Friede, Freude, Apfelkuchen

Trotz Übernahmegerüchten und mieser Stimmung im Apple-Lager bemühte man sich, auf der größten Mac-Messe Euphorie zu verbreiten. Vor allem mit kleinen Neuheiten konnte man denn die 70 000 Besucher auch erfreuen.

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Von
  • Andreas Beier
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Das interessanteste Ausstellungsstück auf dem Apple-Stand war zweifelsohne der Prototyp einer PC-Karte mit Pentium- oder Cyrix-586-Prozessor für die PCI-Macs. Wiewohl die Vorführung schneller DOS- und Windows-Kompatibilität Aufsehen erregte, waren noch keine technischen Details in Erfahrung zu bringen – genausowenig wie ein Datum, zu dem die Produkte auf den Markt kommen. Auch Konkurrent Orange Micro zeigte den Stand der Dinge; hier darf man wohl frühestens zur CeBIT mit einem verkaufsfähigen Produkt rechnen. Jedenfalls beschränkt sich Orange auf 486er- und Cyrix-586er-CPUs; der Engineering-Aufwand für Pentium-Karten sei zu hoch, ließ man verlauten. Wenigstens erfreuten die Lizenznehmer mit ihren Clones die Macintosh-Gemeinde. Daystar hat jetzt seinen Genesis MP fertig, den ersten Multiprozessor-Mac mit vier PowerPC 604-CPUs (siehe Bericht zur Frankfurter MacWorld in c’t 12/95). Power Computing peilt mit der PowerCurve-Reihe den Low-Cost-Markt an; das erste Modell mit der Bezeichnung 601/120 enthält einen PowerPC 601 mit 120 MHz, drei PCI-Slots sowie vier DIMM-Steckplätze (max. 256 MByte RAM). Power entwickelt seine Motherboards selbst, schaut aber gerne mal beim Vorbild ab: zum Beispiel sitzt auch hier die CPU auf einer Tochterplatine; die Mainboard-Grafik beschränkt sich ebenso wie bei Apple selbst bei 4 MByte VRAM (Maximalausstattung) auf schwache 1024 x 768 Pixel und 24 Bit Farbtiefe. Weitere Ausstattungsmerkmale: Ethernet (AUI und 10Base-T) on Board, Quadro-Spin-CD-ROM, Festplatte je nach Wunsch mit Kapazitäten zwischen 850 MByte und 4 GByte. Ein internes ZIP-Laufwerk ist optional erhältlich. Den Rechner gibt es in zwei Varianten: im Slimline-Gehäuse (à la 6100) mit Platz für ein 5,25"-Medium und zwei 3,5"-Laufwerke mit halber Bauhöhe, sowie im Desktop-Gehäuse (à la 7100) mit Platz für zwei 5,25"-Laufwerke und drei 3,5"-Medien mit halber Bauhöhe. Preislich rangiert der PowerCurve 601/120 mit rund 1900 US-$ zwischen dem PowerMacintosh 7200 und 7500, bietet aber deutlich mehr Leistung als der 7500er. Neben Anwendungsprogrammen wie ClarisWorks, Nisus Writer, Now Up-to-Date und Now Contact gehören auch eine ganze Reihe von Spiele-CDs zum Lieferumfang; gegen Aufpreis gar ein installiertes Microsoft Office.

Natürlich haben auch die Hersteller von Steckkarten für die PCI-Macs nicht geschlafen und konnten mit allerlei Neuigkeiten aufwarten. ATI Technologies zeigte Xclaim MM, einen 64-Bit-Beschleuniger für QuickDraw und QuickTime-Filme, der sich auch zum Aufnehmen von Videosequenzen anbietet. In der Standardkonfiguration digitalisiert die Karte bis zu 320 x 240 Pixel bei bis zu 30 Bildern pro Sekunde – ATI will 7200-Besitzern die Möglichkeit zum ‘Multimedia-Upgrade’ auf den Stand des 8500 bieten. Einen TV-Tuner wird es optional geben, ebenso einen MPEG-Codec, der Full-Size-Video digitalisieren soll. Zu Beeindrucken wußte Yarc-Systems mit Screamer, einer speziell für die Zusammenarbeit mit QuickDraw 3D ausgelegten Karte. Angeblich spielt es für die rasante Performance keine Rolle, ob auf ein 3D-Objekt Funktionen wie Rendering, Dithering oder Transparenz angewendet werden oder nicht. Adaptec stellte mit der PowerDomain 3940UW einen Dual-Channel-SCSI-Beschleuniger vor, der mit modernen UltraSCSI-Geräten eine Datenübertragungsrate von bis zu 80 MByte pro Sekunde erzielt, zu bestehenden Standard-SCSI-Medien aber dennoch kompatibel bleiben soll. Mit der PCI-Karte Smart Serial 6 macht KeySpan endlich Schluß mit der Knappheit an seriellen Schnittstellen. Vier der sechs auf der Karte untergebrachten Ports können gleichzeitig mit 115,2 KBit pro Sekunde betrieben werden, die restlichen zwei müssen sich mit 57,6 Kbps begnügen. Zwei davon sind außerdem in der Lage, wahlweise als RS-232-, RS-422-, RS-485-, V.35- oder X.21-Schnittstelle zu agieren.

