Ist die US-Golfküste ein Opfer der globalen Erwärmung?
Während die Flüchtlinge an der amerikanischen Golfküste in ihren Autos festsaßen, mit denen sie dem bereits zweiten katastrophalen Hurrikan in nur einem Monat
- Wade Roush
Während die Flüchtlinge an der amerikanischen Golfküste in ihren Autos festsaßen, mit denen sie dem bereits zweiten katastrophalen Hurrikan in nur einem Monat davonfahren wollten, hatten sie jede Menge Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wer schuld an diesen gigantischen Unwettern sein könnte. Viele hielten die Größe und Gewalt der Wirbelstürme "Katrina" und "Rita" für ein direktes Resultat der globalen Erwärmung.
Der Klimaforscher Kerry Emanuel vom MIT sieht das allerdings anders: Es wäre falsch, meint er, die Zerstörungskraft eines einzelnen Hurrikans mit der längerfristigen Klimaverschiebung zu erklären. Alle bislang verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Sturmschäden in Texas, Louisiana, Mississippi und Alabama sprächen eher für einen Zufall.
Der Grund: Es gibt schlicht und ergreifend zu wenige Beispiele für katastrophale Wirbelstürme an der US-Küste, um einen statistischen Trend auszumachen, sagt Emanuel. "Es wäre dementsprechend absurd, das Katrina-Desaster direkt mit der globalen Erwärmung in Verbindung zu bringen", schrieb er in diesem Monat auf seiner Website.
Der Professor am Institut für Erd-, Atmosphären- und Planetenwissenschaften des MIT glaubt allerdings auch, dass es beängstigende Anzeichen einer Verbindung zwischen der globalen Erwärmung und der Intensität von Wirbelstürmen gibt - herauszulesen aus den meteorologischen Aufzeichnungen der letzten Jahre.
Die durchschnittliche Stärke tropischer Wirbelstürme (also Hurrikane, Taifune und Zyklone) hat sich in den letzten Jahrzehnten zumindest im Nordatlantik und Nordpazifik stark erhöht. Die Zunahme an Intensität wird zudem mit Veränderungen in der Oberflächentemperatur der Meere in Verbindung gebracht, über denen tropische Wirbelstürme entstehen. Mit anderen Worten: Je stärker die Wassertemperatur steigt, desto größer und beschleunigter ist die Energie der Stürme,.
Die Meerestemperatur stieg in letzter Zeit deutlicher, als sie sank. Emanuels Untersuchung der Stürme über dem Nordatlantik und Nordpazifik in den letzten 50 Jahren zeigt außerdem einen deutlichen Anstieg der Intensität tropischer Wirbelstürme: "Das hat drastische Auswirkungen. Die Stürme sind in den letzten 30 Jahren 50 bis 80 Prozent stärker geworden."
Emanuel publizierte seine Erkenntnisse im Wissenschaftsblatt "Nature" (Ausgabe vom 4. August). Sie werden seither heiß debattiert. Politiker und Experten nutzten sie als eine Art Beweis, dass die globale Erwärmung beginnt, tatsächlich erste Auswirkungen zu haben. Einige von Emanuels Kollegen aus der Wissenschaft sind skeptischer. Trotz ähnlicher Erkenntnisse, die eine Gruppe von Forschern von der Georgia Tech-Universität und dem amerikanischen National Center for Atmospheric Research in "Science" (Ausgabe vom 16. September) publizierten, halten zumindest vereinzelte Klimaforscher Emanuels Ergebnisse für fragwürdig. So sei beispielsweise die Identitätszunahme bei den tropischen Wirbelstürmen überraschend. Diese tauchten in bisherigen Klimatheorien und Computermodellen nicht auf.
Ironischerweise wollten Emanuel und seine Forschergruppe am MIT jedoch gar keine Debatte lostreten, als sie damit begannen, die Sturmdaten der nördlichen Hemisphäre zu analysieren. Sie nutzten die unter Meteorologen vielfach verwendete Datenbank des Hadley Center für Klimavorhersage und Klimaforschung in Großbritannien. Emanuel wollte ursprünglich herausfinden, wie die oberen Schichten des Ozeans Wärme von den niederen Erdbreitengraden zu den höheren Erdbreitengraden transportieren.
"Das Meer transportiert zwischen einem Viertel und einem Drittel der Wärme zwischen niederen und höheren Breitengraden, die Atmosphäre trägt den Rest. Der Ablauf im Meer ist dabei aber ein ganz anderer als in der Atmosphäre. Wir wissen seit Jahren, dass es zu einer Vermischung der oberen Ozeanschichten kommt. Wir kennen aber den Auslöser noch nicht", sagt er.
Emanuel testete daher die Theorie, ob die tropischen Wirbelstürme verantwortlich sein könnten. "Sollte das stimmen, würde die Varianz bei den Wirbelstürmen mit der Varianz der Oberflächentemperatur des Meeres zusammenhängen." Er entschied sich also dafür, die Stärke der Tropenzyklonen zu messen, nicht aber ihre Frequenz.