Gedanken aus Chemie

Unsere Welt entsteht im Kopf. In einem Chaos aus elektrischen Impulsen und chemischen Botenstoffen entstehen Bilder und GefĂĽhle, Ideen und Erinnerungen.

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  • Birgit Will

Unsere Welt entsteht im Kopf. In einem Chaos aus elektrischen Impulsen und chemischen Botenstoffen entstehen Bilder und Gefühle, Ideen und Erinnerungen. Doch auch in unserem Zentralorgan läuft nicht immer alles nach Wunsch: Wer sich konzentrieren muss, dem schweifen die Gedanken ab. Wer etwas darstellen soll, den plagt Selbstzweifel. Und wer das Leben endlich nur genießen möchte, den sucht unerklärlicher Schwermut heim. Wie verlockend wäre es, die Welt gleich hier, wo sie entsteht - im Kopf –, neu zu gestalten? Das versuchen wir seit Menschengedenken, schlucken und inhalieren dazu psychoaktive Substanzen und ertragen dafür den Kater am Morgen danach. Auf der Suche nach anderen Bewusstseinszuständen panschte der Mensch jahrtausendelang unbeholfen in seiner Hirnchemie herum. Doch neue Generationen psychopharmakologischer Wirkstoffe erlauben uns, immer präziser auf unser Denken zuzugreifen.

Längst geht es dabei nicht mehr nur um die Behandlung von Krankheiten. Ob Super-Wachmacher, Gedächtnis-Booster oder neuartige Stimulanzien - Westküsten-Studenten schlucken in "smart bars" alles, was ihnen Schwung und Konzentration für die nächste Prüfung verleiht. Auch Manager, Wissenschaftler, Publizisten und Künstler erliegen der Versuchung, mit Hilfe der neuen Pillen ihren Geist auf Trab zu bringen.

Und das ist erst der Anfang, die Vorhut einer neuen Technologie. Mit Hochdruck werden derzeit Substanzen entwickelt, die immer zielgenauer in die Prozesse eingreifen, die unserem Denken zugrunde liegen. Rund hundert Milliarden Nervenzellen durchziehen mit ihren langen Ausläufern das Gehirn, und jede davon kann mit bis zu tausend anderen in Kontakt treten. Niemals jedoch berühren sich Nervenzellen, immer bleiben sie durch einen winzigen Spalt getrennt. Chemische Botenstoffe überbrücken diesen Spalt und leiten so die Signale von einer Nervenzelle zur nächsten weiter. Denken ist Chemie, und diese Chemie lässt sich nahezu nach Belieben variieren.

Stehen wir an der Schwelle zu einem Zeitalter der Neurotechnologie? Hört man auf amerikanische Bioethiker, dann ist - im Schatten der Gentechnik- Diskussion - "bereits eine zweite, neuropharmakologische Welle der biotechnischen Revolution mit Wucht über uns hereingebrochen", schreibt Francis Fukuyama in seinem Buch "Das Ende der Menschen". "Das, was sich der Normalmensch bislang als Ergebnis genetischer Manipulation vorstellen kann, wird fürs Erste höchstwahrscheinlich durch Psychopharmaka erreicht." Und die Neuropsychologin Martha Farah stellte kürzlich in der Fachzeitschrift Nature Neuroscience klar, dass pharmakologische Substanzen heutzutage nicht mehr nur der Behandlung von Krankheiten dienen, sondern vielen normalen Menschen zu einer Steigerung ihrer natürlichen Fähigkeiten verhelfen: "Pharmakologische Optimierung wird inzwischen überall eingesetzt: zur Verbesserung der Stimmung, der Wahrnehmung und von vegetativen Funktionen wie Schlaf, Appetit und Sex."

