Hellwegs Gesetz: Handy schlägt iPod

TR-Kolumnist Eric Hellweg glaubt nach wie vor fest daran, dass Musik-Handys Apples populärem MP3-Spieler iPod in Zukunft deutliche Marktanteile abnehmen werden. Auch wenn das ROKR-Handy zunächst eine Enttäuschung ist.

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Von
  • Eric Hellweg

Ich glaube nach wie vor fest daran, dass Musik-Handys dem populären MP3-Spieler iPod in Zukunft deutliche Marktanteile abnehmen werden. Ich habe da auch eine eigene Regel aufgestellt, die ich ganz bescheiden "Hellwegs Gesetz" nenne: Das Gerät, das für das wenigste Chaos in meiner Hosentasche sorgt, gewinnt.

Oder, noch einfacher gesagt: Warum sollte man zwei Geräte mit sich herumtragen (einen iPod und ein Handy), wenn ein Gerät beide Funktionen problemlos in sich vereinen kann? Dieser Meinung bin ich nach wie vor, doch das Handy, das meine Argumentation eigentlich untermauern sollte, enttäuscht. Die Rede ist von Motorolas iTunes-Handy ROKR, entstanden in Zusammenarbeit mit dem iPod-Hersteller Apple.

Mit meiner Enttäuschung bin ich nicht allein. Offenbar geht es zahlreichen ROKR-Käufern genauso: Sie sind unzufrieden mit dem Gerät. Laut Albert Lin, Analyst bei American Technology Research, geben die Leute das ROKR ungefähr sechsmal häufiger zurück als andere Handys. Lin sprach für seine Studie mit Händlern, Distributoren und Call-Centern.

Motorola-Sprecherin Monica Rohleder bleibt allerdings dabei: "Das Gerät kommt auf dem Markt gut an. Es verkauft sich so gut wie oder sogar besser als andere neue Motorola-Handys." Laut dem Geschäftsbericht des Geräteherstellers wurden in den ersten drei Wochen nach der Einführung des ROKR am 7. September gut 250.000 Einheiten verkauft, was knapp 83.000 Handys pro Woche entspricht. Das ist im Vergleich zum enorm populären Motorola-Handy RAZR (gleiche Produktlinie wie das ROKR, jedoch ohne Musikfunktion) eher wenig: Selbiges wurde 500.000-mal pro Woche abgesetzt.

Sogar Motorola-Boss Ed Zander räumt Probleme beim ROKR-Verkaufsstart ein -- besonders beim Marketing. "Anfangs stotterte die Marketingmaschine noch etwas", sagte er bei der Bekanntgabe der jüngsten Quartalszahlen, "die Leute dachten, das Handy wäre ein iPod, aber das ist es nicht. Diese Botschaft kam womöglich nicht an."

Die Probleme beim ROKR liegen aber tiefer. Apple wollte die Verkäufe seiner hochprofitablen iPod-Modellreihe nicht gefährden, was zu einer Übereinkunft mit Motorola führte, die Songkapazität des ROKR auf nur 100 Titel einzugschränken. Ein iPod speichert dagegen im Schnitt mindestens 1000 Songs. Selbst wenn ein ROKR-Besitzer eine größere Speicherkarte in das Gerät steckt -- es bleibt beim 100 Titel-Limit. Das ist ein ziemlich großes Handicap.

Der Deal mit Apple hat für Motorola also nicht funktioniert: Man konnte beim Launch des ROKR zwar von Apples Coolness-Faktor profitieren, doch die brave Anpassung an das Geschäftsmodell des iPod-Herstellers hat die Firma inzwischen viele potenzielle Kunden gekostet. (Als ich Apple zur iTunes-Komponente im ROKR befragen wollte, schickte mich die Sprecherin zu Motorola zurück: "Das Telefon ist deren Angelegenheit.")

Trotz der mittelmäßigen Reaktion auf das ROKR-Handy bleibe ich in Sachen Musik-Handys optimistisch. Damit das Konzept funktioniert, müssen die Handy-Hersteller allerdings erst einmal auf die Kundenbedürfnisse eingehen -- und dazu gehört, dass die Geräte schlicht eine Menge Musik speichern können müssen.

Motorola selbst hat das übrigens bereits erkannt: Für den 6. Januar plant der Hersteller einen deutlich kundenfreundlicheren Musik-Dienst namens "iRadio". Die Größe der Musikbibliothek passender Handys soll dabei nur von der Größe des Speichers abhängen. Außerdem sollen die Kunden die Möglichkeit erhalten, sich spezielle Radio-Programme herunterzuladen (beispielsweise Hits der Achtziger). Die Handys sollen sich außerdem mit AutohiFi-Anlagen synchronisieren lassen.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Kunden die Radio-Funktion annehmen werden - dazu gibt es noch keine Erfahrungen. Doch die unbeschränkte Speichergröße dürfte das Musik-Handy-Konzept deutlich voranbringen.

Von Eric Hellweg; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)