten kann man Geld einwerben", sagt Phenex-Mitgründer Claus Kremoser.

Die deutschen Biotechs stehen am Wendepunkt. Ihr Jugendbonus ist aufgebraucht, die Förderprogramme sind ausgelaufen. Jetzt müssen sie ihr Geld selbst verdienen. Allerdings starten sie heute unter weit schwierigeren Bedingungen als die amerikanische Branche vor einem Vierteljahrhundert.

Damals lagen die Möglichkeiten für neue Produkte auf der Hand. Man suchte sich ein geeignetes Protein aus, pflanzte das entsprechende Gen in einen Mikroorganismus ein, der das Protein dann produzierte. Auf solch schlichte Weise stellte Genentech erstmals menschliches Insulin her - und machte Milliarden Dollar damit. "No-brainer" nennt Axel Ullrich, der damals bei Genentech im Labor stand, die Frühwerke der Biotechnologie.

Doch die klaren Chancen waren schnell genutzt, die offensichtlichen Patente bald vergeben. Bis die Biotechnologie eine grundlegend neue Medikamentengeneration hervorbrachte, vergingen Jahrzehnte. 1985 entdeckten Ullrich und seine Kollegen bei Genentech ein Rezeptormolekül, welches bei einer bestimmten Brustkrebsform das Wachstumssignal überträgt. Aber erst 1998 brachte Genentech mit Herceptin ein Medikament auf den Markt, das diesen Rezeptor blockiert.

Immerhin zeigte die Entwicklung von Herceptin, wie die junge Technologie Kosten sparen kann. Denn nur ein Viertel aller Brustkrebstumoren produziert die Zielmoleküle von Herceptin im Übermaß. Bei den übrigen spricht der Wirkstoff nicht an. Deshalb unterzog Genentech die Patientinnen der klinischen Studien einem Gentest und schloss jene von vorneherein aus, bei denen der Therapieerfolg unwahrscheinlich war. Ohne diese Gentests wäre die klinische Prüfung von Herceptin um ein Vielfaches teurer gewesen.

Mit Herceptin begann die Entwicklung der so genannten Target-Therapien. Dank Genetik und Molekularbiologie glaubten die Pharmarevolutionäre von damals, den menschlichen Körper und seine Leiden gut genug zu verstehen, um gezielt mit maßgeschneiderten Wirkstoffen darin eingreifen können. Man fing beispielsweise an, die molekularen Mechanismen der Verwandlung normaler Körperzellen in Krebszellen zu verstehen. "Die Vision war, den Krebs an der Achillesferse zu treffen", sagt Bernd Seizinger.

Inzwischen kennen Biologen über hundert Krebsgene. Sie kennen auch die Wirkungsketten, über die solche Gene in der Zelle Krebs auslösen - etwa durch Überproduktion von Rezeptoren für wachstumsanregende Moleküle, oder indem sie das Selbstzerstörungsprogramm der außer Kontrolle geratenen Zelle blockieren. Warum also nicht einfach mit einem passend gebauten Molekül an diese Rezeptoren andocken, um sie zu blockieren? Dann würde die Zelle das Wachstumssignal nicht mehr empfangen. Sie wäre wieder unter Kontrolle.

Zweifellos: Der Ansatz ist verlockend. Leider funktioniert er in der Praxis nur mäßig. Allmählich dämmert den Bioforschern, dass sie ihren Feind unterschätzt haben. "Krebs hat keine Achillesferse", sagt Bernd Seizinger. "Wie ein gut konstruiertes Raumschiff hat ein Tumor mehrere Energieversorgungssysteme. Wenn man eines davon lahm legt, wechselt er auf ein anderes."