Die Debatte um die "kosmetische Psychopharmakologie" wurde bereits in den neunziger Jahren vom Psychiater Peter Kramer eröffnet, der in dem Buch "Glück auf Rezept" seine Erfahrungen mit dem damals neu auf den Markt gekommenen Antidepressivum Prozac beschrieb, das in Deutschland unter dem Namen Fluctin erhältlich ist. Berühmt geworden ist die Fallgeschichte von Tess, die mit Hilfe der Pille erst ihr "wahres Selbst" entdeckte: Bereits wenige Wochen nach Beginn der Behandlung mit Prozac befreite sie sich aus der masochistischen Liebesbeziehung mit einem verheirateten Mann und gelangte dank ihres neu gewonnenen, selbstsicheren Auftretens zu einem großen Freundeskreis und beruflichem Erfolg. "Drei Verabredungen an einem Wochenende", erzählte sie lachend ihrem Arzt. "Ich scheine ein Schild auf der Stirn zu tragen."

Auch wenn Prozac nur in wenigen Fällen diesen überwältigenden Erfolg zeigt und zuweilen die Lust auf Sex verdirbt - die Fallgeschichten Kramers sorgten in Amerika für einen Boom des Medikaments. Längst dient Prozac dort nicht mehr nur zur Behandlung schwerer Depressionen, sondern wird von Menschen eingenommen, die sich davon mehr Selbstvertrauen, Offenheit und Lebensfreude erhoffen. Vor einigen Jahren fragte der Neurologe Gary Wenk seine Studenten, die er an der University of Arizona in einem Grundkurs über Neuropharmakologie unterrichtete, ob sie selbst oder Familienangehörige zur Zeit Prozac einnähmen. 95 der etwa 100 Studenten hoben die Hand. "Ich konnte es selbst kaum glauben", so Wenk, "aber sie schlucken das wie Vitamine, es ist für sie Teil der täglichen Ernährung."

Die Wirkung von Prozac beruht auf einer Anreicherung des körpereigenen Neurotransmitters Serotonin in der Synapse. Serotonin, ein Botenstoff, der für Glücks- und Selbstwertgefühl sorgt, wird bei der Reizweiterleitung im Gehirn von den Nervenzellen in den synaptischen Spalt ausgeschüttet und kann dann an einen Rezeptor der benachbarten Zelle binden. Die nicht gebundenen Serotonin-Moleküle werden sogleich wieder von der Zelle aufgenommen: Recycling für die nächste Ausschüttung. Prozac verlangsamt dieses Rücknahmesystem, sodass die Serotonin-Konzentration in den Synapsen ansteigt. Im Gegensatz zu älteren Antidepressiva, die mehrere Neurotransmitter auf einmal beeinflussen, greifen die "selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer" ganz gezielt nur in den Serotonin-Stoffwechsel ein und haben dadurch wesentlich geringere Nebenwirkungen.

Eher skeptisch ist die Einstellung in Deutschland gegenüber dem angeblichen Wundermittel geblieben. Ganz anders als in den USA. "Deutsche Ärzte hegen gegenüber Psychopharmaka ein tiefes Misstrauen, und psychische Erkrankungen werden hier noch immer stigmatisiert", beschreibt Monika Schulte, Geschäftsführerin einer Pharma-PR-Agentur, die Probleme der Vermarktung. Um das Image des Antidepressivums Zoloft zu verbessern, hat sie eine Werbekampagne entwickelt: "Meine größte Herausforderung war nicht die Höhe des Himalaya, sondern das Tief danach", erklärt darin der Bergsteiger Reinhold Messner vor strahlend blauem Hintergrund.

Zum einst schlagzeilenträchtigen Fluctin hingegen mag sich Produzent Eli Lilly kaum mehr äußern: "Wir blicken nach Vorne", so eine Sprecherin des Pharmaunternehmens. "Nach Vorne" - das bedeutet: bessere, wirksamere Substanzen mit weniger Nebenwirkungen. Zurzeit forscht Eli Lilly an einem völlig neuen Wirkstoff: Der "duale Wiederaufnahme-Hemmer" Duloxetine erhöht gezielt nicht nur den Serotoninspiegel im Gehirn, sondern auch die Konzentration des Neurotransmitters Noradrenalin - beide Substanzen sind im Gehirn von depressiven Menschen nur in niedriger Konzentration vorhanden. Das Prinzip "Nimm zwei" verspricht nicht nur bessere Wirksamkeit, sondern gleich doppelten Nutzen: Duloxetine wirkt nicht allein gegen Depressionen, sondern soll in geringerer Dosierung auch bei der Behandlung von Blasenschwäche zum Einsatz kommen. Zudem beeinträchtigt Duloxetine laut einer Studie das Sexualleben weniger. Die Markteinführung steht kurz bevor, der anvisierte jährliche Umsatz auf dem US-Markt soll die Milliarden-Dollar-Grenze übersteigen.

