Wie das "weibliche Viagra" entdeckt wurde
Sprout Pharmaceuticals hat aus einem Medikament, das eigentlich zur Bekämpfung von Depressionen dienen sollte, einen Wirkstoff zur Steigerung der sexuellen Lust bei Frauen gemacht.
- Faye Flam
Sprout Pharmaceuticals hat aus einem Medikament, das eigentlich zur Bekämpfung von Depressionen dienen sollte, einen Wirkstoff zur Steigerung der sexuellen Lust bei Frauen gemacht.
Auch wenn die kürzlich neu zugelassene "rosa Pille" gerne als das "weibliche Viagra" bezeichnet wird – ihre Aufgabe ist wesentlich komplexer als die des bekannten Potenzmittels. So soll sie nicht die sexuelle Leistungsfähigkeit steigern, sondern Frauen, die sie nehmen, mehr Verlangen auf Sex bereiten. Das ist einer der Gründe dafür, dass das neue Medikament namens Flibanserin auch in den klinischen Studien nur einer vergleichsweise geringen Anzahl von Patientinnen wirklich half. Nichtsdestotrotz sind Forscher optimistisch, dass ähnliche Wirkstoffe, die das sexuelle Verlangen des weiblichen Geschlechts steigern können, folgen werden.
Die "rosa Pille", entwickelt von Sprout Pharmaceuticals, nahm einen verschlungenen Weg auf den Markt. Ursprünglich war Flibanserin als Mittel gegen Depressionen getestet worden. Der Hersteller hoffte, das Medikament könne ähnlich arbeiten wie Prozac und andere selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Doch diese SSRIs steigern die Versorgung des Gehirns mit dem Neurotransmitter Serotonin, während Flibanserin den Serotoninspiegel dämpft. Und die Serotoninreduktion führte wiederum zu einer Zunahme von Dopamin – was zu einer Motivations- und Antriebssteigerung führen kann, weil sich beide Stoffe gegeneinander ausgleichen.
Forscher vermuteten schon früher, dass ein erhöhter Dopaminspiegel zu gesteigertem sexuellen Verlangen führen kann. Bei der Untersuchung eines Arzneistoffs namens Bremelanotid, der ursprünglich als Bräunungsmittel entwickelt worden war, ergaben sich Anhaltspunkte dafür. Unter dem Namen Melanotan sollte Bremelanotid die Pigment-produzierenden Zellen im Körper (Melanozyten) anregen, ohne dass es wie bei Bräunen in der Natur potenziell zu Hautkrebs kommt. In den klinischen Untersuchungen gaben einige Probanden an, dass sie zwar keine braunere Haut erhielten, sich jedoch teilweise sexuell erregt fühlten, wie James Pfaus, Neuroendokrinologe an der Concordia University in Kanada, sagt.
Pfaus war einer der Forscher, der den überraschenden (und potenziell lukrativen) Nebeneffekt von Melanotan testen sollte. Er fand heraus, dass Bremelanotid bei weiblichen Ratten die Frequenz dramatisch erhöhte, mit der sie sich männlichen Partnern zu Verfügung stellten. Unter Einfluss des Medikaments erfolgte dies bis zu 40 Mal in 30 Minuten – und zwar selbst dann, wenn die natürliche Libido der Nager über eine Hormonreduktion verringert worden war.
Bei Flibanserin wurden die weiblichen Ratten ebenfalls sexuell aktiver – und es stellte sich ein normales geschlechtliches Verhalten bei solchen Tieren ein, die sich aufgrund einer Hormonreduktion normalerweise gar nicht mehr paaren wollten.
Bei Menschen zeigte Flibanserin aber nur bei 9 bis 14 Prozent von Frauen, die unter einem verringerten Lustempfinden litten, einen Effekt. Der medizinische Fachausdruck des Leidens ist "hypoaktive Sexualfunktionsstörung". Das Medikament erhöhte die Frequenz befriedigender sexueller Begegnungen – allerdings nicht deutlich mehr als ein Placebostoff.
Ein Grund für diesen Unterschied ist die Tatsache, dass Ratten natürlich keine kulturell bedingten Hemmungen kennen, wie das beim Menschen der Fall ist, sagt Pfaus. "Wenn eine weibliche Ratte Sex haben will, holt sie sich diesen. Wenn Männchen 1 nicht bereit ist, geht sie eben zu Männchen 2."
Und der gesamte Prozess des sexuellen Verlangens beim Menschen ist insgesamt deutlich komplexer als eine einfache Erektionsstörung. "Fehlt sexuelles Verlangen, ist das wie ein Computerproblem. Bei Potenzproblemen muss man zum Klempner", sagt Pfaus.
Untersucht wird dieses Thema seit den 80er Jahren erstmals intensiver, wie Kim Wallen, Neurowissenschaftler an der Emory University, sagt. Damals erkannte man, dass Frauen, deren Eierstöcke entfernt worden waren, zwar im Durchschnitt genauso viel Sex hatten wie zuvor, ihr Verlangen aber zurückging. Wallen glaubt, dass es künftig eine ganze Reihe von Wirkstoffen geben wird, mit denen Betroffene experimentieren können – auch wenn es unterschiedliche Gründe für ein reduziertes sexuelles Verlangen gibt. "Sobald die ersten Medikamente verfügbar sind, öffnet das die Tür für eine wahre Invasion weiterer Wirkstoffe."
Bremelanotid, das stärker wirkt als die "rosa Pille", wäre eine Möglichkeit – obwohl es bislang weder als Bräunungsmittel noch als Sexwirkstoff zugelassen ist. Der Pfad zur Zulassung hatte sich verlangsamt, nachdem eine frühere Wirkstoffkombination, die als Nasenspray verabreicht wurde, potenziell tödliche Blutdruckerhöhungen bei einigen männlichen Probanden auslöste. Zu diesem Zeitpunkt wurde Bremelanotid allerdings noch als Viagra-artiger Wirkstoff für Männer getestet – weil einige Probanden bei ersten Untersuchungen spontane Erektionen erlebten. Nun konzentrieren sich die Forschungen auf Frauen. (bsc)