Diese Redundanz erklärt, warum die bejubelten Angiogenese- Hemmer in vielen Studien enttäuschend abschneiden. Sie versperren dem Krebs nur jeweils einen Mechanismus, sich Adern zu legen. Avastin etwa ist zugeschnitten auf den Angiogenese fördernden Wachstumsfaktor VEGF. Doch über 20 andere Faktoren sind bekannt, die Gefäße wachsen lassen. Wenn der Krebs mehrere davon im Repertoire hat, bewirkt die Blockade von VEGF wenig. Deshalb experimentieren Pharmaforscher inzwischen mit Mischungen mehrerer Angiogenese-Hemmer.

Doch womöglich sind diese Krebsbremsen nicht nur wirkungslos, sondern sogar schädlich: Kürzlich warnten italienische Forscher im Fachblatt "Cancer Cell", dass der Sauerstoffmangel Tumoren sogar aggressiver machen kann. Findige Krebszellen entkommen dem Erstickungstod, indem sie in das umliegende Gewebe eindringen. Dort haben sie reichlich Sauerstoff und Nährstoffe. Und damit könnte Anti-Angiogenese das Geschwür abhärten, statt es zu töten.

Ein vielseitiges Verteidigungsmittel von Tumoren ist ihre genetische Wandlungsfähigkeit. Beim Heranwachsen sammeln sie Tausende von Zufallsmutationen an. In rasender Evolution können so Zellen entstehen, die resistent sind gegen herkömmliche Chemotherapien - oder eben Target-Therapien.

Etwa gegen Glivec von Novartis, das bei Blut- oder Magenkrebs gegeben wird. Glivecs Angriffspunkt ist ein wachstumsförderndes Eiweißmolekül. Doch manche mit Glivec behandelte Tumoren bilden eine Mutation dieses Eiweißes, die zwar weiterhin das Zellwachstum anregt, aber auf die Glivec nicht mehr passt. Viele Langzeitpatienten entwickeln eine Resistenz.

Die Wirkung der "Smart Drugs" ist also schwer vorherzusagen. Mal wirken sie gar nicht, mal wirken sie zwar gegen eine bestimmte Krebsart - aber nicht gegen die ursprünglich anvisierte. Warum, weiß niemand. Und wenn die neuen Mittel wirken, dann oft nur in Zusammenarbeit mit anderen Präparaten. Was in Chicago gefeiert wurde, waren tatsächlich Kombinationstherapien aus gezielt wirkenden Präparaten und nicht selektiven herkömmlichen Chemotherapeutika. Von der angekündigten Wundermedizin ist bislang nichts zu sehen. Die neuen Mittel lösen die alten nicht ab, sondern ergänzen sie nur.

Wenn aber Krebs ein derart harter Gegner ist, warum kaprizieren sich so viele Unternehmen gerade auf ihn? Die Motive sind vielfältig:

  • Die Kosten: Die klinische PrĂĽfung eines Krebsmedikaments ist billiger als die eines Blutdrucksenkers oder Diabetesmittels, weil die Studien keinen so groĂźen Umfang haben mĂĽssen. Statt zehntausende Probanden reichen hunderte.
  • Die Zulassungspraxis: Krebsmittel werden von den Behörden meist schneller zugelassen - man will Todkranken keine neue Hoffnung verbauen. In Zweifelsfällen wird das Präparat eingeschränkt als "letzter Strohhalm" auf den Markt gelassen.
  • Die Verschreibungspraxis: In der Krebsmedizin ist so genannter Off-label Use gang und gäbe. Ein Mittel kann also auch jenseits seiner ursprĂĽnglichen Indikation verschrieben werden, etwa bei einer anderen Krebsart. Deshalb können Hersteller ihren Aufwand bei der Zulassung getrost minimieren, indem sie die Indikation möglichst eng wählen - und hinterher dennoch mit breiter Anwendung ihres Produkts rechnen.
  • Die Tradition: Wer im Jahrhunderte alten Krieg gegen Krebs einen Teilerfolg erringt oder ihn zumindest glaubhaft machen kann, kann auf Ruhm und Kapital hoffen.
  • Die Zukunft: Der Krebsmarkt wächst. Weil die Menschen immer älter werden, haben Krebsherde mehr Zeit, sich zu entfachen.

