100 Tage ESA-Chef: Jan Wörner will Faszination in Raumfahrt erhalten
Als Chef der europäischen Raumfahrtagentur ESA muss Jan Wörner nicht nur die Interessen aller 22 Mitgliedsstaaten berücksichtigen. Der Deutsche kämpft auch darum, dass Europa von den Raumfahrtnationen USA und Russland ernst genommen wird.
(Bild: ESA–P. Sebirot, 2014)
Erstmals seit einem Vierteljahrhundert leitet wieder ein Deutscher die europäische Raumfahrtagentur ESA. An diesem Donnerstag ist Jan Wörner 100 Tage im Amt. Die Frage der Nationalität sei aber nicht das Wichtigste. "Wir sind eine global agierende Gemeinde", sagt der langjährige Chef des Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Interview.
Bilder des deutschen Astronauten Alexander Gerst aus der ISS (20 Bilder)

(Bild: ESA/NASA)
Was war für Sie die größte Umstellung vom DLR zur ESA?
Jan Wörner: Na ja, einerseits ist die ESA zwar eine zwischenstaatliche Einrichtung und damit sehr unabhängig. Andererseits befindet sie sich in der Erwartungshaltung von 22 Mitgliedsstaaten und damit in einer besonderen Abhängigkeit. Diese Balance – und gleichzeitig das innere Gefüge mit Menschen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichem kulturellem Ursprung – ist schon eine besondere Herausforderung.
Wie groß ist das Handicap, als Europas Raumfahrtchef nie im Weltraum gewesen zu sein?
Jan Wörner: Wieso nie im Weltraum? Natürlich war ich im Weltraum - ich bin es ja immer noch. Und zwar nicht nur in Gedanken, sondern als Astronaut seit 61 Jahren in einem perfekten Raumschiff: unserer Erde.
Das Interesse in Deutschland an der Mission von Raumfahrer Alexander Gerst war groß. Wann fliegt der nächste Deutsche ins All?
Jan Wörner: Wir haben mit dem damaligen ESA-Generaldirektor vereinbart, dass 2018 wieder ein europäischer Astronaut deutscher Nationalität zur ISS fliegen soll. Details sind gerade in der Klärung.
Wie kann die ESA das Interesse nutzen, das die Rosetta-Mission und der Raumflug von Alexander Gerst bei vielen ausgelöst haben?
Jan Wörner: Astronautinnen und Astronauten sind ideale Botschafter für die Raumfahrt. Aber neben der Faszination ist auch klar: Raumfahrt hat einen Nutzen. Sie ist fester Bestandteil für viele Aktivitäten auf der Erde – Kommunikation, Navigation, Forschung. Trotzdem brauchen wir Faszination. Sie hilft uns, bei allen irdischen Problemen den Glauben an eine gestaltungsfähige Zukunft zu erhalten.
Sie haben vor kurzem auf der Luft- und Raumfahrtmesse in Moskau viele Gespräche geführt. Wie stellen Sie sich angesichts der aktuellen politischen Probleme die Zusammenarbeit mit Russland vor?
Jan Wörner: Gerade in Zeiten irdischer Krisen ist die Raumfahrt als Brückenbauer aktiv. Das ist überaus erfreulich und sehr wichtig. Der ESA kommt hier eine besondere Rolle zu, weil wir von Ost und West gleichermaßen als Partner anerkannt sind.
Mit Alexander Gerst um die Welt (12 Bilder)

(Bild: Alexander Gerst - ESA/NASA)
(mho)