Optima Technology bemüht sich, die Herstellung von CD-ROMs deutlich zu vereinfachen. Setzt man den CD-Recorder DisKovery 650CDR in Kombination mit der Software CD-R Access ein, verhält sich eine zu beschreibende CD wie eine Diskette: sie wird auf dem Desktop gemountet, per Drag&Drop kopiert man Dateien darauf. Bis die CD voll ist, kann man sie beliebig oft auswerfen, wieder einlegen und um weitere Dateien ergänzen – erst mit der ‘Finalise’-Funktion wird die CD fertig gebrannt und damit auch für herkömmliche CD-ROM-Laufwerke lesbar. Neben Mac-HFS unterstützt das Programm die Formate Audio, ISO 9660 und CD-I.

Apple hatte kaum neue Programme vorzuweisen: das Media Tool in der Version 2 etwa, das jetzt auch QuickTime VR und AppleScript sowie HyperText unterstützt, oder ein Projekt namens ‘CyberDog’, hinter dem sich eine Sammlung von Internet-spezialisierten OpenDoc-Modulen verbirgt. Vor einem Jahr an der selben Stelle hat Claris ihn angekündigt, jetzt ist der Filemaker 3.0 endlich fertig – und damit erstmals PowerPC-native und relational. Neben 1:1-, 1:n- sowie n:n-Beziehungen sind die textverarbeitungsähnlichen Funktionen neu, die Lineale, Tabulatoren und Texteinzüge in Textfeldern zur Verfügung stellen. Gegenwind bläst Claris von Powersoft entgegen, das unlängst von Sybase übernommen wurde und jetzt den PowerBuilder für den Macintosh fertig hat. Das Konzept ist hier ein anderes: dank integrierter Skriptsprache und objektorientiertem Design soll man schnell und einfach grafische Oberflächen für die verbreitetsten SQL-Datenbanken schaffen können. Den Sprung in die Client/Server-Welt hat in der Version 3.0 auch Panorama gemacht, eine besonders in den USA beliebte Datenbank. Das Programm hält seine Daten vollständig im RAM und aktualisiert sie auf dem Server erst dann, wenn sie sich geändert haben. So läßt sich auch ohne Netzverbindung noch mit den Daten arbeiten, die dann automatisch abgeglichen werden, sobald wieder Zugriff auf den Server besteht. Adobe will mit dem neuen Programm PhotoDeluxe nun auch den gelegentlichen Anwender gewinnen, der bisher von dem Leistungsumfang Photoshops abgeschreckt wurde. Eine neuartige einfache Benutzerführung mit Anleitungen zum Durchführen häufiger Aufgaben sollen vor allem die Bearbeitung von Fotos vereinfachen. Die neuartige Tabellenkalkulation C&G Solutions von Casady & Greene eignet sich dank intuitiver Bedieneroberfläche für gelegentliche Anwender wie Profis gleichermaßen. Es unterscheidet zwischen Eingabe- und Ausgabefeldern sowie Operatoren; versehentliches Löschen von Formeln gehört damit der Vergangenheit an. Dabei sind gleichzeitig die Zusammenhänge auf einen Blick erfaßbar. Mit Layouts lassen sich verschiedene Sichten auf einen Sachverhalt kreieren.

Der schreibfaule Anwender wird sich über das neue OmniPage Pro 6.0 freuen. Verbesserte Genauigkeit und gesteigerte PowerPC-Performance gepaart mit der Möglichkeit, Texte direkt in ein Programm einzulesen bestätigen caere als führenden Hersteller von OCR-Software. Version 6.0 ist sogar in der Lage, die Gestaltung einer Seite zu erhalten. So eingelesene Seiten können etwa direkt als HTML-Dokument abgelegt werden. DOSMounter von den Software Architects ist das bisher einzige Produkt, das beim Bearbeiten von DOS-Disketten sowohl die altbekannten Namen im 8.3-Format wie die langen Namen von Windows 95 unterstützt. Auch die Möglichkeit, Macintosh- und DOS-Partitionen auf einem Medium (Diskette oder Wechselplatte) gleichzeitig zu erstellen, beherrscht bisher nur DOSMounter.

Die neue FAXstf-Version 3.2 wartet mit einer Reihe nützlicher Bedienhilfen und Verbesserungen auf. Die Faxfunktionen können nun per Kontrolleiste, per globalem Menü oder per flottierendem Fenster gesteuert werden. Empfangene Faxe lassen sich jetzt automatisch an eine andere Adresse umleiten oder zur Übertragung via Internet ins Binhex-Format umwandeln. WebArranger von CE Software gehört einer neuen Gattung von Software an, die sich mit der Verwaltung von Informationen aus dem Internet beschäftigt. Neben der Verwaltung – sortieren, suchen, strukturieren – von URLs (Universal Resource Locators) kann WebArranger auch den Weg, den man durch das World Wide Web nimmt, aufzeichnen, so daß man zu einem späteren Zeitpunkt den gleichen Weg noch einmal ‘gehen’ kann. Hat sich eine Webseite seit dem letzten Besuch verändert, gibt WebArranger eine Meldung aus. Der Star am Dienstprogrammehimmel war unangefochten OneClick von WestCode Software. OneClick vereint die Funktionalität von QuicKeys, der Kontrolleiste und DragStrip mit einer Darstellung von Buttons in Paletten à la Kontrolleiste. Dank Skriptsprache sind nahezu beliebige Erweiterungen denkbar. Durch die Aufnahme von Klicks und Eingaben verliert die ‘Programmierung’ ihren Schrecken. Umfangreiche Bibliotheken und sogenannte Paletten vereinfachen die Erstellung eigener – auf Wunsch auch programmspezifischer – Palettenfenster erheblich. In OneClick steckt so viel Funktionalität und Vielfalt, daß man leicht darüber die eigentliche Arbeit vergißt. (se) (ha)