Andererseits illustriert die Krebsmedizin auch die grundsätzlichen Probleme der Pharmaforschung. Die brillanten Konzepte funktionieren in der Praxis selten so gut wie in der Theorie. Neue Medikamente entstehen immer noch mit viel Glück, Geschick und Erfahrung.

Die herkömmliche Art der Wirkstoffsuche gleicht einem chemischen Blindekuh-Spiel: Um den passenden Wirkstoff für ein bestimmtes Zielmolekül im Körper (Target) zu finden, werden Millionen verschiedenster chemischer Verbindungen, ob synthetisiert im Labor oder extrahiert aus Regenwaldgewächsen, darauf losgelassen. Zuerst im Reagenzglas, dann im Tiermodell und schließlich in Tests an Patienten werden nach und nach jene Substanzen aussortiert, die nicht die gewünschte Wirkung versprechen.

Diesen verschwenderischen Prozess wird die Biotechnologie nicht revolutionieren. Aber sie kann ihn in manchen Phasen beschleunigen und vereinfachen. Allein die Methoden der Genomik (der Nutzung von Erbinformation für die Wirkstoffsuche) könnten die Entwicklungskosten um 30 Prozent drücken, rechneten Life-Science-Experten der Boston Consulting Group in einer Studie vor - und das bei zwei Jahren Zeitersparnis.

Die Bioinformatik bietet die Chance, manche Arbeitsschritte, die bisher "nass" im Labor gemacht werden, schneller und billiger "in silico" zu erledigen: simuliert im Rechner. Der Computer soll genetische Daten nach neuen Targets durchforsten, dazu präzise passende Wirkstoffmoleküle entwerfen und deren Wirkung im Organismus berechnen. Seltsam nur, dass von diesem Sparpotenzial der Biotechnologie so wenig zu sehen ist. Denn immerhin gehört die Genomik schon seit einem Jahrzehnt zum Standardrepertoire der Pharmabranche. Und mit der feierlichen Veröffentlichung der Rohfassung des menschlichen Genoms vor zwei Jahren schien der Weg endgültig frei, den wissenschaftlichen Fortschritt medizinisch und ökonomisch umzusetzen.

Doch die Entwicklungskosten für Medikamente schießen ungebremst in die Höhe und nähern sich rasant der Marke von einer Milliarde Euro. Bis zur zweiten Hälfte des Jahrzehnts könnten sie auf 1,6 Milliarden Dollar steigen, haben Experten der Investmentbank Lehman Brothers und der Beratergesellschaft McKinsey in einer gemeinsamen Studie geschätzt. Inzwischen braucht ein Pharmaunternehmen durchschnittlich 15 Jahre, um ein neues Medikament zu entwickeln und auf den Markt zu bringen - doppelt so lang wie in den 1950er Jahren. Verpuffen die Innovationen der Bio-Ära?

Nur Geduld. Es war abzusehen, dass die neuen Werkzeuge der Pharmaforschung die Kosten zunächst treiben, bevor ihr Spareffekt greift. Denn die Zahl der neu identifizierten Targets explodiert - und jedes einzelne davon muss genau auf seine Funktion geprüft (validiert) werden. Im vorigen Jahrhundert musste die Pharmaindustrie bei der Wirkstoffentwicklung nur mit einigen hundert Targets umgehen. Aus den drei Milliarden Basenpaaren des menschlichen Genoms haben Forscher in den letzten Jahren tausende neuer potenzieller Angriffspunkte für Medikamente gelesen.

