Kommentar: Trostpreis aus Oslo
Der Friedensnobelpreis für die Internationale Atomenergie-Behörde IAEA und ihren Generaldirektor Mohammed el-Baradei kaschiert nur, wie paradox der Auftrag dieser Behörde eigentlich ist.
- Tobias HĂĽrter
Wenige Tage bevor bekannt wurde, dass die Internationale Atomenergie-Behörde IAEA und ihr Generaldirektor Mohammed el-Baradei den Friedensnobelpreis bekommen, erschien das ehrwürdige amerikanische Monatsmagazin Atlantic mit der Titelzeile "Der Zorn des Khan". Hätten die Mitglieder des norwegischen Preiskomitees das Blatt rechtzeitig zu lesen bekommen, dann wären sie vielleicht nochmals ins Grübeln geraten.
Denn die Titelgeschichte rekonstruiert detailgenau den Aufstieg und Fall von Abdul Qadir Khan, genannt AQ, dem Kopf des pakistanischen Atombombenprogramms. Und sie zeigt exemplarisch die Aussichtslosigkeit der IAEA-Mission "die Nutzung der Atomenergie für militärische Zwecke zu verhindern, und sicherzustellen, dass die Atomenergie für friedliche Zwecke so sicher wie möglich genutzt wird". Was das Nobelpreis-Komitee in seiner Begründung für die Preisverleihung an el-Baradei und seine Organisation so hübsch formuliert hat, widerspricht sich. Der Fall Khan zeigt: Der Unterschied zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Kernenergie ist hauptsächlich eine Frage der Absicht, viel weniger der Technik. Wer die eine fördert, läuft Gefahr, ungewollt auch die andere zu fördern.
Khan kam 1961 zum Studieren an die Technische Universität Berlin, zog dann in die Niederlande, wo er in Metallurgie promovierte. Er landete schließlich bei einem Beratungsunternehmen namens FDO, das für das von den Regierungen Großbritanniens, Deutschlands und der Niederlande gegründete Konsortium Urenco so genannte Ultrazentrifugen entwickelte. Mit diesen Geräten kann man in natürlichem Uran das spaltbare Isotop U-235 so weit anreichern, dass es als Reaktorbrennstoff taugt. Und man kann die Anreicherung fortsetzen, bis waffenfähiges Material entsteht. Auch die Zentrifugen, die heute bei Urenco Deutschland in Gronau in Betrieb sind, könnten ohne weiteres Bombenrohstoff liefern.
Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Khan es darauf angelegt hatte, seiner Heimat zur Bombe zu verhelfen. Als jedoch Anfang der 1970er Jahre Indien seinen bürgerkriegsgeschwächten Nachbarn militärisch demütigte, meldete sich Khan freiwillig zum Dienst als Atomspion. 1975 brachte er Pakistan binnen weniger Monate auf westlichen Wissensstand in Sachen Urananreicherung.
Damals war man in Pakistan schon seit vier Jahren dabei, Atombomben zu entwickeln. Projektleiter Munir Ahmed Khan (keine Verwandtschaft), zuvor in Diensten der IAEA, wollte spaltbares Plutonium in einem Reaktor kanadischer Herkunft abzweigen. Die IAEA beaufsichtigte den Brennstoff des Reaktors, aber Munir Ahmed Khan wusste offenbar, wie die Behörde zu überlisten war. Erst als die misstrauischen Kanadier die Unterstützung beim Betrieb des Reaktors entzogen, geriet das Bombenprogramm in Schwierigkeiten. AQ Khans Zentrifugen retteten es, denn Uran konnte Pakistan aus eigenen Minen fördern. Am 28. Mai 1998 zündeten AQ Khan und Kollegen fünf Atomsprengköpfe.