Nach vorne blickt Eli Lilly auch in der Behandlung einer anderen Krankheit, die bereits für viel Wirbel in der öffentlichen Diskussion gesorgt hat: Das Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Syndrom kurz ADHS. Immer häufiger werden Fälle des Zappel-Philipp-Syndroms diagnostiziert, immer öfter werden Medikamente zur Beruhigung überdrehter Kinder verschrieben, die auf der Schulbank nicht stillsitzen können. Am häufigsten eingesetzt wird Ritalin, eine den Amphetaminen verwandte Stimulans, die bei gesunden Erwachsenen Euphorie und sogar Hyperaktivität erzeugt, überaktiven Kindern aber dazu verhilft, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Seine Befürworter sehen in Ritalin eine segensreiche Behandlungsmethode und weisen darauf hin, dass sich durch Ritalin nicht nur die Schulleistung der ADHS-Kinder drastisch verbessern kann, sondern sie auch häufig zu glücklicheren Menschen werden und leichter Freunde finden. Die Kritiker empören sich dagegen, dass mit Hilfe eines psychoaktiven Medikaments Kinder, die streng genommen nicht krank sind, kontrolliert und sozial angepasst werden.

Zur Behandlung von ADHS ist in den USA kürzlich ein neues Medikament zugelassen worden: Strattera von Eli Lilly. Die deutsche Markteinführung ist für das Jahr 2005 geplant. Strattera hat bei ADHS-Kindern eine ähnliche Wirkung wie Ritalin, verursacht aber in geringerem Ausmaß den bei Ritalingebrauch häufigen Gewichtsverlust. Im Gegensatz zu Ritalin wird es aber nicht als psychoaktive Substanz eingestuft, da es nicht süchtig machen soll, und fällt deshalb in den USA nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Das verbessert die Marktchancen: Nicht länger müssen Eltern ihren Kindern ein Medikament geben, das wie Ritalin in der Drogenszene "Lovely Rita" genannt wird. Ein weiterer Vorteil von Strattera gegenüber Ritalin: Auch Erwachsene dürfen mit ärztlichem Rezept Strattera einnehmen.

Nicht nur kleine Plagegeister werden pharmakologisch gefügig gemacht - der medikamentös unterstützte Strafvollzug ist in vielen Ländern gängige Praxis. "Je mehr wir über die biologischen Grundlagen von Psychopathie wissen, desto nahe liegender wird die Entwicklung effektiver Psychopharmaka", rechtfertigt James Blair vom University College in London diese Entwicklung.

Von wirksamen Substanzen ist die Praxis allerdings noch weit entfernt - in deutschen Gefängnissen sind Psychopharmaka bislang vor allem eine beliebte Tauschware als Drogenersatz. Lediglich die "chemische Kastration" wird zur Behandlung von Triebtätern eingesetzt. Auf freiwilliger Basis können Sexualstraftäter das triebdämpfende Medikament "Androcur" einnehmen - Anreiz ist eine vorzeitige Entlassung bei günstiger Prognose.

In den USA wird die Behandlung von Straftätern mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern wie Prozac erprobt. In einer klinischen Studie nahmen zwölf Männer mit aggressiven Tendenzen und krimineller Vergangenheit über drei Wochen hinweg solche Mittel ein. Bei anschließenden Verhaltenstests hatten sie bei Einnahme des Antidepressivums deutlich weniger aggressive Tendenzen als unter Placebo.

