Immer der Nase nach

Es gibt viele interessante Momente, wenn man einen Duftforscher besucht.

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Von
  • Katrin Wilkens
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Foto: Peter Melbourne Mayr

Es gibt viele interessante Momente, wenn man einen Duftforscher besucht. Hält mein Deo? Findet er das Parfüm penetrant? Oder wünschte er sich gar, man hätte mehr aufgetragen? Der definitiv kompromittierendste Augenblick ist allerdings, wenn einen Professor Hanns Hatt in sein Labor führt und einem ein Reagenzglas unter die Nase hält. "Riechen Sie etwas?" Nichts. "Wirklich gar nichts? Das ist merkwürdig!" Man schnüffelt, riecht, wittert, was das Zeug hält, nichts.

"Das ist der Wirkstoff, der bei Schweinen die Duldungsstarre auslöst", sagt Hatt ruhig, und man muss sein Forschungsgebiet wirklich sehr gründlich durchdrungen haben, um sich nicht wie eine paarungsignorante Sau vorzukommen. "Also ich riech was", grinst der Fotograf, und Professor Hatt ist immer noch verwundert: "Den Geruch riecht eigentlich jeder!"

Nebenan, im sozusagen geruchsdiplomatisch neutralen Raum, erklärt Hatt seine Passion. Seit 25 Jahren beschäftigt er sich mit dem Phänomen Riechen. Und vielleicht muss man erst einmal etwas kulturphilosophisch werden, bevor es naturwissenschaftlich hergehen kann. "Das Riechen ist seit jeher der geheimnisvollste Sinn", erklärt Hatt, "nicht nur, weil er der älteste aller Sinne ist.

Die ersten Tiere fanden sich in der Dunkelheit der Urmeere nur über den Geruch. Sie nutzten das Wasser, das sie umspielende Medium, als Träger, um Informationen weiterzugeben. Geruch muss man nicht direkt ,riechen‘ können, damit er funktioniert." Emotionale Entscheidungen, soziale Sympathien, psychische Leistungsfähigkeit - alles wird über das Riechen gesteuert, und wüsste man erst mal, wie viel Anteile unseres Körpers außer der Nase tatsächlich riechen können, würde uns das vermutlich genauso verblüffen, als behaupte man: Nicht nur das Auge sieht. Im Moment forscht Hatt, ob und wie Haut riechen kann, das ist kein Scherz.

Alle vier Wochen erneuern sich die 30 Millionen Riechzellen in der Nase. Das ist in Geschwindigkeit und Ausschließlichkeit einzigartig. Mehr als zehntausend verschiedene Duftnoten kann der Mensch unterscheiden - Geschmacksnoten dagegen weniger als zehn. Ein Grund, warum Essen eigentlich "gut riecht", wenn es "gut schmeckt".

Alles, was duftet, gibt flüchtige Moleküle in die umgebende Luft ab. Diese Moleküle steigen beim Einatmen in die Nase, bis hinauf ins Riechepithel, wo sie von Proteinen im Nasenschleim zu den feinen Sinneshärchen der Riechzellen transportiert werden. In der Zellmembran dieser Sinneshärchen befinden sich Rezeptorproteine, die bei entsprechender Passung mit einem Duftmolekül wechselwirken. Nicht jeder Geruch wird von jedem Rezeptor entschlüsselt, es gilt das Prinzip Schlüssel - Schloss: Vanille wird von Vanillerezeptoren erkannt. Moschus von Moschusrezeptoren.