Billiger als aus China
Beinahe wäre Björn Magnussen wohl Angestellter bei Siemens geblieben, statt zum Unternehmer zu werden.
- Sascha Mattke
Beinahe wäre Björn Magnussen wohl Angestellter bei Siemens geblieben, statt zum Unternehmer zu werden. Als Sieger eines internen Businessplan-Wettbewerbs bekam er im Jahr 1999 die Möglichkeit, seine Geschäftsidee mit einem kleinen Team in einem konzerneigenen Inkubator weiterzuverfolgen. Sie wurde immer vielversprechender, und irgendwann ging es um die Frage, ob das Projekt wirklich getreu der Inkubator-Idee in die Konzernfreiheit entlassen wird. "Da gab es heftige Diskussionen”, erinnert sich Magnussen, letztlich habe erst "eine Entscheidung auf hoher Ebene” für Klarheit gesorgt: Magnussen und seine fünf Mitstreiter durften ihr eigenes Unternehmen gründen - die Elliptec Resonant Actuator AG, angesiedelt in einem wenig ansprechenden Gebäude in einem von Autohäusern und -werkstätten geprägten Stadtteil Dortmunds.
Und warum die ganze Aufregung? Was Elliptec entwickelt, produziert und zunehmend auch verkauft, sind winzige und äußerst leichte Elektromotoren auf der Basis von Piezo-Elementen. Dabei nutzt man die Tatsache, dass sich diese minimal ausdehnen, solange sie mit einer Spannung belegt werden - anschließend ziehen sie sich wieder zusammen. Um diese winzigen Bewegungen zu vergrößern, wird das wenige Millimeter große Piezo-Element bei Elliptec in einen Resonator gepresst. Dessen Spitze vollführt dann eine größere Bewegung etwa von der Form einer Ellipse: pro Zyklus einen Mikrometer nach vorn, etwas hoch, zurück, herunter.
Drückt die Spitze gegen ein Rad oder eine Schiene, wird ihre Vorwärtsbewegung darauf übertragen. Der anschließende Rückzug aber befördert das anzutreibende Element nicht wieder nach hinten, weil die Spitze ja wegen der elliptischen Bewegung in dieser Phase nicht darauf aufliegt - sie wird zwar von einer Feder angepresst, aber der Resonator ist so schnell, dass sie es nicht schafft, ihn vom Abheben abzuhalten.
Elliptec ist keineswegs das erste Unternehmen, das den Piezo-Effekt für den Bau von Motoren nutzt. Wo es auf Präzision ankommt, etwa in der Chip-Industrie, werden schon lange solche Antriebe eingesetzt - aber in einer völlig anderen Bauart und zu Stückpreisen von oft mehreren hundert Euro. Magnussens Konstruktion dagegen ist so angelegt, dass sie für den Massenmarkt taugt. "Wir haben uns von Anfang an auf low cost konzentriert”, sagt er, und dabei "viele, viele Hürden überwunden”.
Neuartig ist zum Beispiel die Tatsache, dass Elliptec das Piezo nicht klebt, sondern in den Träger presst - mit einem eigens dafür entwickelten, mittlerweile patentierten Verfahren. Zudem sorgt die spezielle Konstruktion dafür, dass der Motor in beide Richtungen laufen kann, obwohl nur ein Piezo-Element darin steckt; dazu muss nur die Frequenz der angelegten Spannung verändert werden. Auch gibt Magnussen sich mit nur einem Teil der theoretisch erreichbaren Präzision zufrieden, um so billigere Piezos einsetzen zu können. Und um im Hochlohnland Deutschland bleiben zu können, hat er die Produktion fast komplett automatisiert - mit selbst entworfenen Maschinen auf der Basis von Standardgeräten, denn "fertig kaufen kann man das, was wir brauchen, nicht”.
Das Ziel ist klar: "Wir wollen China schlagen.” Der weltweit größte Hersteller von konventionellen Mini-Elektromotoren, Mabuchi Motors aus Japan, produziert laut Magnussen jeden Tag sechs Millionen davon - mit der Hand zusammengesetzt in China und für etwa 30 Cent pro Stück erhältlich. Wer bei Elliptec 10000 Motoren bestellt, muss derzeit noch mit einem Stückpreis von drei Euro kalkulieren, allerdings soll er durch mehr Automatisierung und höheren Ausstoß bald auf etwa einen Euro sinken. Wenn man berücksichtigt, dass die normalen Motoren meist zusätzlich ein Getriebe und eine aufwendigere Steuerung brauchen, sagt Magnussen, "liegen wir von den Kosten her schon dicht dran” - und sobald Extrawünsche hinzukommen eher darunter.
Das Konzept kommt an. Man kann Magnussen ansehen, dass er auf die Frage nach Kunden am liebsten lossprudeln würde, aber er muss sich beherrschen: "Die Spielwarenindustrie ist relativ schnell bei der Umsetzung von neuen Technologien, aber eines ist auch klar: Wenn da etwas bekannt zu geben ist, dann machen die das selber.”
Bereits auf dem Markt ist eine Märklin-Lok, bei der ein Piezo-Motor den Stromabnehmer lebensecht gemächlich herauf- und herunterfahren lässt. Anwendungen sieht Magnussen auch in der Medizintechnik oder im Auto. "Da werden viele Sachen kommen”, sagt er. Wohl noch in diesem Jahr werde ein Gerät der Unterhaltungselektronik zu kaufen sein, in dem ebenfalls ein Elliptec-Antrieb steckt.
All das führt dazu, dass das Unternehmen Sorgen hat, um die man es beneiden könnte: "Wir konnten in der Vergangenheit nicht jeden Kunden bedienen und nicht jede Anfrage beantworten”, erzählt Magnussen. Doch das ändert sich gerade: In diesem Februar bekam Elliptec eine 8,5-Millionen-Euro-Finanzspritze von zwei Venture-Capital-Gesellschaften. Damit will Magnussen den Vertrieb ausbauen und erstmals aktiv versuchen, Kunden zu gewinnen. Die Zahl der Beschäftigten soll von derzeit 20 auf erst einmal 30 wachsen.
Dass er als Vorstandsvorsitzender eines expandierenden Unternehmens jetzt weniger Zeit zum Entwickeln hat, das ihn seit seiner Jugend fasziniert, stört Magnussen nicht besonders: "Ingenieure sind Problemlöser. Aber welche Art von Problemen das sind - technische oder kaufmännische - ist für mich fast sekundär.” (sma)