"Wir mĂĽssen schneller sein"

Die Siemens-Tochter Infineon zählt heute zu den größten Chip-Herstellern der Welt - dabei wollte der Elektronikkonzern mit diesem Markt anfangs überhaupt nichts zu tun haben

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Von
  • Irene Heinen
Inhaltsverzeichnis

Technology Review: Sie beide waren schon in den 70er Jahren aktiv an der Entwicklung der Halbleiterindustrie in Deutschland beteiligt. Was waren damals die wesentlichen Impulse?

Haserer: Anfang der Siebziger entstand in der Regierung die Idee, man müsste in der Forschungsförderung etwas tun. Und natürlich bot sich die Halbleitertechnik besonders an, denn das war etwas Neues. Also haben sich einige Firmen wie Telefunken, BBC und Siemens zusammengetan und einmal dargestellt, was es überhaupt bedeutet, elektronische Bauelemente zu haben. Die waren schon damals der Schlüssel für viele Technologien und damit besonders wichtig. Das Ergebnis war 1974 erstmals ein Förderprogramm für elektronische Bauelemente. Im Rahmen diese Programms wurden diverse einzelne Projekte gefördert. Und jedes Projekt wurde von unabhängigen Professoren begutachtet und begleitet. Allerdings sind wir damals immer zwei bis drei Jahre hinter der Weltspitze hergelaufen.

Woran lag das?

Haserer: Wir hatten das Problem, auf Unterhaltungselektronik fokussiert zu sein. In Amerika wurde die Halbleitertechnik und -industrie klar militärisch getrieben. Das ging ja in Deutschland gar nicht. Was wir in Deutschland hatten, war Unterhaltungselektronik: Grundig, Blaupunkt, Telefunken, Philips.

Herr Ruge, Sie waren damals einer der Gutachter der geförderten Projekte…

Ruge: Ich war Sachverständiger seit 1969. Es gab viele Einzelprojekte, die wir zu begutachten hatten. Ich musste viele Kleckerprojekte bearbeiten und war mit Arbeit zugedeckt. Mir ging es auf den Geist, damit meine Wochenenden zu verbringen. Das klingt vielleicht egoistisch. Aber ich habe dann angefangen, laut zu sagen: "Hört mit diesem Käse auf, sechs bis sieben Professoren mit 150000-Mark-Projekten zu beschäftigen. Lasst uns ein Nationalprojekt machen." Als Fachmann war ich auch schon damals oft in Japan. Mich hat auch eine Furcht getrieben, dass Deutschland den Anschluss verpassen könnte. Etwas, das mich heute noch treibt.

Dann kam 1982 eine historische Reise nach Japan mit dem späteren Staatssekretär des BMBF Uwe Thomas - damals Unterabteilungsleiter im Ministerium in Bonn. Wir mussten auf unserer Reise feststellen, dass die Entwicklung des Vier-Megabit-Chips in Japan bereits auf Hochtouren lief. So wurde noch in Japan eine Strategie entwickelt, die vor allem auf die Industrie setzte. Es war klar, die Japaner waren im Wettlauf mit den Amerikanern. Unsere Idee war ein nationales Forschungsprojekt, das die dritte und sogar vierte Generation von Speicherbausteinen entwickeln sollte, also den Ein- und Vier-Megabit-Chip. Ich wurde beauftragt, Karlheinz Kaske, damals Vorstandsvorsitzender von Siemens, anzusprechen.

Wie hat er reagiert?