Wirklichkeit nach Maß
Kaum ein Winkel der Erde ist noch nicht erfasst, auf elektronischen Stadtplänen lassen sich relevante Informationen nach Bedarf einspielen. Aber die Darstellung ist weniger objektiv als sie scheint
- Nils Schiffhauer
Wenn doch die Mind Mapping genannte Visualisierung des Gedankengebäudes so einfach wäre wie die Landvermessung in der Natur. Dort wird die Länge einer Strecke zwischen zwei markanten Punkten hochpräzise bestimmt, um sie dann als Basis für die Triangulation eines Landstriches zu benutzen: Von weiteren Kirchtürmen und Bergen peilt man die Ausgangspunkte an und trägt die Winkel auf einer Karte ein, die bald ein Netz von Dreiecken überzieht. Mit Hilfe von Winkelfunktionen lassen sich die Längen der Dreiecksseiten berechnen, sodass ein Grundraster für eine Landkarte entsteht.
Diese Methode hatte zuerst 1533 der niederländische Mathematiker und Astronom Regnier Gemma Frisius vorgeschlagen. Er sollte später zum Lehrer Gerhard Mercators werden, dessen Projektion der runden Erde auf ein Blatt Papier wir unser Bild der Kontinente verdanken.
Die Triangulation war ein Fortschritt auf dem Weg, die Welt maßstabsgetreu abzubilden. Dennoch blieb die Arbeit der Landvermesser im Gelände mühsam. Carl Friedrich Gauß verwendete zwischen 1820 und 1845 einen Großteil seiner Zeit darauf, allein das Königreich Hannover zu vermessen, wobei er besonders im menschenleeren Flachland der Lüneburger Heide Mühe hatte, Bezugspunkte zu finden. Trotzdem erzielte er eine mittlere Genauigkeit von durchschnittlich 70 Zentimeter. Heute bietet sich nahezu jeder Winkel der Welt hochpräziser Ortsbestimmung via Satelliten dar. Aber nicht einmal höhere Genauigkeit beseitigt das Grundproblem von Karten, wie der englische Geograf Denis Wood sagt: "Sie reproduzieren nicht etwa die Welt, sondern sie konstruieren die Welt."
Dabei folgen die Menschen ihren Interessen, und der Bedarf an Orientierung nimmt zu. Die früheste erhaltene Karte fand sich in der türkischen Siedlung Çatal Hüyük, datiert auf etwa 6200 v. Chr. Sie zeigt, wie sich hinter dem Ort der Doppelgipfel des Vulkans Hasan Dag erhebt. Heute sind Geoinformationen vom Stadtplan auf dem GPS-Empfänger bis hin zur Darstellung von Arbeitslosigkeit, Bildung und Wahlverhalten auf einer Karte allgegenwärtig und erzielen allein in Europa einen Jahresumsatz von 65 Milliarden Euro - Tendenz stark steigend.
Das Konzept "Kartierung" erweist sich als derart effizient, dass es neben Landschaften auch Genome und - in den dtv-Atlanten - so durchgeistigte Gebiete wie Musik und Philosophie erschließt. Die Kontinente heißen hier Pop und Barock oder Rationalismus und Aufklärung, ihr "Geländeprofil" wird mit einigen Mitteln der Kartografie vermittelt. Auch darin zeigt sich, dass Kartografie eben nicht nur ein Abbild der Realität ist, sondern mehr noch ihre Interpretation und Teil eines Kommunikationsprozesses, in dem es um Macht sowie um Deutungshoheit geht. Oft sind ihre Produkte zudem von faszinierender Schönheit. Dürers Himmelskartierung von 1515 zeigt das All höchst belebt von Menschen und Tieren, und das Jerusalem inmitten der Ebstorfer Weltkarte ist um 1240 gezeichnet wie der Himmel auf Erden.
1989 begann der amerikanische Künstler Tom van Sant, die scheinbar objektive wolkenlose Satellitenansicht der Ökumene so nachzumalen, dass sie allen ästhetischen Ansprüchen entsprach und bis auf die Titelseite des National Geographic Atlas of the World gelangte. Die Arbeit dauerte beinahe ein Jahr, und fast hätte van Sant bei der konzentriert-zeitraubenden Tätigkeit, die verschiedenen, aus 35 Millionen Pixeln zusammengesetzten Vorlagen perfekt zu übertragen, sein Augenlicht verloren. Die österreichische Künstlerin Eva Wohlgemuth schließlich ließ ihren Körper 1997 konsequent mit 285000 Polygonen kartieren. Damit übersetzte sie Begriffe wie "Körperlandschaft" und "Eigenwelt" in die Welt der Geografie und machte den hohen Abstraktionsgrad der Kartografie augenfällig.
Zeigen die ältesten Karten die Landschaft wie ein abstrahiertes Bild dessen, was man auch in der Natur vor sich sieht - ähnlich wie heute bessere GPS-Receiver zielsicher auf Augenhöhe durch perspektivisch dargestellte Großstadtschluchten führen –, so setzte sich später bald die Vogelschau durch. Steigendes Interesse am Detail, Erforschung der Landschaft und die Technik der Darstellung gehen Hand in Hand. Das zeigt das Beispiel der Berge, die im Laufe der Zeit als Profil, schematisierte Maulwurfshügel, schraffiert, mit Höhenlinien oder schließlich in computergesteuerter Schummerung aus der Flugzeugperspektive dargestellt werden.