Zur höchsten Potenz
Etwa jeder fünfte Mann in Deutschland leidet unter Potenzproblemen. Für bessere Medikamente für diese Gruppe scheint zu gelten: Guter Sex entsteht im Kopf
- Olaf Schmidt
Die Erlösung von dem Leiden, das kein Mann kennen will, kam 1998 in Gestalt einer blauen Pille. Die Wirkung von Viagra war erstaunlich: Millionen Männer eilten zum Arzt, um sich von ihrer Lendenschwäche befreien zu lassen, und der US-Pharmakonzern Pfizer machte Milliardenumsätze mit dem Medikament. Doch nun hat das Erfolgsprodukt Viagra zwei Konkurrenten bekommen - und die Zahl der Mitbewerber wird weiter zunehmen, denn die "kleine Blaue" von Pfizer markiert nur den Anfang einer Entwicklung. Die zweite Wirkstoffgeneration ist seit einigen Monaten auf dem Markt, und neue Substanzen werden bereits in Labors getestet. Mancher Forscher denkt sogar laut über eine Gentherapie gegen die Erschlaffung nach.
Der Markt ist riesig. Denn Potenz ist nicht nur - aber auch - eine Frage des Alters. Da unsere Gesellschaft immer älter wird, zieht auch das Problem der erektilen Dysfunktion (ED) immer weitere Kreise. Unter den 40- bis 49-Jährigen ist fast jeder zehnte Mann impotent, bei den zehn Jahre älteren ist es jeder fünfte, und im Alter von 60 bis 69 Jahren trifft es jeden dritten. Diese Zahlen hat der Urologe und Androloge Frank Sommer im Jahr 2002 zusammen mit Kollegen von der Universität Köln erhoben. "Wir haben dazu 10000 Männer als repräsentativen Querschnitt im Großraum Köln angeschrieben. Hierzulande ist unsere Studie einzigartig", sagt Sommer.
Im Durchschnitt leidet demnach etwa jeder fünfte Mann unter Potenzproblemen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld. Während in Spanien (nach eigenen Angaben) nur zwölf Prozent Erektionsstörungen beklagen, haben in den USA mit 25 Prozent etwa doppelt so viele Männer keine Erektion. Den Zahlen nach müssten im Bundesgebiet etwa acht Millionen Männer um ein Rezept für ein Potenzmittel bitten. "90 Prozent trauen sich noch immer nicht, zum Arzt zu gehen", schätzt Frank Sommer.
Die Potenzmittel Levitra von Bayer (in Kooperation mit dem britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline) und Cialis von US-Hersteller Eli Lilly bieten nun neue Alternativen. Die Medikamente wirken im Prinzip über denselben Mechanismus wie Viagra, sie verhindern im Penis den vorzeitigen Abbau der Erektion und verstärken sie auf diese Weise. Ist ein gesunder Mann sexuell erregt, so entspannen sich Muskeln in seinen Schwellkörpern und kleinen Blutgefäßen. Blut strömt hinein, das Glied schwillt an. Die Ausdehnung presst nun die abführenden Blutbahnen zusammen. "Dadurch wird die zwanzig- bis hundertfache Blutmenge pro Zeiteinheit in den Penis gebracht", erklärt Frank Sommer von der Universität Köln, "das Organ richtet sich auf." Bei Männern mit Potenzproblemen kommt das Signal "kehrt marsch", das letztlich die abführenden Blutbahnen wieder öffnet, dagegen zu früh. In Folge spannen sich auch die Muskeln im Schwellkörper an und schränken die Blutzufuhr wieder ein, selbst wenn es zu gar keiner vollständigen Erektion kam.
Experten fassen Viagra, Levitra und Cialis als PDE-5- Hemmer zusammen, weil diese Wirkstoffe einen biologischen Katalysator in diesem Regelkreis blockieren, das Enzym Phosphodiesterase. Falls kein Gegenspieler vom Schlage der Potenzpillen die PDE-5 aufhält, zieht diese eine entscheidende erektionsfördernde Substanz - das zyklische Guanosin- Monophosphat (cGMP), eigentlich ein biologisches Allerweltsmolekül, das als so genannter Second Mmessenger auch an anderen Orten wirkt und hier dafür sorgt, dass sich die Muskeln entspannen - aus dem Verkehr, und die Muskelkontraktion beginnt. Für alle drei PDE-5-Hemmer gilt: Sie wirken nur, wenn der Mann bereits Lust auf Sex hat. Den Trieb auslösen können sie nicht, sie ermöglichen lediglich eine dauerhafte Erektion.