Forschen für die PR

Coca-Cola unterstützt eine Organisation, die bei Übergewicht von der Rolle schlechter Ernährung ablenken soll.

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Coca-Cola unterstützt eine Organisation, die bei Übergewicht von der Rolle schlechter Ernährung ablenken soll.

Wie sich die Bilder gleichen. Früher versuchte die Tabakindustrie, Wissenschaftler dafür einzuspannen, die Gefahren des Rauchens herunterzuspielen. Nun versucht auf ähnliche Weise Coca-Cola, vom Zuckergehalt ihrer Produkte abzulenken. Es wäre nicht das erste Mal, sagen Kritiker. Erst im Februar bezahlte der Konzern laut "New York Times" Ernährungsberater dafür, für Mini-Coladosen als gutem Snack zu werben.

Nun schlägt eine weitere Idee des Getränkekonzerns Wellen. Er finanzierte die Gründung einer neuen gemeinnützigen Organisation mit mindestens einer Million Dollar mit. Das Global Energy Balance Network (GEBN) soll die Gründe für die große Zunahme von Übergewicht und Fettleibigkeit erforschen. Ihre zentrale These ist das Konzept des Energiegleichgewichts. Dieses besagt: Um nicht zuzunehmen, darf die Menge der verbrauchten Kalorien (Grundversorgung des Körpers plus Bewegung) nicht größer als die der aufgenommenen Kalorien sein.

Das klingt erst einmal gut, wenn auch nicht so überraschend, dass dafür weitere Forschung notwendig wäre. Die Organisation gibt sich denn auch alle Mühe, seriös zu wirken: Ihr gehören führende Wissenschaftler aus den USA, Europa, Südamerika und Australien an. Sie sollen angeblich offen an die Frage herangehen. Dumm nur, dass Steven Blair, Bewegungswissenschaftler von der University of South Carolina und GEBN-Vizepräsident, in einem Video anlässlich der Gründung folgende entlarvende Sätze gesagt hat (es wurde inzwischen aus dem Netz genommen): "Die populären und wissenschaftlichen Medien fokussieren meist darauf: ,Oh, die Leute essen zu viel‘ und machen dann Fastfood, zuckerhaltige Getränke und so weiter dafür verantwortlich. Dabei gibt es so gut wie keinen Beweis dafür, dass das die Ursache ist."

Das englische Wort für Beschönigung – "sugarcoating" – passt in diesem Fall besonders gut. Denn natürlich ist das grobe Augenwischerei. Der Zusammenhang – ja, auch mit mangelnder Bewegung – ist wissenschaftlicher Konsens. Erst kürzlich haben US-Forscher im Fachjournal "Circulation" veröffentlicht, dass explizit gezuckerte Getränke im Zeitraum von 1980 bis 2010 weltweit jährlich für etwa 184.000 Todesfälle verantwortlich waren, indem sie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs verursachten. Dagegen versucht das GEBN den Fokus weg von der Rolle schlechter Ernährung und hin zum – bisher angeblich unzulänglich beachteten – Einfluss von Sport zu verschieben. Dabei ist klar, dass Bewegung nicht sämtliche überschüssigen Kalorien abzubauen vermag – will man nicht zum Profisportler mutieren.

Es ist sicher kein Zufall, dass die Organisation zu einer Zeit gegründet wurde, in der weltweit Bemühungen laufen, den Konsum gezuckerter Getränke etwa durch Aufklärung und Steuern einzudämmen – mit ersten Erfolgen, wie die "New York Times" schreibt: US-Bürger trinken pro Kopf und Jahr 25 Prozent weniger als vor 15 Jahren. Die Zahl der Fettleibigen steige bei Erwachsenen und Schulkindern zumindest nicht mehr und sinke bei Kleinkindern.

Nicht jede Industriefinanzierung muss Einflussnahme bedeuten. Doch wer sich von Coca-Cola unterstützen lässt, muss sich fragen lassen, wie unabhängig seine Forschung sein kann – und gleich offen damit umgehen. Als jedoch die GEBN gegründet wurde und begann, Forscher anzuwerben, verschwieg sie zunächst sowohl in den Einladungen als auch auf der Webseite die Finanzierung durch Coca-Cola.

Man darf gespannt sein, welche Forscher bei der Stange bleiben – und wie viele künftige GEBN-Studien von Coca-Cola mitfinanziert werden und zu welchem Ergebnis sie kommen. Kürzlich stellte ein in „PLOS Medicine“ veröffentlichter Artikel fest, dass Studien, die von der Getränkeindustrie finanziert werden, mit fünffacher Wahrscheinlichkeit keinen Zusammenhang zwischen gezuckerten Getränken und Gewichtszunahme finden als Studien, deren Autoren keine finanzielle Bindung angeben. (vsz)