Die Therapie von Straftätern birgt nicht nur Chancen, sondern auch Gefahren des Missbrauchs. Nur ein kleiner Schritt sei es, so mahnt die Neuropsychologin Martha Farah, von der gängigen Praxis verhaltenstherapeutischer Maßnahmen hin zu zwangsweise verordneten Medikamenten. Besonders sensibel ist das Thema durch ein dunkles Kapitel der Psychiatrie: In totalitären Staaten wie China und der ehemaligen Sowjetunion wurden regelmäßig politische Gegner für geisteskrank erklärt und zwangsweise mit Psychopharmaka behandelt.

Weltweit ist ein Heer von Neurologen und Pharmakologen damit beschäftigt, wirksamere Medikamente gegen die unterschiedlichsten psychischen und neurologischen Störungen zu entwickeln. Die Substanzen entfalten ihre Wirkung grundsätzlich natürlich auch im gesunden Gehirn, und manchmal machen sie so erst Karriere. Als man vor einigen Wochen während der Leichtathletik-WM in Paris den Wirkstoff Modafinil nach ihrem Siegeslauf über 100 Meter im Urin der Sprinterin Kelli White fand, da mochte niemand so recht daran glauben, dass sie den Wachmacher genommen habe, um während des Rennens nicht plötzlich einzuschlafen.

Modafinil wurde zur Behandlung der relativ seltenen Krankheit Narkolepsie entwickelt. Narkoleptikern fallen wider Willen mitten am Tag die Augen zu, mit Modafinil finden sie einen normalen Schlaf-Wach-Rhythmus. Von der Firma Cephalon entwickelt und in den USA unter dem Namen Provigil (in Deutschland: Vigil) auf den Markt gebracht, ist der Wachmacher aber schon öfter in die Schlagzeilen geraten. Denn er verschafft bei etwas Abhilfe, was auch mancher Manager oder Partygänger als lästiges Übel empfindet: Modafinil unterbindet das Bedürfnis nach Schlaf.

Nicht nur krankhaft schläfrige, auch schlicht übermüdete Zeitgenossen bringt das Medikament wieder auf die Beine. Und da dies - nach dem jetzigen Stand der Forschung - mit deutlich weniger Nebenwirkungen als bei den bekannten Aufputschmitteln geschieht, ist die Versuchung groß, im anstrengenden Arbeitsalltag mit etwas Wirkungsvollerem nachzuhelfen als übermäßigem Kaffeekonsum.

Diese Begehrlichkeit schürte Cephalon und wurde prompt von der US-Zulassungsbehörde für Arzneimittel (FDA) wegen seiner aggressiven und irreführenden Werbekampagne gerügt. Mit Sätzen wie "Wenn Patienten über Schläfrigkeit klagen" oder "Wenn Patienten über einen Mangel an Energie klagen" wurden Ärzte darin zum Ausstellen des richtigen Rezeptes aufgefordert: Die eigentliche Indikation Narkolepsie wurde nur klein gedruckt erwähnt. Das bemängelte die FDA und ordnete eine Rücknahme des Werbematerials an.

In der Vermarktung wieder auf die ursprüngliche Zulassung beschränkt, geht Cephalon nun daran, diese auszuweiten. Die Forschungsaktivitäten sind immens. Klinische Studien bestätigen, dass Modafinil auch als unterstützende Behandlung die Müdigkeit von Patienten mit Multipler Sklerose und die Antriebsschwäche von depressiven Menschen lindert. Gibt man ADHS-Kindern täglich eine Dosis von 300 Milligramm Modafinil, so bessern sich die Symptome der Krankheit merklich - noch in diesem Jahr wird die Phase III der klinischen Untersuchung starten.

Auch gesunde Menschen schlucken längst unter ärztlicher Aufsicht Modafinil. Der Wirkstoff wird intensiv vom Militär untersucht: "Die Entwicklung neuer Waffen und die Möglichkeit, Tag und Nacht zu kämpfen, hat die Vorstellung von militärischem Vorgehen verändert: Aus den auf den Tag beschränkten Einsätzen sind kontinuierliche Operationen geworden." So beginnt ein Aufsatz, der im Journal of Sleep Research veröffentlicht wurde. Darin wird die geistige Leistungsfähigkeit von 41 freiwilligen Testteilnehmern des kanadischen Militärs untersucht, die unter völligem Schlafentzug drei Tage und zwei Nächte ununterbrochen Dienst taten.

