Familientreffen mit Anhang
Ende November fand in Hennef bei Bonn die proTOS 95 statt. Obwohl die Messeorganisation bemüht ist, die proTOS zu einer "systemübergreifenden Computermesse für Atari, Mac und PC" auszubauen, entstammte doch der größte Teil der über 50 Aussteller nach wie vor der Atari-Welt.
- Martin Reitzlein
Von der Mac-Seite her versuchten immerhin ein Apple-Servicehaus, Viva Software und Apple selbst, einige der fast 8500 Besucher von ihren Produkten zu überzeugen. Reine PC-Anbieter waren nur mäßig vertreten. Die Veranstalter kündigten aber an, zum nächsten Jahr ihr Engagement in dieser Richtung zu verstärken. Endgültig konvertiert war jedenfalls noch keiner der vertretenen Atarianer. Die meisten scheinen nach wie vor von der Tauglichkeit dieses Systems überzeugt, und erstaunlich viele dokumentieren dies durch die weitere Entwicklung und Pflege eigener Hard- und Software.Application Systems Heidelberg (ASH) stellte mit Texel für 149 DM eine neu entwickelte Tabellenkalkulation vor, eine Anwendung, die dem Atarimarkt seit der Einstellung der Entwicklung von K-Spread und LDW PowerCalc weitgehend gefehlt hat. Texel unterstützt die alten Formate, der Import von Lotus- und Excel-Dateien wurde angekündigt. Darüber hinaus läuft ASHs MagiC in der Version 4 endlich auch auf dem Falcon. In der DTP-Ecke, in der sich die Apple-Rechner konzentrierten, fehlten eindeutig zwei bekannte Namen -- DMC und Digital Arts. Von ersteren ist allerdings schon länger bekannt, daß deren Umorientierung in den Massenmarkt den Atari-DTPler eher desorientiert.
Nicht nur Trost, sondern auch neue Hard- und Software boten da die ehemaligen Calamus-Entwickler von adequate systems (as) und der inversmedia Verlag. Neben neuen Modulen für Calamus führten as einen Prototyp ihres SCSI-Belichterinterface vor, das den gleichzeitigen Anschluß von TT und Mac -- auch ohne Magic -- an einen Belichter (Linotronic) erlaubt. Das Gerät erkennt automatisch, ob das Dokument erst noch über den RIP (Raster Image Processor) laufen muß. Der inversmedia Verlag stellte neben seinem Magazin für Typographie und Gestaltung, das auf der Messe seinen ersten Geburtstag feierte, einige sehr nützliche Module vor. Darunter den "Positioner", der zahlreiche, konfigurierbare Funktionen zum Positionieren, Kopieren und Konstruieren von Calamus-Objekten in sich vereint.
Harte Ware Schon lange angekündigt und nun tatsächlich angeboten wurde der Afterburner, der dem Falcon einen 68040er sowie eine FastRAM-Erweiterung verschafft und damit nach Benchmarks den TT deutlich überbietet. Getestet bis 64 MB sollte eine Bestückung mit 128 MB laut Overscan keine Probleme bereiten. Die sage und schreibe zehn verfügbaren Exemplare verkauften sich trotz des Preises von 1200 DM recht schnell. Ohne Prozessor -- dafür aber auch kostengünstiger -- kommt die Erweiterungskarte von Blow Up daher. Mit ihr wird der Raubvogel auf 40/50 MHz hochgetaktet und um vier Simmsockel für FastRAM erweitert. Außerdem ist die altbekannte Bildschirmerweiterung integriert. Die Speicherkarte von H&N bietet zwar weniger relevante Beschleunigung, dafür aber bei noch geringerem Kaufpreis vollständige Kompatibilität zum Original-RAM. Professionelle Anbindung an die High-End-Musikwelt bietet Soundpool, unter deren zahlreichen Interfaces zur Steuerung von Studiotechnik als neuestes ein ADAT-Digital-Interface herausragt. Damit können alle acht Spuren eines ADAT-Recorders (arbeitet mit Videobändern) gleichzeitig digital gemischt oder auf die Platte des Falcon aufgenommen werden. Die hierdurch erreichbare Qualität wird sonst nur von astronomisch teuren Masteringsystemen erzielt. C-Lab liefert die passenden Rechner: den an einigen bekannten Schwachstellen verbesserten Falcon. 500 Stück will die Firma davon pro Quartal absetzen. Nachdem Atari praktisch seine gesamte Entwicklercrew entlassen hat, gibt es auch erneut Hoffnung, mit den nach Europa zurückkehrenden Kräften die Weiterentwicklung von TOS doch noch zu realisieren.
Den fraglos dicksten Brocken tischte der Schweizer Fredi Aschwanden auf. Nicht nur, daß der Atari-Clone Medusa jetzt mit einem 68060er Prozessor noch mal um den Faktor 2-3 schneller geworden ist, darüber hinaus kündigte er zusammen mit Carasys und MW-Electronic die Produktion eines neuen Rechners an, der im 2.Quartal 96 unter dem Namen "Hades" auf den Markt kommt. Ein erstes lauffähiges Exemplar mit 68040er und PCI-Bus ließ sich auf der proTOS bestaunen. Von der Geschwindigkeit her mit der Medusa T40 vergleichbar, soll der Rechner mit 4 MB RAM, PCI-Grafikarte und 850er Platte für 3500 DM zu haben sein.
Harte Währung
Neben den High-End-Werkern und Hardware-Entwicklern zeigten auch die übrigen Anbieter, daß ihr Engagement im TOS-Markt noch nicht zu Ende geht. Haufenweise Anpassungen an MagiCMac und sonstige Updates bezeugen das: Delirium Arts' Bildschirmschoner Twilight bietet nun eine Energiesparfunktion, Alexander Heinrichs Datenbank Maxidat verfügt jetzt über Dbase-III-Im- und -Export, und Reiner Rosin baute während der Messe auf Zuruf neue Features in "Zeig's mir" ein. Mancher Besucher mag den Eindruck gewonnen haben, daß es sich in weiten Teilen um einen Ramschmarkt handelte. Der Atari-Markt scheint aber in Deutschland offenbar noch lebendig und bei guter Laune zu sein. Fast alle Aussteller waren schon am Samstag abend hoch zufrieden. Von den drei Mac-Ständen vernahm man Erweiterungspläne für das nächste Jahr. (nl) (nl)