Nicht nur die Quantität, auch die Qualität der neuen Zielmoleküle überwältigt die Pharmafirmen. In den Zeiten der traditionellen Pharmaforschung, bis Mitte der 1990er Jahre, waren für 70 Prozent der zu evaluierenden Targets schon Wirkstoffe ähnlichen Typs auf dem Markt. Mit dem Einzug der Biotechnologie kehrt sich das Verhältnis um, schätzen die Analysten von Lehman und McKinsey: Jetzt kommen 70 Prozent der Targets "ohne Vorgänger" in die Evaluierung. Deren Biochemie muss in mühseligem Hantieren mit Petrischalen, Zellkulturen und Labormäusen ergründet werden. Zwar verdankt die Pharmaforschung der Genetik und Proteomik eine Flut neuer Targets und Wirkstoffkandidaten, aber sie wartet noch auf genügend präzise Instrumente, um die Nieten rechtzeitig herauszufiltern.

Die Wartezeit wird vielen deutschen Unternehmen zu lang werden. Denn nicht alles, was Rüttgers warmer Kapitalregen päppelte, ist krisenfest. Geschützt vor dem Ausleseprozess des freien Marktes, forschten die jungen Firmen munter drauflos – im Vertrauen, das angehäufte Know-how werde seine Anwendungen von selbst finden. "Damals sind zig Millionen Mark in richtig schlechte Ideen geflossen", sagt Helmut Giersiefen, Chef des Münchner Unternehmens Curacyte.

An wissenschaftlicher Kompetenz hapert es nicht in Deutschland, aber am Sinn für ihre Umsetzung. Denn pure Forschung und Entwicklung macht noch keine Produkte. "Hier orientiert man sich zu sehr an der Technologie", sagt Giersiefen, der beiderseits des Atlantiks Firmen gegründet hat. "In den USA orientiert man sich an den Produkten." Die meisten deutschen Biotechs haben ihr Geschäftsmodell um Technologie-"Plattformen" der Genomik und Proteomik gebaut: Statt Pillen oder Rohstoffe zu fabrizieren, wollen sie hoch spezialisierte Instrumentenkits, Dienstleistungen oder Daten zuliefern. Prinzipiell ist es nicht unmöglich, damit zu überleben – wenn nicht zu viele es versuchen. Die Firmen können nicht davon existieren, dass sie sich gegenseitig Plattformen verkaufen.

Die Branche lernt langsam aus den Fehlern ihrer Jugend. "Viele Gründer der ersten Jahre sind immer noch beseelt von ihren alten Ideen", sagt Giersiefen. Viele von ihnen kamen geradewegs von der Hochschule. Wozu denn auch spezielle Management-Fähigkeiten? Die Firma führte sich quasi von alleine - so lange reichlich Kapital floss. Doch Kundenorders wirbt man anders ein als Fördergelder, und so ist jetzt mancher Akademiker-Unternehmer damit überfordert, seine kränkelnde Firma klug zu konsolidieren oder in eine Fusion zu führen. Kein Wunder, dass viele Firmen rein defensiv agieren. Sie sparen, streichen, schassen und schließen. Von der erwarteten Fusions- und Restrukturierungswelle (wie sie durch die US-Branche läuft) ist wenig zu sehen. Wenn die Branche sich gesund schrumpfen will, statt kaputt geschrumpft zu werden, muss sie rasch zur Offensive übergehen. Die Erfolgsfaktoren lassen sich klar benennen:

Marktnahe Produkte Technologie, die begeistert, garantiert noch keinen wirtschaftlichen Erfolg. Wer etwas verdienen will, muss anbieten, was andere brauchen. Deshalb muss die deutsche Biotechnologie endlich mit marktnahen Produkten überzeugen. Sicherlich können die jungen deutschen Biopharmazeuten noch nicht mit komplett eigenentwickelten Medikamenten aufwarten. Aber gerade deshalb ist das Ein- und Auslizenzieren von Wirkstoffen keine Schande. Und es müssen ja nicht unbedingt Pillen sein: Laborausrüstung, Dienstleistungen oder auch Daten lassen sich ebenfalls verkaufen – sofern sie sich in die Praxis der Wirkstoffentwicklung fügen.