Die Fähigkeit zu logischem Denken, das Kurzzeitgedächtnis sowie die Reaktionsbereitschaft wurde während dieser Zeit durch insgesamt drei Gaben von jeweils 300 Milligramm Modafinil deutlich verbessert - ebenso wie die Laune der Probanden. Eine ähnliche Verbesserung bewirkten auch Amphetamine, wie sie während Kampfeinsätzen schon länger üblich sind - allerdings mit stärkeren Nebenwirkungen. Auch der so genannte "Rebound-Effekt" der Amphetamine ist bei Modafinil deutlich schwächer: Die Probanden hatten in der Nacht nach dem Experiment kaum Schlafstörungen und zeigten nur wenig Aufholbedarf für den versäumten Schlaf.

Nicht nur Soldaten müssen in der Nacht einsatzbereit sein. 84 unterschiedliche Formen der Schlafstörung sind bekannt - darunter auch die von Schichtarbeitern. Schon im letzten Jahre gab Cephalon die Ergebnisse einer Studie bekannt, in der mehr als 200 Schichtarbeiter über 12 Wochen hinweg erfolgreich mit Modafinil gegen Schläfrigkeit während der Nachtarbeit behandelt wurden. Ende letzten Jahres beantragte die Firma dann die erweiterte Zulassung des Medikaments zur Behandlung von Schichtarbeitern.

Derweil ist man in Deutschland auf den guten Ruf bedacht. "Der Einsatz von Modafinil ist nur für klinisch nachweisbare Erkrankungen vorgesehen, etwas anderes wird von uns nicht angestrebt", sagt Uwe Maschek, Geschäftsführer von Cephalon in Deutschland. "Einen Einsatz abseits der eigentlichen Indikation können wir zwar nicht ausschließen, doch macht er nur einen verschwindend geringen Anteil aus, so weit wir es verfolgen können." Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten fällt Modafinil in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz, sodass es nur mit besonderen Rezepten und nur für die zugelassene Indikation verschrieben werden darf.

Doch auch in Deutschland ist der Wirkstoff leicht erhältlich. Nur wenige Mausklicks sind nötig, um eine Online-Apotheke ausfindig zu machen, die den Wachmacher feilbietet. Neben fragwürdigen Mixturen mit den Namen BrainQuicken und Attentive Child wird Modafinil hier als besonders nebenwirkungsarme Psychostimulans angepriesen, die "die Stimmung hebt und die Gedächtnisleistung verstärkt". Einen Hinweis auf eine geltende Rezeptpflicht gibt es nicht. Für den stolzen Preis von 139 US-Dollar plus Versandkosten landen 30 Pillen im deutschen Briefkasten, originalverpackt, rezeptfrei - strafbar.

Schlafforscher betrachten den möglichen Modafinil-Missbrauch mit Sorge. Viel zu wenig wissen sie über den Schlaf, um die langfristigen Folgen eines medikamentösen Schlafentzugs vorhersagen zu können. Vor knapp drei Jahren hat man mit den Orexinen eine gänzlich neue Klasse von Neurotransmittern entdeckt, die anscheinend über Schlaf und Wachen im Gehirn regieren. An Ratten ließ sich demonstrieren, dass Modafinil gezielt spezielle, Orexin-haltige Nervenzellen aktiviert. Der Rest der Geschichte verliert sich jedoch im komplexen Gemisch der Hirnchemie.

Im Spagat zwischen den Forderungen der Zulassungsbehörden und den Marktchancen ist Erfindungsgeist gefragt. Manchmal helfen sich die Pharmahersteller, indem sie neue Krankheiten definieren. Anfang 2001 hat die FDA ein neues Leiden anerkannt, das ein Signal für die gesamte Branche geben könnte. Ins Visier gerieten die vergesslichen Alten. Mit dem Alter lässt das Kurzzeitgedächtnis nach - ein völlig normaler Prozess. Am anderen Ende der Skala steht die Demenz, am häufigsten in Form der Alzheimer-Erkrankung, die den Betroffenen ein selbstständiges Leben unmöglich macht. Dazwischen wurde nun eine neue Patientengruppe definiert, Menschen mit so genannter leichter kognitiver Beeinträchtigung: Von MCI (Mild Cognitive Impairment) gilt ein Mensch dann als betroffen, wenn er im Vergleich zu seinen Altersgenossen überdurchschnittlich viel vergisst, aber noch nicht dement ist.

