Online-Euphorie
Nur auf den ersten Blick ähnelte der achte Anwenderkongreß für digitales Publizieren, der Ende letzten Jahres wieder in Berlin stattfand, den vorhergehenden. Altbekannte Schlagworte wie "digitales Drucken" oder "Tele-Publishing" erhielten vor dem Hintergrund leistungsfähigerer Datenkommunikation neue Bedeutungen - mit Konsequenzen für die Print-Branche.
- Hans Weiß
Viele Unternehmen werden sich überlegen müssen, wie ihre Botschaften nicht nur gedruckt oder auf CD-ROM, sondern auch via PC einem potentiellen oder schon bestehenden Kunden vermittelt werden sollen. Als neues Schlagwort für diese umfassende Art des Publizierens macht "Cross Media Publishing" die Runde. Wichtig dabei: sich rechtzeitig Gedanken über die Anforderungen an digitale Texte und Bilder zu machen, um sie ohne Mehrfacherfassung für die unterschiedlichen Distributionskanäle nutzen zu können.
Entscheidend ist die Akzeptanz des Mediums. Zwar wird beim Internet allenthalben von einer wahren Euphorie gesprochen - wenngleich die meisten dabei übersehen, daß "Euphorie" im eigentlichen Wortsinn zwar gesteigertes Hochgefühl bedeutet - aber bei schwerer organischer Krankheit!
Der Veranstalter tat gut daran, mehr als 20 Vorträge dem Online-Publishing zu widmen. Angefangen von den Grundlagen über die Möglichkeiten für das Marketing im WWW bis zu konkreten Werkzeugen, mit denen sich Web-Seiten derzeit am komfortabelsten erstellen lassen. In Frage kommen hier zum einen Editoren - wie etwa Adobes PageMill oder das SiteMill, das auf dem Server auch die Hyperlinks verwalten kann. Zum anderen können mit DTP-Programmen gestaltete Seiten mittels Konvertern ebenfalls ins HTML-Format überführt werden. Beispiele sind die Quark XPress XTension HexWeb der Firma HexMac und das PageMaker-Plug-In HTML-Author.
Ungeklärt blieb, wer in Zukunft die Seiten für das Web oder den Online-Dienst aufbereiten und die Server betreiben soll. Der Anbieter selbst, sein Netz-Provider oder ein Dienstleister? Kurt Wolf vom "Deutschen Drucker" sieht hier für Vorstufenbetriebe ein neues Geschäftsfeld als Outsourcer, nachdem sie "aus Mangel an Kompetenz" als Multimedia-Produzenten gescheitert seien.
Wahrscheinlicher ist, daß ihr Anteil am Online-Publishing ebenso marginal sein wird wie an der CD-ROM-Produktion. Und dies gilt - für Vorstufenbetriebe und Druckereien gleichermaßen - sogar in bezug auf den Digitaldruck. Denn heute schon wird die Mehrzahl der Computer-to-Plate-Maschinen - quasi die Vorstufe zum Digitaldruck - nicht bei ihnen, sondern als Inhouse-Lösung, also vom "Kunden" selbst, eingesetzt. Diese Tendenz wird sich bei den Digitaldruckmaschinen und angesichts besserer Datenkommunikation fortsetzen. In der Kombination dessen geht der Trend dahin, die Informationen erst zu verteilen und dann in Nähe der Einsatzorte in kleineren Auflagen zu drucken - "Printing on demand" in ausreichender Farbqualität. Diese neuen Techniken setzen allesamt eine ausgeprägte Fähigkeit des Produzenten zum "digitalen Denken" voraus; der Umgang mit den Daten will beherrscht sein - ihrer Formate, effektiven Speicherung und Verwaltung. Hier hat die Druckbranche offenbar die schlechteren Karten. Ausdruck dessen ist wohl auch die Umschichtung bei den Teilnehmern des DTP-Kongresses, die Dr. Lutz Kredel vom Veranstalter Omnia über Jahre beobachten konnte: immer weniger gestandene Drucker oder Vorstufendienstleister, aber immer mehr "Seiteneinsteiger" zählen zu den Interessierten am Publishing der Zukunft. (fm) (fm)