Handy statt 100-Dollar-Laptop?
Handys mit Tastaturanschluss könnten eine interessante Alternative zum 100-Dollar-Laptop-Projekt für die Entwicklungsländer darstellen. Allerdings rechnen sie sich (noch) nicht.
- Eric Hellweg
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Ende Januar haben sich die Teilnehmer unter anderem darum gestritten, mit welcher Technologie man die digitale Kluft zur Dritten Welt am besten überbrücken könnte. Auf der einen Seite: Das in den Medien vielfach publizierte 100-Dollar-Laptop-Projekt ("One Laptop per Child") des MIT Media Lab-Gründers Nicholas Negroponte. Auf der anderen: Ein Handy mit PC-Funktionen, eine Idee, die vor allem von Microsoft vorangetrieben wird.
Das 100-Dollar-Laptop-Projekt, vor einem Jahr in Davos erstmals vorgestellt, versucht, bis zu sieben Millionen Rechner an Kinder und Jugendliche in den ärmeren Ländern zu verteilen. Die Geräte basieren auf freier Open-Source-Software und besitzen Mesh-Networking-Technologien für den Internet-Zugang sowie eine Kurbel für die Stromversorgung. Die Verteilung der Rechner soll im Herbst 2006 beginnen.
Microsoft hat auf der anderen Seite noch kein fertiges Konkurrenzprodukt in der Pipeline. Firmengründer Bill Gates ließ allerdings auf der wichtigen CES-Messe in Las Vegas ein – noch nicht funktionstüchtiges – Demogerät vorführen: ein Handy mit Anschlüssen für Tastatur und externem Bildschirm (in diesem Fall ein einfacher Fernseher).
Microsofts Technikchef Craig Mundie sagte beim diesjährigen Treffen in Davos, dass Bill Gates und er das Handy für den besten Weg hielten, die ärmeren Länder in das digitale Zeitalter zu holen. "Jeder wird ein Handy haben", so Mundie gegenüber der New York Times, "wir machen uns ernsthafte Sorgen darüber, ob der Laptop-Ansatz dagegen wirklich nachhaltig wäre".
Kaum jemand bezweifelt, dass Negroponte mit seinem Projekt den Mund recht voll nimmt. Doch bei jedem Projekt dieser Größe (und Vision) finden sich schnell Menschen, die hinterfragen und kritisieren. So auch bei der 100-Dollar-Laptop-Idee, die seit ihrer Bekanntgabe weitläufig zerpflückt wurde: Da wurde hinterfragt, ob das Projekt überhaupt umsetzbar ist, ob die Regierungen der Dritten Welt die Rechner vernünftig verteilen könnten und ob es ein Diebstahl-Problem gibt. Und einen Beigeschmack hat das Projekt auch - ist es nur Zuckergebäck für den armen Süden?
Shiv Bakhshi vom IT-Marktforscher IDC meint, dass den Entwicklungsländern der kulturelle Zugang für die Annahme von Laptops fehle. Handys und Fernseher seien in diesen Gesellschaften hingegen bereits verankert.
Derweil tun sich noch ganz andere Fragen auf: Dem 100-Dollar-Laptop-Projekt fehlt nämlich beispielsweise bislang ein Service- und Support-Netz. Was passiert, wenn ein Laptop den Geist aufgibt? Wie wird er repariert? Bei Handys würden hingegen entsprechende Supportprogramme von Netzbetreibern und Geräteherstellern greifen.
Ein weiteres Argument für das Handy: Die Geräte boomen – besonders in der Dritten Welt. 2009 sollen eine Milliarde Einheiten verkauft werden, wie die Gartner Group vorhersagt. Unterdessen reduzieren sich die Gerätekosten deutlich – in den letzten 18 Monaten sanken sie im Durchschnitt von 35 Dollar pro Einheit auf 20 Dollar, wie der deutsche Chip-Zulieferer Infineon ausgerechnet hat.
Warum ist das 100-Dollar-Laptop-Projekt also so populär, insbesondere in den Medien? Einerseits spricht die Wirtschaftlichkeit für den Laptop. Handys, die mit einer ähnlichen Leistungsfähigkeit wie ein PC daherkommen, sind immer noch High-End-Produkte. Wichtiger noch: Laptops eignen sich besser als Lerngeräte für Jugendliche.
"Handys machen von einem bestimmten Standpunkt aus Sinn", meint John Perry Barlow von der NetzbĂĽrgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF). Sie seien sehr gut zur Kommunikation, also Telefonate und bestimmte Formen von E-Mail, geeignet. "Aber wenn man den Cyberspace auf vernĂĽnftige Weise erleben will, kann man das mit einem Handy nicht machen."
Der emeritierte MIT-Professor Seymour Papert ist am 100-Dollar-Laptop-Projekt beteiligt und entwickelt Lernmaterial-Initiativen für die Maschine. Er hält die Handy-Idee für verfehlt: "Wenn man Technologie als reines Mittel zum Informationszugriff begreift und Bildung für nichts anderes als den Zugriff auf Informationen hält, könnte man sich für ein Handy einsetzen. Aber Bildung ist nicht nur der reine Zugriff auf Informationen. Es geht darum, Dinge zu tun und zu gestalten. Man kann auf Handys nicht programmieren."
Kinder, die sich mit dem Laptop näher beschäftigten, würden außerdem lernen, dass sie viel mehr damit anfangen könnten, meint Papert. Und das selbst, wenn das Gerät nicht am Internet hänge: "Ein Computer ohne Netzwerkanschluss ist wertvoller als ein Handy, das im Netz eingebucht ist."
Raul Zambrano, Regierungsberater beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), das in Davos eine Partnerschaft mit dem 100-Dollar-Laptop-Projekt bekannt gegeben hat, hält die Debatte an sich für fehlgeleitet. Es gehe nicht um das Gerät selbst: "Wichtig ist, was es kostet, sich mit dem Netzwerk zu verbinden." In Afrika müssen Handy-Nutzer wie in Europa nichts bezahlen, wenn sie angerufen werden (in Amerika hingegen schon). Für den Handy-Internet-Zugang würden hingegen Gebühren fällig. Das sei eine große Herausforderung.
Zambrano und das UNDP haben nichts dagegen, dass große Player wie Microsoft an dem Projekt teilnehmen wollen, solange ihr Hauptziel sei, Bildung in die Dritte Welt zu tragen. So fände Zambrano etwa ein von Microsoft geführtes Tablet-PC-Programm interessant, weil sich dort der Bildschirm besser ablesen lasse als bei einem Handy. "Doch die Geräte sind bislang noch zu teuer", meint er.
Egal, welches Gerät sich schließlich in den Entwicklungsländern als das richtige für den Zugang zu Informationen und Bildung erweist: Die ganze Welt wird davon profitieren, wenn der Geist von Millionen stimuliert wird. EFF-Mann-Barlow betont, dass das menschliche Gehirn in Afrika ein genauso wunderbarer Apparat wie überall sonst sei: "Das Problem ist nur, dass es noch nicht an das Netz angeschlossen ist."
Von Eric Hellweg; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)