Das eröffnet ganz neue Marktchancen für Medikamente, die das Gedächtnis verbessern. Eine große Zahl so genannter "smart drugs" gibt es bereits. Sie werden in Online-Apotheken feilgeboten, und in San Francisco und New York in "smart bars" als Cocktails serviert. Doch bislang haben sie alle eines gemeinsam: Ein Nutzen ist wissenschaftlich nicht erwiesen. "Es gibt keine Wirkstoffe, die uns intelligenter machen", urteilt Experte Gary Wenk.

Das könnte sich ändern, dank Wirkstoffen, die an den elementarsten Mechanismen des Lernens ansetzen. Die bahnbrechenden Erkenntnisse darüber wurden bereits in den siebziger Jahren von Eric Kandel gewonnen und im Jahr 2000 mit dem Nobelpreis gewürdigt.

Erinnerungen entstehen durch einen fortlaufenden Paarungstanz der Nervenzellen, die durch wiederholte Anregung und Signalweiterleitung an den Kontaktstellen, den Synapsen, zunehmend festere Bindungen zu ihren Nachbarn eingehen. Kandel erforschte diese Mechanismen an einem vergleichsweise simplen Organismus, der Meeresschnecke Aplysia. Später zeigte sich, dass die molekularen Abläufe bei Fruchtfliegen, Mäusen und Menschen ähnlich verlaufen. Timothy Tully, Kandels jüngerer Rivale, schuf genetisch veränderte Fruchtfliegen, in denen ein molekularer Signalgeber, das CREB-Protein, dauerhaft aktiviert ist. Normale Fliegen benötigen zehn Versuche, um zu lernen, dass in einer Kammer mit einem bestimmten Geruch ein elektrischer Schock auf sie wartet. Tullys Superfliegen brauchten nur einen Versuch.

Sowohl Tully als auch Kandel haben inzwischen eigene Unternehmen gegründet. Helicon Therapeutics und Memory Pharmaceuticals entwickeln Substanzen, die den Superfliegen- Effekt auch ohne genetische Veränderung erzeugen. Unter dem Einfluss der neuen Wirkstoffe beginnen alternde Mäuse, schneller durch ein Labyrinth zu laufen. Auch die großen Pharmaunternehmen sind inzwischen auf diese viel versprechenden Substanzen aufmerksam geworden. Kandels Unternehmen Memory Pharmaceuticals, ging im September 2001 mit Bayer eine Lizenzvereinbarung ein, die die Weiterentwicklung der Substanz MEM 1003 erlaubt und Bayer im Falle eines Erfolgs die Vermarktungsrechte garantiert. Im Juli letzten Jahres folgte eine Allianz von Memory und Roche, um den Wirkstoff MEM 1414 zur Marktreife zu bringen. Die Erprobung dieses Wirkstoffs soll schon in diesem Jahr beginnen. Aber weder Bayer noch Roche wollen sich zu ihren Forschungsprojekten äußern.

James McGaugh, Neurowissenschaftler an der Universität von Kalifornien in Irvine, ist sich allerdings sicher: "Die großen Pharmaunternehmen erforschen solche Substanzen nicht nur zur Behandlung von Demenzerkrankungen, sondern auch im Hinblick auf ganz normale Menschen - dort wartet der Profit. Die Behandlung von Demenzerkrankungen liefert ihnen die medizinische Rechtfertigung."

