Neues Leben für tote Herzen

Weil es zu wenige Spenderherzen gibt, päppeln Ärzte auch die Pumporgane bisher ungeeigneter Spender mit einer Maschine wieder auf.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler
  • Antonio Regalado

Weil es zu wenige Spenderherzen gibt, päppeln Ärzte auch die Pumporgane bisher ungeeigneter Spender mit einer Maschine wieder auf.

Im März bekam Huseyin Ulucan nach sieben Jahren Warten endlich ein neues Herz. Sein eigenes war durch einen Herzinfarkt stark geschädigt. "Vor der Operation konnte ich kaum laufen und kam schnell außer Puste. Ich hatte keine gute Lebensqualität mehr", sagt er. Er hätte womöglich noch viel länger warten müssen, hätten sich Mediziner am Papworth Hospital in Großbritannien nicht zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Sie transplantierten ihm als erstem europäischen Patienten das Herz eines kurz zuvor an Herzstillstand gestorbenen Spenders, das ein Spezialgerät frisch hielt. In Deutschland sind solche Spenden von sogenannten "non-beating heart donors" nicht erlaubt. Erst nach dem Hirntot ist eine Organentnahme legal.

Pumporgane von Patienten, die an Herz- oder Kreislaufversagen gestorben sind, galten bisher unter Chirurgen als zu beschädigt für eine Transplantation. Denn wenn ein Herz zu schlagen aufhört, fehlt es ihm an Sauerstoff, und seine Muskelzellen beginnen abzusterben. Ohne Gegenmaßnahmen und bei Raumtemperatur schreitet dieser Verfall schnell voran. Normalerweise werden daher nur die Herzen von hirntoten Spendern verpflanzt, deren Körper bei der Entnahme noch am Leben ist. Doch es gibt nicht genug Spender, sagt der Chirurg Stephen Large vom Papworth Hospital. Huseyin Ulucan hatte Glück: "Ich fühle mich täglich stärker. Heute Morgen bin ich ohne Probleme ins Krankenhaus gelaufen", erzählte er kurz nach dem Eingriff der britischen Zeitung "The Telegraph".

Larges Team benutzte ein sogenanntes "Organ Care System" (OCS) des US-Unternehmens Transmedics, um das für Ulucan gedachte Spenderherz bis zur Transplantation zu versorgen. In der mobilen Maschine lassen sich Herzen und Lungen außerhalb des Körpers funktionsfähig halten – und zwar mit zwölf Stunden dreimal länger als mit der üblichen Kühlung bei vier Grad.

Die OCS, die in Europa und Australien kommerziell erhältlich sind und in den USA auf die Zulassung warten, haben noch einen zweiten Vorteil: Sie können auch geschwächte Organe wieder aufpäppeln, die sonst nicht kräftig genug für eine Transplantation wären. In der 250.000 Dollar teuren Maschine wird das Spenderherz in einer sterilen Kammer über Schläuche mit körperwarmem Blut, also mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt.

Durch "non-beating"-Spender könnte die Zahl der verwendbaren Herzen laut Large um bis zu 30 Prozent steigen. Es ließen sich also mehr Menschen retten, die sonst an Herzversagen sterben würden. In Großbritannien wurde das System seit Huseyin Ulucan in zehn weiteren Fällen eingesetzt. Sechs weitere Operationen fanden in Australien statt.

Neben Transmedics arbeiten auch andere Unternehmen an Organ-Versorgungsmaschinen: etwa Organ Assist in den Niederlanden, OrganOx in Großbritannien sowie Organ Solutions in den USA. Organ Solutions' Maschine soll Lebern von verstorbenen Spendern versorgen. Geschäftsführer Korkut Uygun hofft, dass mit seinem Gerät sogar Lebern reanimiert werden können, die bis zu eine Stunde nach dem Tod eines Patienten durch Herzstillstand entnommen wurden. "Die Zahl der verfügbaren Organe wäre riesig", sagt er.

Eine Maßnahme von Larges Team dürfte jedoch befremdlich wirken: In einigen Fällen haben die Mediziner das Herz noch im Körper der verstorbenen Patienten neu gestartet. Diese waren Opfer von Autounfällen oder eines Selbstmordversuchs. Sie hatten schwere Hirnschäden erlitten, waren aber nicht hirntot. Solche Patienten müssen meist künstlich beatmet werden und einige sterben kurze Zeit, nachdem ihre Familien sich für das Abschalten der Lebenserhaltungssysteme entschieden haben.

Nach dem Kreislaufzusammenbruch und dem darauf folgenden Herzstillstand wartet Larges Team fünf Minuten. Anschließend bringt es das Herz zum Schlagen, indem es den Spender an eine künstliche Lunge anschließt: Das Gerät versorgt das Blut mit Sauerstoff und entzieht ihm das Kohlendioxid. Das Hirn koppeln sie von der Blutversorgung ab. Es kann sonst anschwellen. Dadurch steigt der Blutdruck massiv, was zum Versagen weiterer Organe führen kann.

Der Vorteil der ungewöhnlichen Prozedur: Wenn das Herz aktiv ist, lässt sich sein Zustand Large zufolge exakter überprüfen. Zudem werden Nieren und Leber weiter mit Blut versorgt, sodass auch diese als Spender-Organe zur Verfügung stehen. Nachdem die Herzen im Körper der Spender wieder schlugen, wurden sie entnommen und jeweils an das Transmedics-Gerät angeschlossen. Alle acht britischen Herzverpflanzungen waren erfolgreich.

Medizinethiker treibt allerdings die Frage um: Wenn sich ein Herz noch im Körper des Spenders wiederbeleben lässt, kann dieser dann wirklich als tot gelten? "Tot sind sie erst dann, wenn der Herzstillstand unwiderruflich ist", sagt Ralf Stoecker, Professor für Praktische Philosophie an der Universität Bielefeld. "Wenn das Herz aber neu gestartet wird, wie kann man daran festhalten, dass der Patient tot war – auch wenn ihn niemand wiederbeleben wollte?"

Der Medizinethiker Robert Truog von der Harvard University sieht es etwas anders. "Meine Meinung ist, dass diese Spender zwar nicht tot sind", sagt der. "Aber das spielt keine Rolle" – sofern sie und ihre Familien vorher ihre Einwilligung für eine Spende gegeben haben. "Die Frage ist, ob ihnen Schaden zugefügt wird. Ich würde sagen, das ist nicht der Fall." (vsz)