Verteiltes Risiko Zugegeben, Diversifizierung ist out. Wer mit der Zeit gehen will, konzentriert sich aufs Kerngeschäft. Doch was in den etablierten Industrien angesagt ist, muss nicht für die Biopharma- Branche gelten. Denn die Wirkstoff-Ingenieure des jungen dritten Jahrtausends arbeiten mit Technologien, deren Potenzial noch niemand ermessen kann. Die Investitionen sind hoch, und ehe sie Erträge abwerfen, können Jahrzehnte vergehen. Für die kleinen deutschen Firmen sind diese Risiken nicht zu schultern. Sie müssen Kooperationen oder Fusionen mit starken Partnern eingehen - und ihr Produktspektrum so breit wie möglich machen: Wer nur auf eine Sparte setzt, etwa Krebstherapie, riskiert viel. Wer gar nur ein einziges Präparat oder eine Technologieplattform entwickelt und anbieten will, riskiert zu viel.

Nachdenken statt Number Crunching Die Molekularbiologie digitalisiert sich. Hypothesen werden heute kaum noch mit der Pipette in der Hand getestet, sondern von Laborrobotern und Computern. Das verleitet zur Denkfaulheit: Viele Forscher verlassen sich lieber auf Transistoren als auf ihre eigenen grauen Zellen. Aber noch ist die Technologie weit davon entfernt, gute Targets und Wirkstoffe automatisch zu finden. Das menschliche Gehirn und eine gut sortierte Bibliothek sind nach wie vor die wichtigsten Werkzeuge der Medikamentenentwicklung.

Freier Fluss von Information Die Zerstückelung von Wissen bremst den Fortschritt. Ungefähr alle sechs Monate verdoppelt sich die Menge der Genomdaten. Aber sie liegen weltweit verstreut in den elektronischen Archiven von Unternehmen und Forschungseinrichtungen - in einem Wirrwarr von Formaten. Die Erarbeitung und Einhaltung eines Datenstandards, wie ihn etwa das US-geführte I3C-Konsortium etablieren will, würde den Erkenntnisaustausch fördern. Aber auch in den Köpfen muss eine Barriere fallen: Wenn Wissen statt als Gemeingut als Besitz gilt, der unter allen Umständen gegen die Konkurrenz verteidigt werden muss, dann verlieren alle.

Selbsthilfe statt Fördermentalität Die von öffentlicher Hand gemästete Biotech-Branche ist eine deutsche Eigenart. Der Glaube trügt, dass der Staat die deutschen Unternehmen mit Kapital und komfortablen Rahmenbedingungen an die Weltspitze führen kann. Kommerzielle Biotechnologie muss (und kann) vom Markt getragen werden, nicht von Fürsorge.

Professionelles Management Wer ein Biotech-Unternehmen leitet, braucht eine außergewöhnliche geistige Spannweite, denn er muss verstehen, was er verkauft - und er muss es zu verkaufen verstehen. Das heißt: Er muss sich in einer komplexen und rasant wachsenden Wissenschaft zurechtfinden und gleichzeitig ein neuartiges Geschäftsmodell durch schwieriges ökonomisches Fahrwasser lotsen. Es genügt nicht, beide Kompetenzen unter einem Dach zu vereinen, die eine im Labor, die andere in der obersten Etage. Es ist der Mühe wert, sie in den Köpfen zu vereinen. Auch informierte Investoren sind gefragt: Solides Wissen impft sie gegen Herdentrieb. Diese Punkte sind destilliert aus Gesprächen mit Forschern, Unternehmern und Beobachtern der deutschen Biotech-Branche. In einem Appell waren sich alle einig: Keine vollmundigen Versprechen mehr! Gefragt sind Geduld und Bescheidenheit. Das Wort "Revolution" passt nicht in die Pharmaforschung. (sma)