Er ist davon überzeugt, dass die wichtigste Zielgruppe ganz gewöhnliche Menschen sind, "die sich einfach ein besseres Gedächtnis wünschen". McGaugh, der selbst seit mehr als 40 Jahren auf dem Gebiet arbeitet, hält es allerdings für unwahrscheinlich, dass die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns durch Medikamente grundlegend gesteigert werden kann. "Das menschliche Gehirn arbeitet bereits sehr nahe am Optimum, dafür hat die Natur gesorgt." Um dem Nachlassen der Gehirnleistung entgegenzusteuern, propagiert der 75-jährige Wissenschaftler eine rezeptfreie Therapie: "Halten Sie ihr Gehirn auf Trab, hören Sie nicht auf, neue Dinge zu lernen", rät er alten Menschen. "Lernen Sie eine neue Sprache, lernen Sie, mit einem Computer umzugehen, lösen Sie Rätsel, treffen Sie sich mit Freunden und führen sie viele Diskussionen - das hält das Gehirn aktiv."

Ungeachtet solcher Ratschläge läuft die Forschung weiter auf Hochtouren. "Das Argument, geistige Prozesse wären unter dem Druck der Evolution optimiert worden, hat mich nie überzeugt", sagt Gary Lynch, ebenfalls Neurowissenschaftler an der Universität von Kalifornien in Irvine. "Früher oder später wird es Medikamente geben, die zumindest Teile unseres Denkens verbessern." Im Rennen um die erste Gedächtnispille könnte Cortex, das von Lynch gegründete Unternehmen, ganz vorne liegen.

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Lynch hat Moleküle entworfen, die ebenso wie die Substanzen von Kandel und Tully an den elementarsten molekularen Mechanismen ansetzen. Im Gegensatz zu den meisten Neuropharmaka wirken die von Cortex entwickelten Ampakine vergleichsweise subtil. Sie binden an den AMPA-Rezeptor, einen Ionenkanal in den äußeren Membranen von Hirnzellen. Als Antwort auf einen Reiz öffnet er sich für wenige Millisekunden, sodass Kalzium-Ionen in die Nervenzelle einströmen und die weiteren Prozesse in Gang setzen können. Ampakine "modulieren" die Funktion des Ionenkanals, er bleibt dann etwas länger als gewöhnlich geöffnet. So strömen mehr Calcium-Ionen in die Nervenzelle, das Signal zur Gedächtnisbildung wird stärker.

Die Wirkung eines Ampakines mit dem Namen CX516 wird bereits an Menschen untersucht - klinische Studien der Phase II an Alzheimer-Patienten laufen zurzeit. Im Auftrag von Cortex schluckte bereits eine kleine Gruppe von gesunden 65- bis 75-Jährigen CX516 an einem Berliner Forschungsinstitut. Zweck der Studie war eigentlich nur, Informationen über mögliche Nebenwirkungen des künftigen Präparats zu erhalten, doch am Rande wurde auch ein kleiner Test durchgeführt. Den Probanden wurden zehn bedeutungslose Wortsilben vorgelesen, fünf Minuten später sollten sie möglichst viele dieser Silben nennen. Junge Menschen erinnern sich bei einem solchen Test im Durchschnitt an etwas mehr als vier Silben. Die älteren Berliner Probanden erinnerten sich ohne CX516 im Durchschnitt an kaum mehr als eine Silbe; doch unter Einfluss von CX516 erhöhte sich diese Zahl auf drei.

Auch wenn noch offen ist, welche der neuen Substanzen letztlich Erfolg haben und welchen Nutzen wir daraus ziehen, so ist der Trend nicht zu übersehen. Viele kerngesunde Menschen schlucken bereits psychoaktive Medikamente, und mit der Entwicklung von immer gezielter wirkenden Substanzen mit immer weniger Nebenwirkungen wird diese Tendenz weiter steigen. Während in Deutschland das Thema noch weit gehend unbekannt ist, entbrennt in den USA bereits eine breite Debatte unter Wissenschaftlern, Bioethikern und Philosophen.

An erster Stelle steht natürlich die Frage nach den Nebenwirkungen und langfristigen Folgen. Kann es gut gehen, wenn man eine Gehirnchemie manipuliert, die nur in Ansätzen verstanden ist? "Das Gehirn ist ein komplexes System mit einer ganzen Reihe von selbstregulierenden Feedback-Schleifen. Wir verstehen nicht wirklich, welche Konsequenzen chemische oder genetische Veränderungen nach sich ziehen", warnt Laurence Kirmayer, Leiter der Abteilung für soziale und transkulturelle Psychiatrie an der McGill Universität in Montreal. "Über diese Feedback-Schleifen müssen wir noch viel lernen, doch sie sind äußerst schwer zu erforschen."

Andere sorgen sich darum, ob mit den immer wirksameren Neuropharmaka nicht auch ein Zwang entsteht, die eigene, unvollkommene Psyche den sich wandelnden gesellschaftlichen Normen anzupassen - neuerdings gesetzt durch die Möglichkeiten psychopharmakologischer Substanzen. Heute gelten ja bereits Kinder als therapiebedürftig, die man früher als Raufbolde und Nervensägen bezeichnet hätte.

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"In einer Gesellschaft, die intellektuelle Scharfsinnigkeit und Konzentration belohnt, wo Kinder leistungsorientiert erzogen werden und von einem frühen Alter an Selbstbeherrschung lernen - oft gegen ihre Triebe –, haben Stimulanzien eindeutig auch eine soziale Funktion", schreibt Carl Elliot in seinem gerade erschienenen Buch "Better Than Well: American Medicine Meets the American Dream". Manche Menschen seien vielleicht einfach nicht dafür gemacht, ihr Leben in diesem Tempo zu führen - Espresso vor dem Computerbildschirm, das Faxgerät summt, das Telefon am Ohr, E-Mails flitzen rein und raus, gegessen wird am Schreibtisch, und unablässig platzen Leute ins Büro hinein. "Wer sich um Ritalin Sorgen macht, macht sich um Grunde Gedanken über den Lebensrhythmus der modernen Gesellschaft, der sich in einem solchen Maße beschleunigt hat, dass diejenigen, die einem anderen Tempo folgen, auf der Strecke bleiben."

Die Rolle der Pharmaindustrie, die Wünsche nicht nur erfüllt, sondern auch erzeugt, wird ebenfalls mit Misstrauen gesehen. "Pharmakonzerne sind Maschinen, die gewaltigen Profit generieren und Politik und Wirtschaft beeinflussen. Ihre Investitionen in Werbung, ihre übertriebenen und tendenziösen Behauptungen hinsichtlich neuer Produkte, übersteigen bei weitem das Engagement innerhalb wissenschaftlicher Forschung oder humanitärer Intervention", warnt Laurence Kirmayer aus Montreal. "Wir sollten genau darauf achten, welche Interessen die Pharmakonzerne mit ihren Behauptungen verfolgen." Es gebe Beweise dafür, dass Forschungsergebnisse nur selektiv veröffentlicht werden, "von anderen Praktiken, welche die wissenschaftliche Landschaft verzerren, ganz abgesehen."

Ob mit Alkohol oder Nikotin, Koffein oder Schokolade - seit Jahrhunderten manipulieren Menschen ihr Gehirn mit allem, was ihnen je nach Bedarf zu mehr Konzentration oder Entspannung verhilft. Was aber, wenn es einmal Substanzen gibt, die ohne Nebenwirkungen allein den gewünschten Effekt erzielen? Woher rührt unser tiefes, unwillkürliches Unbehagen bei dem Gedanken an chemisch optimierte Gehirne? Ist es unsere Erziehung, die uns sagt, dass Glück und Erfolg hart erarbeitet werden müssen und andernfalls Betrug sind? Ist es die Sorge um unsere geistige Identität, die uns zusammenzucken lässt bei der Vorstellung, sie wäre bloß das unvollkommene Ergebnis eines chemischen Wechselspiels, das nach Belieben verändert werden kann?

Die meisten Menschen begreifen das eigene Ich intuitiv als etwas Substanzloses, das die materielle Welt wie ein Beobachter erlebt. Je mehr wir aber die biologische Grundlage geistiger Prozesse verstehen und manipulieren können, desto mehr wird diese Überzeugung auf beunruhigende Weise infrage gestellt. (sma)